
Mit Diesel machte er die Designerjeans zum Statement und baute eines der grössten Modeimperien Italiens auf. Auch mit 70 ist der Unternehmer noch umtriebig.
Pünktlich um 9 Uhr morgens sitzt er gut gelaunt in seinem Büro in Breganze und wuschelt sich durch die dunkelblonden Locken. Gestern hatte er zwar wieder mal eine lange Party, aber der Wecker klingelte trotzdem wie jeden Morgen um 5 Uhr. Sein tägliches Sportprogramm und vier Minuten in der Kryokammer liegen bereits hinter ihm.
1978 gründete der Bauernsohn aus der Po-Ebene mit Diesel seine heute knapp vier Milliarden Euro schwere OTB (Only The Brave) Group, zu der auch Luxushäuser wie Maison Margiela, Marni, Viktor & Rolf oder Jil Sander gehören. Von seiner philanthropischen Arbeit mit der OTB Foundation bis zu Bio-Wein und -Food, Hotellerie und nun auch Schönheitskliniken geht sein Engagement längst über die Modewelt hinaus.

Ihr Firmenmotto lautet: «Nur die Mutigen.» Wer war Ihr Superheld?
James Dean (Foto). Er verkörperte für mich den amerikanischen Traum, den die US-Soldaten zu uns aufs Land brachten, mit ihren schönen Autos, den Filmen, den Jukeboxen und der Rockmusik. Dean sah so verdammt gut aus! Ich träumte davon, auch so eine Jeans zu besitzen wie er. Stattdessen musste ich mit zwölf noch die langweiligen Wollhosen meines Bruders auftragen.
Mit 20 sind Sie nach New York geflogen, um Ihre erste Levi’s 501 zu kaufen…
Es war elektrisierend! Nie werde ich die Glücksgefühle auf meiner Fahrt vom JFK-Flughafen nach Manhattan vergessen – vorbei an diesen riesigen Leuchtreklamen, den Wolkenkratzern: Ich war endlich am Ziel meiner Jugendträume! Mit 15 nähte ich dann meine erste eigene Jeans an der Singer-Nähmaschine meiner Mutter: mit Riesenschlag und niedriger Taille. Daraus wurde dann acht Jahre später Diesel.
Wo fühlen Sie sich heute zu Hause?
In meinem Haus in Bassano del Grappa, zehn Kilometer von meiner Diesel-Farm entfernt. Es ist eine Andrea-Palladio-Villa (Foto) aus der Spätrenaissance, inmitten eines riesigen Gartens, malerisch gelegen an einem Fluss.


Zum 70. Geburtstag haben Sie mit Seventy (Foto) Ihre fünfte Biografie veröffentlicht. Was hat sich verändert?
Heute habe ich so viel mehr Wissen als noch mit 40: Meine Neugier bleibt ungebrochen. Und ich bewundere Technologien wie ChatGPT, die wie mein iPhone zu meinem täglichen Begleiter geworden sind.
Was ist die wichtigste Lektion, die Sie im Leben gelernt haben?
Anderen zuzuhören, nicht immer nur selber reden! Dann erzählt man nämlich nur, was man ohnehin schon weiss und lernt nichts Neues. Dazu gehört auch, regelmässig mit den Verkäufern in unseren Stores zu reden und gemeinsam herauszufinden, was die Leute am liebsten mögen und warum.
Was ist Ihr persönliches Lieblingsstück in der aktuellen Diesel-Kollektion?
Ich liebe Glenn Martens’ Kreativität, Couture-Technik mit Denim zu kreuzen, aber besonders cool finde ich diesen Jeans-Minirock (Foto), der scheinbar über eine integrierte Unterhose rutscht.

Mit Ihrer OTB Foundation unterstützen Sie nicht nur viele soziale Projekte, sondern erhalten auch italienische Kulturdenkmäler wie die Rialto-Brücke in Venedig. Warum?
Ich finde, dass Unternehmen, die Gewinne erzielen, verpflichtet sind, der Gemeinschaft etwas zurückzugeben. Die Restaurierung der Rialtobrücke war für mich ein Zeichen der Liebe an die einzigartige Stadt, in der ich studiert habe und in der ich ein Haus besitze. Ich wollte Venedig helfen, weil eines ihrer Wahrzeichen ernsthaft beschädigt war und kurz vor dem Verfall stand. Wir haben die gesamten Kosten von fünf Millionen Euro übernommen. Hätte es die Stadt gemacht, wären es vielleicht acht Millionen gewesen. Wir konnten die Kosten dank unseres unternehmerischen Engagements und mit weniger Bürokratie senken und die Arbeiten schneller abschliessen – ein Paradebeispiel für eine gelungene Kooperation zwischen Privatwirtschaft und öffentlicher Hand.

Nun haben Sie auch das «Hotel Ancora» in Cortina d’Ampezzo gekauft, obwohl Sie eigentlich ein Meertyp sind.
Meine Frau (lacht)! Sie brachte mich in die Dolomiten und lehrte mich, die Bergfrische mit jedem Atemzug zu schätzen. Das Panorama um Cortina ist einzigartig schön, und ich liebe es heute, dort mit dem Mountainbike loszuradeln und diese frische Energie in meinen Lungen zu spüren. Das legendäre Hotel „Ancora“ (Foto) stand zum Verkauf und ich dachte: Wo, wenn nicht hier, kann ich all mein bisheriges Wissen aus der Hotellerie, vom „Pelican Hotel“ in Miami Beach bis zum „Chiltern Firehouse“ in London, auf den Gipfel führen? Es ist ein ganz besonderes Haus geworden, das sich eher wie ein privates Zuhause anfühlt als wie ein Hotel.
Schönheitskliniken sind ebenfalls neu in Ihrem Portfolio. Was bieten diese genau?
Um diesen Bereich kümmert sich hauptsächlich meine Frau, Arianna Alessi. Sie bietet mit der Villa Brasini Beauty Clinic in Mailand, in Forte dei Marmi und in Rom die neuesten, nicht-chirurgischen High-Tech-Methoden in Longevity und ästhetischer Medizin an: Führende italienische Laser-Technik statt Skalpell oder PRP-Injektionen mit vitaminangereichertem Eigenblut oder nicht zuletzt Kryotherapie.
Sind Sie dort auch ein guter Kunde?
Na klar, ich schwöre auf die PRP-Therapie! Nach nur vier Behandlungen sieht meine Haut auf natürliche Weise zehn Jahre jünger aus. Eine Kältekammer habe ich sogar zu Hause und nutze sie fast täglich, vor oder nach dem Sport: Minus 87 Grad, vier bis fünf Minuten lang. Eine magische Energiequelle.
Wie möchten Sie von der Nachwelt erinnert werden?
Ich will in Erinnerung bleiben als einer, der das Leben geliebt, Positives bewirkt und neue Wege probiert hat. Gute Dinge geschaffen zu haben, die über mich selbst hinaus Bestand haben. Das ist für mich wahre Unsterblichkeit.

