Sie ist ein Cousin der Uhrmacherei: die Kunst der Automaten. In Sainte-Croix ist François Junod der bedeutendste Vertreter dieses Handwerks, das die Luxusbranche gerade wiederentdeckt.

Ein familiärer skiort, in dem die Skilifte öffnen, sobald die ersten Flocken fallen. Auf diesem «Balkon des Jura» scheint die Sonne grosszügiger als im Tal. Aber man kann hier nicht nur Vitamin D tanken, Sainte-Croix gilt auch als Silicon Valley der Automaten. Seit 161 Jahren führt die Manufaktur Reuge die Tradition der Singvögel fort. Was damit gemeint ist? Mechanische Spieluhren – jene von Reuge wurden sogar ins immaterielle Kulturerbe der UNESCO aufgenommen. Zu verdanken ist dies François Junod. Der kreative Schöpfer leitet die Werkstatt mit neun Mitarbeitenden, in der es in jeder Ecke rattert und ruckelt.

18. JHD.: Einer der ersten Vogelkäfigautomaten wird ebenfalls Jaquet-Droz zugeschrieben. Heute produziert ihn nur noch die Manufaktur Reuge.

Aber wie fing eigentlich alles? Im 12. Jahrhundert erfindet der Ingenieur und Künstler Ismail al-Jazari, der «Vater der Roboter», in Mesopotamien Humanoide und Wasseruhren. In Europa bieten Kathedralen den nötigen Platz für diese überdimensionalen Konstrukte: Im 14. Jahrhundert setzt etwa Strassburg seine Heiligen Drei Könige in Bewegung. Drei Jahrhunderte später befreit die Aufklärung die Maschinen vom Sakralen. Und so verblüfft Pierre Jaquet-Droz 18. Jahrhundert mit ihnen die Höfe Europas. Zu den berühmtesten Stücken gehört dieses Trio: die Musikerin, der Zeichner und der Schriftsteller, die im Musée d’art et d’histoire in Neuenburg zu sehen sind. Heute erleben die animierten Objekte bei den Luxusmarken ein echtes Comeback. 

1772: Der Zeichner des Schweizers Pierre Jaquet-Droz kann vier Zeichnungen anfertigen.

Auch dank Junods Expertise. Im organisierten Chaos seines Ateliers fertigt der 67-Jährige seit mehr als 40 Jahren echte Meisterwerke. Nach einer Ausbildung in Mikromechanik besucht er die Kunsthochschule in Lausanne und kehrt anschliessend in seine Heimatstadt zurück, wo er in Michel Bertrand einen Meister findet, der ihn in die Kunst der Automaten einführt. Er lernt schnell und verbringt Jahre damit, Stücke für Sammler und Museen – von Japan bis zu den Vereinigten Staaten – zu restaurieren. 

2021: Dieser umherstreifende Pilzsammler von Junod empfängt die Besucher des Museums Audemars Piguet in Le Brassus.

Im Jahr 2010 beauftragt ihn ein Kunde aus Palo Alto mit einem Automaten von beispielloser Komplexität: einem Alexander Puschkin, der in der Lage ist, 1458 Gedichte nach dem Zufallsprinzip zu schreiben, zu illustrieren und zu signieren. Sieben Jahre harter Arbeit sind notwendig, um diesen Androiden zum Leben zu erwecken. Er wird zu Junods Meisterstück. Zu weiteren bedeutenden Werken von ihm zählen der Engel des CIMA in Sainte-Croix an der Fassade des Museums, der für die Traditionsrösterei La Semeuse entworfene fliegende Teppich oder der Pilzsammler im Wald von Risoud am Eingang des Museums von Audemars Piguet.

2024: Die Brassée de Lavande, die vom Atelier Maison de la Mécanique d’Art im Auftrag von Van Cleef & Arpels entworfen wurde, lässt Schmetterlinge fliegen.

Zusammenarbeit mit Van Cleef & Arpels

Bald eröffnet sich ihm eine neue Welt: die der Schmuckautomaten. Die Häuser Mauboussin und Chaumet vertrauen auf seine Expertise. «In der Schmuckherstellung werden Edelsteine und sehr schwere Materialien wie Gold verwendet», erklärt Junod. «Bei den Automaten ist es genau umgekehrt. Damit sie funktionieren, müssen sie leicht sein.» Bei Van Cleef & Arpels (die Linie «Objets extraordinaires» existiert seit der Gründung im Jahr 1906) erforscht Junod neue Techniken wie den 3D-Druck und das Laserschweissen. 

2025: Zum 270-Jahr-Jubiläum von Vacheron Constantin schuf François Junod diesen Humanoiden, der auf einer astronomischen Uhr mit 23 Komplikationen tanzt.

Das erste Ergebnis dieser Zusammenarbeit, La Fée Ondine, fand 2017 grossen Anklang beim Publikum. Auf diesem Erfolg aufbauend, starteten Junod und das Haus das fünfjährige Projekt «La Fontaine aux oiseaux», das 2022 vorgestellt wurde. Es erhielt den Sonderpreis der Jury beim Grand Prix d’Horlogerie de Genève. Die Komplexität dieser Kreationen erfordert einen aussergewöhnlichen Zeitaufwand: Jedes Objekt benötigt mindestens vier Jahre Arbeit. In der Werkstatt in Sainte-Croix tickt die Zeit anders als für Normalsterbliche. Im obersten Stockwerk wird das Ausmass der Geduld deutlich: Bolex-Kameras, einarmige Banditen, Schreibmaschinen, Jukeboxen und Flipperautomaten stehen in einem Sammelsurium, in dem sich das 19. und 20. Jahrhundert vermischen. Junod verweilt gerne hier, unter den Blicken von Fernand und Marcel, seinem Grossvater und seinem Onkel. Ein Foto zeigt sie vor ihrer Manufaktur Chanteclair, die damals Phonographen herstellte. Hier, wo die Familiengeschichte eng mit Erfindungsreichtum verknüpft ist, blüht die Kunst der Automaten weiterhin in voller Pracht. 

2026: Diese Tischuhr aus der Fabrique du Temps Louis Vuitton ist dem legendären Lieferwagen mit dem LV-Logo nachempfunden.