
Der kommende Winter verspricht einen maskulinen Look mit Anzügen und sartorialen Details, weit entfernt von den überall zu sehenden Sneakers und übergrossen Hosen. Der Streetstyle tritt in den Hintergrund, der Stil bleibt.
Man hielt sie für ewig. Unantastbar. Fast unbesiegbar. Streetwear, der absolute König des vergangenen Jahrzehnts, schien die Herrengarderobe mit XXL-Hoodies und überdimensionalen Sneakers fest im Griff zu haben. Und doch! Die Fashion Week Homme Herbst/Winter 2026, die gerade in Mailand und anschliessend in Paris zu Ende geht, läutet das Ende einer Ära ein. Eine Botschaft ist klar: Die Zeit der stilvollen Lässigkeit ist endgültig vorbei.
Die Herrenmode wird wieder massgeschneiderter, raffinierter und selbstbewusster. Die Silhouetten werden enger, die Jacken strukturierter, die Hosen finden ihre Linie wieder. Der Mann kleidet sich nicht mehr, um in der Menge unterzugehen, sondern um sich abzuheben. Er legt Wert auf Aussehen, achtet auf Details und begrüsst eine neue, fast schon freche Eleganz. Eine Generation neuer Dandys ist im Entstehen begriffen. Der Beweis dafür sind einige markante Silhouetten, die zwischen Mailand und Paris gesichtet wurden und diesen Wandel unmissverständlich signalisieren.
Prada
Wenn man von Sartorial spricht, ist Italien als Geburtsort des Anzugs, der richtigen Geste und der als Erbe weitergegebenen Eleganz eine Selbstverständlichkeit. Prada liefert eine scharfsinnige, fast chirurgische Interpretation davon. Die Silhouetten werden gestreckt, die Mäntel verlängern die Linie, formen die Haltung und verleihen eine neue Vertikalität. Signature-Detail: Die Manschettenknöpfe aus Schmuck, die mit dem mythischen „P“ bestickten Hemdsärmel ragen auffällig aus den Jacken heraus, wie ein diskretes, aber unübersehbares Manifest bewussten Luxus.



Zegna
Bei Zegna, dem unangefochtenen Meister der zeitgenössischen Schneiderkunst, wird Strenge nomadisch. Die Mäntel werden nur über eine Schulter geworfen, als wären sie zwischen zwei Terminen im Flug ergriffen worden, und erinnern an einen modernen Flaneur, frei und sicher in seinem Tempo. Der Smoking wird gefaltet getragen, fast unter dem Arm eingeklemmt, lässig, in einer organischen Farbpalette aus Moosgrün und Holzbraun. Selbst die Pullover erfinden sich neu! Um die Taille gewickelt, die Ärmel verstaut, niemals vorne herunterhängend, zeichnen sie eine bis ins Detail kontrollierte Silhouette, lässig, ohne jemals nachlässig zu wirken.




Paul Smith
Dann kommt Paul Smith, der eine sehr britische Fantasie einbringt, die Neuerfindung eines modernen Oliver Twist, schelmisch und raffiniert. Absichtlich verlängerte Krawatten, die in die Hose gesteckt werden, übereinandergetragene Pullover, die über die Schultern geworfen werden, Hüte und Baskenmützen als Markenzeichen, ein verspielter, kultivierter, köstlich ausgefallener Dandyismus.



Louis Vuitton
Bei Louis Vuitton ist dieser Wandel besonders symbolträchtig. Lange Zeit als König der Luxus-Streetwear gekrönt, hat sich die Garderobe des Hauses zu einem eher konstruierten Look gewandelt. Makellos geschnittene Zweireiher aus Wolle, handgefertigte Aktentaschen aus Leder, Lederhandschuhe … alles erinnert an eine zeitgenössische Figur des Dandys. Ein eleganter, urbaner Mann, der sich seines Images bewusst ist und selbstbewusst zwischen Tradition und Moderne durch die Hauptstädte der Welt schreitet. Die Streetwear tritt in den Hintergrund, der Stil bleibt.


Dries Van Noten
Julian Klausner erzählt für Dries Van Noten eine andere Geschichte, die eines jüngeren Mannes, der sich auf eine Art Initiationsreise begibt und auf der Suche nach seiner Identität in den Erinnerungen seiner Familie schwelgt. Die Brille des Grossvaters auf der Nase, der Pullover des Vaters wie eine weiche Rüstung getragen – die Kleidung wird zum Talisman. Die Kleidung wird intim, sentimental, unvollkommen, aber zutiefst menschlich. Eine fragile und nostalgische Eleganz.



Hermès
Bei Hermès ist die neueste Modenschau von Véronique Nichanian klar und deutlich. Kleidung für Männer im echten Leben. Keine vagen Konzepte oder abstrakten Silhouetten. Auf den ersten Blick wirken die Anzüge streng, fast schon streng. Aber wenn man näher kommt, entdeckt man eine umwerfende Leichtigkeit und Bequemlichkeit. Marineblaue Seide und Wollfaille werden mit handwerklicher Präzision miteinander kombiniert und bieten eine unerwartete Bewegungsfreiheit. Ein stiller, funktionaler Luxus, der auf Langlebigkeit ausgelegt ist und den Alltag begleitet, ohne ihn jemals zu beschweren.



Officine Générale
Die Kollektion Officine Générale illustriert treffend, was man als lässige Schneiderkunst bezeichnen könnte. Hier geht es nicht darum, zu beeindrucken, sondern um Kohärenz. Die Silhouetten sind schlicht und basieren auf weiten Mänteln, lockeren Anzügen, patiniertem Leder und anschmiegsamem Strick. Nichts ist starr, nichts ist festgefahren. Man spürt diesen sehr pariserischen Sinn für „gut gemachte“ Kleidung, die auf Langlebigkeit ausgelegt ist. Eine komplette Garderobe, beruhigend, fast selbstverständlich.



Dior
Mit Dior bietet Jonathan Anderson eine radikale Neuinterpretation der zeitgenössischen Schneiderei, indem er sie vom Register der Diskretion in das der Selbstbehauptung überführt. Kein Dresscode, sondern vielmehr ein narratives Mittel, ein bewusst zur Schau gestelltes Zeichen der Vornehmheit. Anderson spielt mit Proportionen und greift auf die klassische Grammatik des Kostüms zurück, um sie dann mit Exzessen zu unterlaufen. Spektakuläre Mäntel mit Pelzärmeln, umhüllende Capes aus Seide, abnehmbare Kragen – all diese Elemente schaffen die Silhouette eines modernen Aristokraten, der eher einer Theaterfigur als einem anonymen Kunden ähnelt. Der Designer zeigt, dass er die klassischen Codes des Hauses perfekt beherrscht, aber alles daran setzt, sie zu dekonstruieren.




