
Seit 1915 entwirft und fertigt das Unternehmen Caran d’Ache im Kanton Genf Bleistifte, Farben und Schreibgeräte. Ein kunterbunter Kosmos.
Ein Besuch in der Fabrik von Caran d’Ache ist ein bisschen so, als hätte man eine goldene Eintrittskarte für Willy Wonkas Schokoladenfabrik gewonnen. Eine kunterbunte Welt – kein Wunder, denn das Schreibwarenunternehmen produziert mehr als 300 Farbtöne. Nur einen Katzensprung vom Stadtzentrum Genfs entfernt, fertigen riesige, oft selbstgebaute Maschinen und fleissige Hände die berühmten 849-Stifte, die Neocolors, die viele kleine Schweizer durch ihre Kindheit begleitet haben, Gouachen, Pastelle oder Acrylfarben in allen erdenklichen Nuancen.

Der Name Caran d’Ache bedeutet auf Russisch Bleistift und leitet sich vom türkischen Wort kara-tash, schwarzer Stein, ab. Ein Stück Holz, das eine Mine enthält – und dessen Fertigung dennoch rund 35 Arbeitsschritte erfordert. Alle, wirklich alle, werden in Thônex durchgeführt. Zumindest noch. 2028 zieht das Unternehmen um, ein paar Kilometer weiter, nach Bernex, ebenfalls im Kanton Genf. Der Umzug des Jahrhunderts. Aber bis dahin laufen die Maschinen hier, einen Steinwurf von der französischen Grenze entfernt, weiter.

Es ist Februar, und die Gänge in der Fabrik sind noch immer grau, denn eine «Grafitkampagne» neigt sich dem Ende zu. Ein- bis zweimal im Jahr, meist im Winter, werden hier Graustifte hergestellt, die mehr Staub verursachen. «Edler Schmutz», wie Eric Vitus, Direktor für Bildende Künste, schmunzelnd erklärt. Er ist für die Entwicklung der Farben zuständig und führt uns heute durchs Werk.

Alles beginnt in der Wiegewerkstatt, wo die Pigmentmischungen, mineralische Füllstoffe wie Talk oder Ton und Bindemittel vorbereitet werden. Es sieht aus wie in einer Backstube – in der benachbarten «Saucenwerkstatt» steht sogar ein Kneter! Zunächst wird gemahlen, geknetet und gewalzt, um einen «Teig» aus Pigmenten, Stärke, Ölen und Harzen herzustellen. Auch hier passt das Vokabular der Küche zu den einzelnen Arbeitsschritten. Der Teig wird dann zu «Spaghetti» ausgerollt und auf die richtige Länge geschnitten. Die grauen Spaghetti – auf der Basis von Grafit und Ton – werden anschliessend in einen 15 Meter langen Durchlaufofen gegeben, in dem die Temperatur auf fast 1000 Grad Celsius erhöht wird, damit die Mine härtet. Stifte in anderen Farben, die kein Grafit enthalten, werden hingegen direkt für einige Stunden in einen Trockner bei 110 Grad Celsius gegeben.

Nachdem sie gut ausgehärtet sind, werden all die grauen und bunten Minen in kleine Körbchen gelegt, bevor sie 24 Stunden lang in ein grosses Wachsbad getaucht werden, ähnlich wie Pommes frites in Öl, damit das Wachs bis ins Innere der Mine eindringen kann. Ohne diesen Vorgang wäre das Schreiben unmöglich.

Nun sind die Minen fertig und warten darauf, in das weiche Holz gesteckt zu werden, das den verschiedenen Stiften ihre endgültige Form geben wird. Eric Vitus träumt zwar davon, Schweizer Holz in ausreichender Qualität und Menge zu finden, doch derzeit werden die sorgfältig hergestellten Minen noch mit FSC-zertifiziertem kalifornischem Zedernholz ummantelt. Zunächst werden kleine Holzplättchen gerillt und verleimt, in die dann die Minen eingesetzt werden. Anschliessend wird ein zweites Plättchen daraufgelegt, ähnlich wie bei einem Sandwich. Das Sandwich wird zwei Stunden lang gepresst, bevor es zugeschnitten wird. Die kleinen Stifte, die bereits an das zukünftige Zeicheninstrument erinnern, müssen noch lackiert werden – sechs Schichten, nicht eine weniger! – und durchlaufen dazu die Windungen einer mehreren Dutzend langen, selbstgebauten Maschine.

An einem Ende werden sie noch einmal geschnitten, und auf zwei oder drei Seiten wird mit einem erhitzten Stempel eine Markierung angebracht: Name, Farbe, Lichtbeständigkeit, Härtegrad. Der letzte Schliff? Die Spitze des Stifts wird mit einem Harz ummantelt, das eher ästhetischen als schützenden Charakter hat. Am Ende der Produktionskette sorgt eine ganze Reihe von Mitarbeitenden für die optimale Qualität der Produkte. Teile mit kleinen Mängeln – die für das ungeübte Auge manchmal nicht erkennbar sind – werden nicht weggeworfen, sondern an verschiedene Organisationen gespendet, während die anderen liebevoll in den bunten Schachteln des Hauses aufgereiht werden, bereit, die ganze Welt zu erobern.

Carole Hubscher
2012 übernahm sie die Nachfolge ihres Vaters als Präsidentin des Unternehmens. Nach ihrem Studium und einem ersten Job in der Hotellerie ging Carole Hubscher Anfang 1990 in die USA, wo sie verschiedene Positionen innerhalb der Administration von Caran d’Ache bekleidete, um die Funktionsweise des Familienunternehmens besser kennenzulernen. 1997 absolvierte sie die Harvard Business School. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz war sie unter anderem an der Einführung der Uhrenkollektion von Calvin Klein beteiligt, bevor sie 2008 zu Caran d’Ache zurück-kehrte. Der grosse Umzug: «Das Projekt meines Lebens.»

