
Die Fashion Weeks in Mailand und Paris waren geprägt von bekannten Köpfen in neuen Positionen. Wir werfen einen Blick auf die ersten Schritte.
Sie werden als die aussergewöhnlichsten Modewochen des letzten Jahrzehnts in Erinnerung bleiben: die Fashion Weeks für Frühjahr/Sommer 2026. In Mailand und Paris wurden Damenkollektionen von Designern gezeigt, die gerade eine (Wieder-)Geburt erleben: mit Spannung erwart te erste Kollektionen, Neupositionierungen der Identität…
Noch nie gab es so viele Premieren in einer einzigen Saison. Diese Häufung von Debüts wirft Fragen über die aktuelle Situation der Mode auf: Zwischen dem Wunsch nach Kontinuität und dem Bedürfnis nach Erneuerung scheint ein Wandel stattzufinden, bei dem jedes Modehaus seine Stimme, sein Erscheinungsbild und seine Geschichte neu definiert.

Neue Ära
Jonathan Andersons Ziel ist klar: Er möchte sich die Codes des Hauses Dior zu eigen machen, nicht, indem er sie zitiert, sondern indem er sie in seiner eigenen, instinktiven Sprache neu interpretiert. Markante Taillen, architektonische Volumen, elegante Gesten – alles ist da, aber in eine zeitgenössische Grammatik übertragen, in der Strenge und Fluidität einen Dialog eingehen.
Die letzten, umwerfenden Stücke verdichteten diese Vision: eine radikale Neuinterpretation des Kleides Junon, Symbol der Weiblichkeit bei Dior, nun leichter, dekonstruierter. Anderson imitiert die Geschichte nicht, er schreibt sie in der ersten Person modern weiter.

Neue Schlichtheit
Bei Jil Sander schlägt Simon Bellotti eine Rückkehr zu den Wurzeln des Hauses vor, wo die Klarheit der Linien ihre ganze Kraft zurückgewinnt. Das Schlichte wird noch radikaler, aber durch Farbakzente unterbrochen, sie verleihen Rhythmus und visuelle Spannung.
Die Modenschau präsentiert eine Kollektion ohne Überflüssiges, die sich auf den Schnitt konzentriert. Der nach hinten versetzte V-Ausschnitt sorgt für eine strukturelle Wendung, die das Vokabular des Minimalismus auf subtile Weise erneuert.

Neue Haut
Sie verkörpert eine Portion Sonnenschein: die erste Kollektion von Jack McCollough und Lazaro Hernandez für Loewe. Die Designer spielen mit Wahrnehmung und Trompe-l’œil-Effekten: Jeans aus Leder, T-Shirts, die wie «sonnengetrocknet» geformt sind, schaffen einen spielerischen Dialog zwischen Illusion und Realität.
Dieser Ansatz spiegelt eine kreative Freude wider, bei der jedes Stück das Know-how der Ateliers des Hauses voll ausschöpft und handwerklichen Einfallsreichtum in eine greifbare und poetische Vision verwandelt.

Neue Konversation
Pierpaolo Picciolis erste Kollektion bei Balenciaga ist als Dialog mit einigen seiner Vorgänger konzipiert, von der skulpturalen Schneiderkunst Demnas bis zur strengen Couture Nicolas Ghesquières. Seine persönliche Note zeigt sich in einer Hommage an die Weiblichkeit (ausschliesslich Kleider, darunter viele Abendkleider), die an die grossen Zeiten des Hauses erinnert. Ein innovativer Stoff umhüllt die Körper wie eine Wolke.
Dieser «Neo Gazar» ist ein Hybridstoff, der Gaze und Organza, Volumen und Leichtigkeit vereint. Damit knüpft er an die experimentelle Tradition von Cristóbal Balenciaga selbst an, der darauf bedacht war, die Form eines Kleidungsstücks durch Material neu zu erfinden.

Neue Galaxie
Bei seiner ersten Modenschau für Chanel präsentiert der französisch-belgische Designer Matthieu Blazy eine Vision, die das Erbe des Hauses respektiert und gleichzeitig subversiv interpretiert. In einem galaktischen Dekor unter den Kuppeln des Grand Palais definierte er Luxus neu: Seine Kollektion verkörpert eine sinnliche und fröhliche Eleganz.
Die Silhouetten zitieren die tiefen Taillen der 1920er-Jahre, die Gabrielle Chanel trug, aber es sind freche Röcke, die es ermöglichen, den Gürtel um einige Zentimeter zu senken. Tweed und Kostüme wirken dadurch belebt, in einem neuen Verhältnis. Hemden und Herrenunterwäsche, die einst Boy Capel trug, kehren zurück, um daran zu erinnern: Kleidung zu einem Ort der Freiheit zu machen, an dem der Körper endlich sein wahres Ich zeigen kann. (R.L)

