Jimmy Choo feiert 30-Jahr-Jubiläum. Kreativdirektorin Sandra Choi verrät, warum die Modelle uns leicht durch den Alltag und übers Tanzparkett tragen.

Hinter ihr, auf dem Regal, herrscht ein fröhliches Durcheinander aus Büchern, Zeitschriften und Pumps. Sandra Choi, die kreative Seele der Marke Jimmy Choo, schneit zwischen einer Sitzung zur Frühlingskollektion 2027 und den Vorbereitungen für die Mailänder Fashion Week kurz in ihr Londoner Büro. Natürlich hätten wir sie gerne persönlich getroffen, aber ihr Terminkalender ist zu voll, nichts zu machen. Also begnügen wir uns mit einer Videokonferenz – und haben doch das Gefühl, als sässe man ihr gegenüber, so temperamentvoll gestikuliert sie mit den Armen. Choi, 54, hat sowohl die Geburt als auch den Aufstieg der Marke Jimmy Choo begleitet.

Alles begann Ende der 1980er-Jahre in einer kleinen Werkstatt im Londoner East End, wo ihr Onkel mütterlicherseits, Jimmy Choo Yeang Keat, Schuhe von Hand fertigte. Sie waren so raffiniert, dass sogar Prinzessin Diana hellauf begeistert war – so viel zum Märchen, auch wenn kein Kürbis erwähnt wird. Während ihr Onkel von Beruf Schuhmacher war, betrachtet Sandra Choi Schuhe eher durch eine modische Brille, was auch ihrem Studium am renommierten Central Saint Martins College of Art and Design geschuldet ist. Die Britin, die ihre Teenagerzeit in Hongkong verbrachte, war die erste Angestellte und arbeitete eng mit der Modeunternehmerin Tamara Mellon zusammen, die das Label Jimmy Choo 1996 mitbegründete. Wie viele glamouröse Momente sind mit den Stöckelschuhen verbunden! Man denke nur an all die Schauspielerinnen, die einen Oscar in den Händen hielten, ganz zu schweigen von Beyoncé, Lady Gaga oder Michelle Obama  …

Vor allem die Serie «Sex and the City» machte das Modell Strappy aus schwarzem Satin mit gekreuzten Riemchen über dem Spann populär. Und der Ausruf von Sarah Jessica Parker alias Carrie Bradshaw: «I lost my Choo!» (Ich habe meinen Choo verloren!) Das gute Stück kam ihr abhanden, als sie versuchte, die letzte Nachtfähre nach Manhattan zu erreichen. Das Wortspiel zwischen Choo und Shoe (Schuh) entging den Modefans nicht. Beim besagten Choo handelte es sich um eine lilafarbene Wildledersandale mit einer Feder am Vorderriemen, die kürzlich unter dem Namen 72138 neu aufgelegt wurde – und bereits ausverkauft ist.

Die Serie «Sex and the City» hat viel zur Begehrlichkeit der Marke Jimmy Choo beigetragen.

Heute gehört Jimmy Choo zur amerikanischen Capri Holding, die von Michael Kors gegründet wurde. Das Herz der Marke schlägt zwar nach wie vor zwischen London und Hollywood, doch die Schuhe werden in toskanischen Manufakturen hergestellt. Handtaschen und einige Schmuckstücke ergänzen die originellen Pumps.

Jimmy Choo feiert dieses Jahr 30-Jahr-Jubiläum. Welche neue Vision hat die Marke in die Welt der Schuhe gebracht?

Ich würde sagen, unsere Besonderheit ist der sehr hohe Grad an Fantasie. Wir träumen von einer Reihe von Details – und machen sie tragbar.

Tragbar, wirklich?

Natürlich! Wenn man an ein Paar bequeme Schuhe denkt, stellt man sich flache Schuhe aus schwarzem oder braunem Leder vor. Aber nein! Unser Ansatz besteht darin, den Füssen Freude und einen Hauch von Extravaganz zu verleihen, ohne dabei an Funktionalität einzubüssen. In unseren Schuhen kann man den Alltag bewältigen und selbst tanzen. Viele Modelle sind für Partys konzipiert. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir schöne Modelle mit Charakter und Fantasie anbieten. Diese Schuhe sind viel mehr als nur Schuhe.

Weil sie auch die Silhouette verändern? Schliesslich legen auch Fotografen Wert darauf, dass Models High Heels tragen, selbst wenn Porträtfotos gemacht werden. 

Genau! Eine Frau fühlt sich in High Heels oft selbstbewusster. Das zeigt sich natürlich in ihrer Haltung. Aber das Gleiche gilt auch für Männer. Fotografieren Sie einen Mann in schönen Lederschuhen oder in Flip-Flops, sein Ausdruck wird nicht derselbe sein.

Welche Schuhe tragen Sie?

Ich besitze eine Vielzahl. Wenn ich einen anstrengenden Tag im Studio vor mir habe, gehe ich pragmatisch vor und trage Stiefel oder Turnschuhe. Wenn ich Schuhe mit Absätzen trage, fahre ich zum jeweiligen Termin eventuell mit dem Auto.  

Was ist für Sie das ikonischste Paar von Jimmy Choo?

Wenn ich die Augen schliesse, sehe ich natürlich einen Absatz vor mir. Es fällt mir aber schwer, mich zwischen Stiefeln, Pumps oder Sandalen zu entscheiden. Für mich persönlich sind Stiefel für die Stadt und flache Sandalen für die Ferien nach wie vor die Schuhe meines Herzens.

Selbst in flacher Ausführung behalten Jimmy-Choo-Schuhe einen Hauch von Raffinesse, wie dieser Schnür-Sneaker namens Sunny, der in vier Farben erhältlich ist.

Ihre Frühjahrskollektion umfasst auch viele Sneaker-Modelle, die man nicht unbedingt mit dem glamourösen Image der Marke in Verbindung bringt.

Für diese Kollektion wollte ich einen Hauch von Energie einbringen: kleine Details, die den Alltag verschönern und zusätzliche Entschlossenheit schenken. Man kleidet sich mit einer bestimmten Absicht, ganz im Stil von Manhattan, ganz im Stil des New York der 1970er-Jahre. Also Sneakers, aber mit raffinierten Strukturen und Spitzen, die sie einzigartig machen.

Also bleibt uns der Sneaker-Trend erhalten?

Bei bestimmten Modellen spreche ich von «Sportballerinas». Sie sind bequem zu tragen, sind raffiniert und zeugen von handwerklichem Können, das sich auf das Material konzentriert. Die Nähte sind aufwendig gearbeitet, ebenso die Spitze. Sie stehen eher für handwerkliche Opulenz als für sportliche Zweckmässigkeit. Die Menschen tragen wieder gut geschnittene Kleidung statt der weiten Sweatshirts der vergangenen Jahre. Das ist sehr erfrischend. Ich beobachte einen Prozess des Neulernens, der Wiederaneignung von Texturen, Schnitten und einem Sinn für Details. Das geht wiederum einher mit einer Rückkehr zu Lederschuhen. Wir lernen wieder, mit Absätzen zu laufen – Schritt für Schritt, mit etwas dünneren, etwas höheren Absätzen, gerade so viel, dass wir ein wenig an Höhe gewinnen. Im Bereich der Herrenschuhe führt ein ähnliches Gefühl der Raffinesse zu hochwertigen Schuhen. Ich sehe das Phänomen als eine Lernkurve. 

Wie sieht Ihr persönlicher Modestil aus?

Ich liebe es,  Schnitte, Formen und Dinge intuitiv zu kombinieren. Ich mag die Marke Sacai und die hybride Intelligenz, die sie ausstrahlt. Ich liebe Rick Owens und seine einzigartigen Schnitte, aber vor allem seine geniale Verwendung von Mustern und Materialien, die die Silhouette verlängern. Und die Stücke von Phoebe Philo, wegen der wunderbaren Auswahl an Materialien. Jedes ihrer Outfits ist zeitlos. Ich halte meine Kleidung in Ehren und wertschätze sie. 

Vor Kurzem hat Jimmy Choo sein Sortiment aus Schuhen und Taschen um Schmuck erweitert.

Und auch Brillen. Unser Metier sind Accessoires, und ich glaube, wir wissen, wie man das gewisse Etwas hinzufügt, das dazu beiträgt, dass sich eine Person wohlfühlt. Nichts Unverzichtbares, aber Details, die Freude bereiten und die Persönlichkeit unterstreichen. Ich möchte unsere Designcodes in neue Horizonte führen, unsere Vision von Accessoires erweitern und Emotionen verstärken. Der Ansatz ist sehr organisch, und ich habe das Glück, mit einem grossartigen Team zu arbeiten, das diesen Elan teilt.

Die Taschen stehen für die Diversifizierung der Marke hin zu schwungvollen Accessoires. Hier das Modell Bar Holdall aus der aktuellen Kollektion. 

Wie funktioniert Kreativität im Team?

Jeden Tag arbeite ich mit etwa 15 Personen zusammen, die direkt mit den Produkten zu tun haben. Dann werden die Ideen an andere Teams weitergegeben, von der Kommunikation über das Branding bis hin zum Marketing. Und natürlich auch an unsere Partner in den Manufakturen und in den verschiedenen Produktionsbereichen. Wir arbeiten hauptsächlich in London, aber die Verbindung zum Büro in Florenz, das in der Nähe der Produktion liegt, ist sehr stark. 

Wie sieht Ihr persönlicher kreativer Prozess aus? 

Jede Kollektion hat ein Überthema, das aus einer Emotion heraus entstanden ist. Ob es nun Glück ist oder ein Impuls der Rebellion – das spielt keine Rolle. Ich baue auf dieser Emotion auf, greife vielleicht auf ein Element zurück, das ich bei der vorherigen Kollektion beiseite- gelegt habe und das mir noch im Gedächtnis geblieben ist. Ein Funke kann von überall her kommen: einem Gemälde, einem Wandteppich, es gibt immer etwas, das Inspiration auslöst. Alle Kollektionen sind Teil der Ereignisse, die wir erleben. Vielleicht hat das Team eine tolle Tasche entdeckt, die wir uns ansehen und uns fragen, warum sie uns so gut gefällt und wie wir unsere eigene Version dieser tollen Tasche kreieren können. Es ist ein kollektiver Prozess.

Wie sieht ein Arbeitstag bei Ihnen aus?

Das ist sehr unterschiedlich. Dieser Februar ist zum Beispiel völlig chaotisch. Das hängt immer von den laufenden Projekten ab. Oft muss ich zu unseren Fabriken in Florenz fahren. Manchmal muss ich an Meetings oder an Veranstaltungen in den USA teilnehmen oder bei einem Fotoshooting dabei sein. Aber das Studio in London ist für mich ein wichtiger Ort, dort kümmere ich mich mit dem Team zusammen um die Belange des Unternehmens. Dort packe ich wirklich mit an.

Abgesehen davon, dass es Ihre Geburtsstadt ist, welche Bedeutung hat der Londoner Touch für die Marke?

Ich mag es, dass London sich diese etwas raue, wagemutige Energie bewahrt hat. Es gibt immer noch diese Kultur, die dazu anregt, das System herauszufordern. Gleichzeitig ist London eine Stadt mit Tradition. Für mich ist Jimmy Choo zwar eine Marke mit Londoner Spirit, aber auch ein sehr universelles Label. Viele Leute glauben, wir seien Amerikaner, aber das stimmt natürlich nicht.

Ende der 1990er-Jahre haben Sie einige Jahre in L. A. verbracht, um Kontakte zur Filmindustrie zu knüpfen.

Ja, unsere Strategie war es, auf den roten Teppichen präsent zu sein. Wir haben dieses Gespür, das uns mit der Popkultur in Einklang gebracht hat, sei es im Kino oder in der Musik. Diese Zeit hat den Grundstein gelegt für unsere heutige Situation mit wirklich soliden Beziehungen zu Hollywood und zu vielen Prominenten. 

Pumps verkörpern die Quintessenz des Geistes von Jimmy Choo, wie das Modell Faiz 100 aus der Frühjahr-/Sommerkollektion 2026 mit Metallspitze und Spitzenbesatz.

Die Marke basiert auf einer starken handwerklichen Identität. Wie lässt sich das in der heutigen Modebranche bewahren?

Wir legen grossen Wert darauf, alles, was von Hand gefertigt werden muss, auch tatsächlich von Hand zu fertigen. Natürlich kann Technologie je nach dem Prozess, den man wählt, sehr nützlich sein, aber ein Grossteil der Arbeit bleibt sehr handwerklich und erfordert besondere Sorgfalt, insbesondere beim Anbringen der Muster. Man braucht diese Sensibilität, die nur das menschliche Auge und die menschliche Hand ermöglichen. Und solange ich diesen Prozess beaufsichtige, glaube ich nicht, dass sich daran etwas ändern wird. Davon abgesehen bin ich offen für neue, intelligentere und rationellere Arbeitsweisen. Ich persönlich zeichne meine Skizzen weiterhin von Hand. Mein Team hingegen nutzt viel häufiger das iPad und andere digitale Zeichentechniken. Ich bleibe dem Bleistift und dem Papier treu, das ist mein Stil. Eine Handzeichnung ist etwas emotionaler. Alles hat seine Zeit und seinen Ort.

Wenn Sie zurückblicken, welche Emotionen verbinden Sie mit Ihrer ersten Erinnerung an die Werkstatt Ihres Onkels?

Als wir anfingen, Schuhe für den Ausgang herzustellen, war das eine sehr, sehr persönliche Angelegenheit. Tamara Mellon war dabei, sie arbeitete für die englische «Vogue», war eine Modeikone. Ich spreche hier vom Ende der 1990er-Jahre: Ich hatte keine Kinder, keinen Ehemann, keinen Freund. Es gab ein starkes Gefühl von Freiheit und Dringlichkeit: Was wollen wir tragen, und wie wollen wir es tragen? Ich glaube, dieses Gefühl besteht nach wie vor.

Sie haben zwei Töchter im Teenageralter. Wächst eine Dynastie heran?

Oje! Sie sind 12 und 15 Jahre alt,  darüber denken wir noch nicht nach. Aber sie sind auf jeden Fall kreativ und achten sehr auf alles, was mit ihrem Image zu tun hat. Mit Shopping kennen sie sich aus. Vor allem mit Vintage-Shopping, was wirklich interessant ist.