
Die meisten Autos sind in Tönen zwischen Schwarz und Weiss lackiert. Doch nun macht sich eine lange randständige Farbe bemerkbar – und sorgt für einen Lichtblick im monochromen Einerlei.
Grau, Silber, Schwarz oder Weiss: So präsentieren sich rund drei Viertel aller Autos auf europäischen Strassen.
Die farbliche Monotonie gilt seit Jahren als zementiert – wenn überhaupt, darf es noch ein gedecktes Blau sein. Umso überraschender eine aktuelle Auswertung des deutschen Verbands der Automobilindustrie: Grün hat bei den Neuwagen 2025 um satte 26,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugelegt. In Grossbritannien zeigt sich ein ähnliches Bild: Laut der Society of Motor Manufacturers and Traders liegt der Grünanteil mit 4,9 Prozent so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Entwickelt sich Grün also zum neuen Grau?
Für die Schweiz fehlen zwar belastbare Zahlen, doch der grösste Schweizer Importeur AMAG stellt fest, dass das Angebot an Grüntönen bei seinen Marken spürbar ausgebaut wurde. Skoda etwa hat die Zahl der Modelle, die in dieser Farbe erhältlich sind, seit 2024 von drei auf sechs erhöht. Der Kompakt-SUV Elroq wurde bei seiner Markteinführung 2025 sogar in «Timiano Green» beworben. Bei Audi zeigt sich der Wandel denn auch in der Nachfrage: «Wir stellen in der Tat fest, dass Herr und Frau Schweizer etwas mutiger geworden sind und Grün immer häufiger dem Daytonagrau vorziehen», sagt Rebecca Lindemann, PR-Managerin der Marke. Besonders deutlich wird der Trend beim Cupra Born VZ Extreme, der fast zu einem Viertel in «Dark Forest» bestellt wurde – trotz eines Aufpreises von 900 Franken. Und es geht weiter: Die brandneuen Cupra-Sondermodelle Tribe Editions werden in «Manganese Matt» lanciert.
Neu ist Grün im Automobilkontext nicht: Historisch hat die Farbe insbesondere im Motorsport Tradition. Das legendäre «British Racing Green» gilt seit dem frühen 20. Jahrhundert als Nationalfarbe britischer Rennwagen. Entstanden beim Gordon-Bennett-Cup als Hommage an Irland, ist es bis heute eng mit Marken wie Bentley, Aston Martin oder Jaguar verbunden. Dass entsprechende Töne nun auch bei weniger sportlichen Serienmodellen Einzug halten, lässt sich damit aber nicht erklären.
Unterschiedliche Kaufentscheide
Christine Mohr, Professorin für kognitive Psychologie an der Universität Lausanne, befasst sich in ihrer Forschung unter anderem mit der kommunikativen Dimension von Farben und ihrer Rolle als Statement. «Grün steht im deutschen Sprachgebrauch für Hoffnung und in einem gewissen Kontext auch für Umweltschutz», erklärt sie. Ein entsprechend lackiertes Auto könne – bewusst oder unbewusst – den Wunsch nach Naturnähe ausdrücken. Oder, so Mohr zugespitzt, auch ein Versuch sein, sich ein grünes Image zu geben. Zugleich warnt sie vor einer Überinterpretation: «Wären emotionale Farbassoziationen kaufentscheidend, müssten Schwarz und Grau wegen ihrer Nähe zu Trauer und Trostlosigkeit gemieden werden.»
Während das Ob und Warum des Farbtrends spekulativ bleibt, gibt es einen wissenschaftlich belegten Effekt: die sogenannte Frequenzillusion. Wer sich auf eine bestimmte Farbe fokussiert, nimmt sie plötzlich häufiger wahr – und erlebt so mehr Farbtupfer im grauen Alltag. Auf den grossen Durchbruch sollte man dennoch nicht hoffen. Zwar werden Neulancierungen oft in auffälligen Farben inszeniert, weil Form und Details der Karosserie so besser zur Geltung kommen, doch bei der Kaufentscheidung dominieren weiterhin monochrome Töne. Gründe dafür seien unter anderem Flotten- und Firmenwagenvorgaben sowie der Wiederverkaufswert – «oder schlichtweg der Umstand, dass Silber und Grau den Schmutz besser kaschieren und so den einen oder anderen Gang in die Waschanlage ersparen», ordnet Dino Graf, Leiter Group Communication bei AMAG, nüchtern ein.

SKODA
Der SUV Elroq ist in der Farbvariante „Timiano Green“ erhältlich.

CUPRA
Das Modell Formentor Tribe Edition in der Farbe „Manganese Matt“.

PEUGEOT
Dieses Modell E-408 GT ist in der Farbe „Faszinierendes Grün“ erhältlich.

BENTLEY
Der Continental GT Speed mit seiner Karosserie in der Farbe „Tourmaline“.

