Seine Skulpturen, die wie riesige Glasketten aussehen, strahlen Freude aus. Besuch in seinem Atelier, das zugleich eine Stiftung ist.

Sein türkisblauer Schal erhellt sein Gesicht an diesem grauen Morgen. Jean-Michel Othoniel versteht es, mit Farben und Lichteffekten zu spielen. Der Künstler macht keinen Hehl aus seiner Freude, das Atelier in Montreuil bei Paris zu zeigen, das er vor vier Jahren bezogen und komplett renoviert hat und in dem sich auch seine Stiftung befindet.

Das Industriegebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert ist ein Ort des Austauschs und der kreativen Energie (passenderweise La Solfatara genannt, wie der Vulkan): Es beherbergt nicht nur die monumentalen Glasarbeiten von Othoniel, die Keramiken und Bronzen seines Partners Johan Creten, sondern ist auch ein Ort für Künstler in Residence und Schulklassen. «Meine Beziehung zur Schönheit ist politisch», sagt der Bildhauer. «Es liegt in unserer Verantwortung als Künstler, auf die Strasse zu gehen und dort Hoffnung zu erzeugen. Die Kinder, die vorbeikommen, müssen sich sagen: «Das Leben ist auch voller Eleganz und Poesie.»

An der Wand sind wunderschöne Passionsblumen aus Glas installiert!

Sie symbolisieren die Passion Christi. Ich liebe Blumen und habe vor einigen Jahren sogar ein Herbarium über die Blumen des Louvre veröffentlicht. Meine Lieblingsblume ist die Pfingstrose (Foto).

Ihre Farbpalette ist so subtil, wie die der Perlen in Ihren Werken es sind.

Glas wird oft mit Edelsteinpulver von Amethysten oder Obsidian (Foto) gefärbt. Ich liebe auch das Funkeln von Mica, einem in der Glasherstellung sehr geschätzten Mineral.

Seit dem Sommer haben Sie mehrere historische Orte in Avignon mit sage und schreibe 260 Werken besetzt.

Ja, sie sind über die ganze Stadt verteilt und stehen im Dialog mit dem Papstpalast oder der Porte des Navigateurs (Foto), die von Votivkreuzen inspiriert ist. «Cosmos ou les fantômes de l’amour» ist meine ambitionierteste Ausstellung.

Und Ihr monumentalstes Werk?

Ich würde sagen Big Wave (Foto), eine grosse Welle aus grünen Glasziegeln mit goldenen Reflexen, inspiriert vom Tsunami in Japan. Es dauert einen Monat, um sie abzubauen, und einen weiteren, um sie an einem anderen Ort wieder aufzubauen. Diese Arbeit wird als öffentliche Performance erlebt.

Sie stammen aus Saint-Etienne, haben Sie eine Erinnerung an diese Stadt?

Ich liebe das MAMC (Foto), das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Dort habe ich als Kind bei zahlreichen Schulausflügen erkannt, dass ich Künstler werden will. Deshalb haben wir auch die Fondation Othoniel-Creten gegründet – um jungen Talenten eine Chance zu geben.

Sie sind Künstler, kein Glasbläser.

Genau! Ich arbeite mit aussergewöhnlichen Handwerkern zusammen, oft in Indien oder natürlich in Murano. Aber für die extravagantesten Formen ist mein wertvollster Komplize Matteo Gonet (Foto) aus Basel.