Im Schatten grosser Traditionsmarken ändern junge Uhrenmarken die Spielregeln – und entwickeln Modelle, die sich an grosse Kinder richten.

Ist es möglich, mit 59 Jahren noch ein Kind zu sein? Scheinwerfer auf Maximilian Büsser! Der Gründer von MB&F hat das Kind in sich nie erwachsen werden lassen – und das ist gut so: Er hat aus seiner kindlichen Neugier ein florierendes Geschäft gemacht. Der Mann gehört zu einer talentierten Generation, die Anfang der 2000er-Jahre die Uhrmacherkunst revolutionierte. Wie so oft begann auch seine Karriere in grossen Häusern, bevor er sich selbstständig machte. Der Grund? Der Wunsch, die Grenzen einer konservativen Branche zu sprengen und ihr eine kreative Note zu verleihen. Die Zeit war reif dafür: Die Uhrenindustrie strotzte vor Einfallsreichtum, erforschte neue Methoden und liess sich von verwandten Bereichen wie der Luftfahrt oder der Automobilindustrie inspirieren. 

Maximilian Büsser trat in die Fussstapfen von Uhrmachern wie Guilio Papi oder François-Paul Journe, die bereits neue Wege beschritten hatten. Ihre Abenteuer inspirierten Marken wie die 1997 gegründete Schweizer Manufaktur Urwerk. Alle mussten sich dieselben Fragen stellen: Wie kann man eine neue Marke etablieren? Wie kann man im Schatten von Häusern mit Geschichte bestehen, die von grossen Luxuskonzernen – Richemont, Swatch und später LVMH – oder von mächtigen Familien wie Patek Philippe oder Audemars Piguet kontrolliert werden? Wie kann man seine Kreationen produzieren und vermarkten?

«Es gibt eine Sache, die diesen Pionieren wirklich den Weg geebnet hat: der Vertrieb über das Internet», erklärt Philippe Peverelli, ehemaliger CEO von Tudor und derzeit Leiter der Uhrensparte der Sandoz-Stiftung. Aber das reichte nicht aus: Es galt auch, eine neue Kundschaft zu gewinnen. «Es ist das Publikum, das über den Erfolg oder Misserfolg einer Marke entscheidet. Wenn es überzeugt ist, macht es sie zu seiner eigenen», fährt er fort. Um sich abzuheben, setzten die jungen Häuser auf Innovationen: neue Technologien, gewagtes Design, aerodynamische Materialien. Für einige ging es um Sport-Chic, für andere um Hochleistungsmechanik oder uhrmacherische Komplikationen. Jede Marke hat auf ihre Weise die Kunst der Zeitanzeige neu erfunden. «Heute nehmen sie einen wichtigen Platz in der Uhrmacherkunst ein. Es ist ihnen gelungen, einen kleinen Kreis von begeisterten Liebhabern um sich zu scharen», betont Peverelli. 

Echte Erfolgsgeschichten

An der letzten Watches & Wonders in Genf kamen sechs neue Marken zum Carré des Horlogers, dem Showcase für unabhängige Uhrenhäuser, hinzu (u. a. Kross Studio, MeisterSinger und Christian van der Klaauw). Auch wenn nicht alle die wirtschaftlichen Unwägbarkeiten überstehen oder die strukturellen Herausforderungen meistern, schreiben einige von ihnen echte Erfolgsgeschichten. Etwa Edouard Meylan, der 2013 mit seiner Familie H. Moser & Cie übernommen hat.

Über den Erfolg der Rauchzifferblätter und eine ausgefallene Kommunikation hinaus geht die Marke bemerkenswerte Kooperationen ein, etwa 2024 mit Alpine Motorsports. Ein weiterer Name für Mut und Beharrlichkeit: Richard Mille. Der Mann,  der uns mit seinen hochtechnischen und extrem leichten Uhren (das Modell von Ambassador Rafael Nadal wog nur 20 Gramm) zum Träumen gebracht hat, ist in den exklusiven Kreis der milliardenschweren Marken aufgestiegen. Peverelli zieht den Hut vor der Leistung: «Bis heute ist es zweifellos der unglaublichste Erfolg des 21. Jahrhunderts.»  

H. Moser & Cie

Sein Vater war einst Chef von Audemars Piguet im Herzen des Vallée de Joux. Kein Wunder, wurde Edouard Meylan schon früh vom Uhrenvirus infiziert. Als er 2013 die Leitung von H. Moser & Cie übernahm, zeichnete er sich durch originelle Stücke aus: eine Uhr zum Giessen, ein Armband aus Schweizer Rindsleder … ohne jemals Kompromisse einzugehen. Seine neueste Uhr Streamliner blickt zum Himmel: ein Zifferblatt aus einem Meteoritenfragment, zwischen Erde und Kosmos.

Streamliner Perpetual Moon Concept Meteorite, 35 000 Fr.

Urwerk

Die Uhr der Zukunft neu erfinden, indem man UFO-Modelle für das Handgelenk kreiert: Das ist das Markenzeichen von Urwerk. 1997 ebnete die Begegnung zwischen Felix Baumgartner und dem Designer Martin Frei den Weg für zeitgenössische Kreationen, die mit Konventionen brechen. Die UR-Freak, die in einer Auflage von 100 Exemplaren produziert wurde, ist ein Beispiel dafür: Bei der Zusammenarbeit mit Ulysse Nardin wurden die Satellitenanzeige von Urwerk und das Freak-Uhrwerk kombiniert.

UR-Freak, Preis auf Anfrage.

Norqain

Ben Küffer stammt aus Nidau. Dort schlägt das Herz von Norqain, seiner 2018 gegründeten Familienuhrmanufaktur. Design, Entwicklung und Produktion: Alles geschieht unter einem Dach. Die unabhängige Schweizer Marke bietet sportlich-elegante mechanische Uhren für rund 4500 Franken an. Mit ihrer Verankerung im Outdoorbereich spricht sie eine neue Generation von Uhrenliebhabern an. Das Modell Enjoy Life erinnert an die unbeschwerte Freude der Kindheit – mit Eiscreme-Motiv.

Freedom 60 Chrono 40  mm Enjoy Life Special Edition, 4550 Fr.

MB&F

Was sofort auffällt: sein sonniges Gemüt und die Energie. Als Einzelkind nährte Maximilian Büsser seine Fantasie mit Superhelden und Science-Fiction, eine Leidenschaft, die zum Motor von MB&F wurde. 2005 gründete er das Unternehmen. Seine Kreationen sind futuristische Spielzeuge für grosse Kinder. Die gemeinsam mit Eric Giroud entworfene neue HM11 Art Déco, limitiert auf zehn Exemplare, verkörpert diese Vision: eine Hybriduhr, die Uhrmacherkunst und Architektur verbindet.

HM11 Art Déco, Preis auf Anfrage.

BA111OD

Dank ihm ist die Haute Horlogerie nicht mehr einer Elite vorbehalten. BA111OD wurde 2019 von Thomas Baillod mit einem originellen Geschäftsmodell gegründet: Ohne Investoren und ohne klassische Werbung startete die Marke über LinkedIn. Ihr Ziel? Schweizer Tourbillons, die normalerweise mehr als 30 000 Franken kosten, für weniger als 6000 Franken anzubieten und damit komplexe mechanische Uhren einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Wie die neue Chapter 6 bringt mit dem Aventurin-Zifferblatt

Chapitre 6, 875 Fr.