Literatur und Mode treten an diesen Kultorten in einen Dialog miteinander.

1. Chanel

Weibliche Stimmen

Die Idee Gabrielle Chanel war eine starke Frau, die sich von ihren Lektüren inspirieren liess: «Ich habe das Leben aus Romanen gelernt.» Um diesen Geist aufrechtzuerhalten, haben das Haus Chanel und seine Botschafterin Charlotte Casiraghi 2021 ein ehrgeiziges Literaturprogramm ins Leben gerufen, das sich um die Unabhängigkeit der Frau dreht. Es finden Gespräche mit wichtigen Persönlichkeiten statt, der Literaturpreis «Nouvel Obs» wird unterstützt, und Debütautorinnen erhalten eine Plattform.

Der Ort Oft finden die Veranstaltungen mit Persönlichkeiten wie Katie Kitamura oder Leila Slomani in der prächtigen Kulisse der Pariser Buchhandlung 7L (1999 von Karl Lagerfeld gegründet) statt. Die Gespräche sind auch als Podcast verfügbar.

Der Lesetipp Sowohl Charlotte Casiraghi als auch prominente Gäste wie Tilda Swinton teilen auf der Website ihre literarischen Favoriten. Unter anderem das aussergewöhnliche Werk «Liebe» von Elizabeth von Arnim (Insel Verlag). 

Librairie 7L, 7, rue de Lille, Paris 7ème.

2. Marc Jacobs

Modischer Bücherwurm

Die Idee Der amerikanische Designer Marc Jacobs ist eine echte Leseratte und teilt seine Lieblingsbücher auf seinem Instagram-Account @thebookmarc. Der Name passt hervorragend, denn «bookmark» bedeutet auf Englisch Lesezeichen. Liebhaber entdecken so Inspirationen, die seine Arbeit prägen, seien es Romane, Klassiker oder Kunstbände.

Der Ort 2010 wurde in New York eine Buchhandlung mit der persönlichen Auswahl von Marc Jacobs eröffnet, die erste Adresse einer kleinen Kette mit Filialen in Tokio, Paris und London. Leider hat die Coronapandemie diesem literarischen Abenteuer ein Ende bereitet, nur das Mutterhaus in Manhattan veranstaltet weiterhin Signierstunden oder Vernissagen. Es besteht jedoch die Möglichkeit, die Bücher nach wie vor online zu kaufen.

Der Lesetipp Eines seiner neuesten Lieblingsbücher ist der 1864 von Fjodor Dostojewski veröffentlichte Roman «Aufzeichnungen aus dem Kellerloch» – das fiktive Tagebuch eines verbitterten Beamten.

Bookmarc, 400 Bleeker St., New York

3. Alaïa

Ein Buch zum Kaffee

Die Idee Zu Lebzeiten war der Modeschöpfer Azzedine Alaïa bekannt für seine herzlichen, improvisierten Abendessen am grossen Küchentisch in seinem Haus im Marais, wo er lebte und arbeitete. Um dieses Gefühl der Gastfreundschaft wachzuhalten, eröffnete das nach ihm benannte Modehaus unter der Leitung des (baldigen Ex-)Kreativdirektors Pieter Mulier 2024 ein Café in seinem Londoner Flagship-Store. Und was könnte die Unterhaltung besser anregen als Bücher (und Kuchen von Violet Cakes)?

Der Ort In der zweiten Etage dieser Boutique, die einer Kunstgalerie ähnelt, versammelt ein moderner Salon Neugierige um einen zentralen Couchtisch. Die sorgfältige Auswahl an Kunst-, Mode- und Designbüchern wird von der Kuratorin Claire de Rouen getroffen – eine Referenz!

Der Lesetipp «Azzedine Alaïa’s Dior Collection» (Hrsg. Rizzoli) präsentiert die fabelhafte Kollektion von Dior-Kleidern, die der Modeschöpfer besass, und erzählt von seiner Faszination für seinen Vorgänger.

Alaïa Café & Bookstore, 139 New Bond St., London 

4. Vuitton

Chich reisen, Seite für Seite

Die Idee Die Geschichte von Louis Vuitton begann mit einem Koffer, nur logisch also, dass sie (unter anderem) mit Reiseführern fortgesetzt wird, die Städte und Adressen vorschlagen, wo man die Koffer abstellen kann. So wurde 1997 die Sammlung der City Guides (derzeit 35 Städte) ins Leben gerufen, gefolgt von Travel Books (32 Titel), in denen ein Künstler jeweils ein Reiseziel erkundet, die Aufnahmen stammen von Modefotografen. Und dann wären da natürlich noch die Werke, die das Know-how des Hauses detailliert beschreiben.

Der Ort Die Publikationen des Hauses werden im 2022 eröffneten Kultur- und Gourmetbereich LV Dream in Paris präsentiert. Die gut sortierte Buchhandlung grenzt an einen Ausstellungsraum (Art déco, bis September 2026) sowie ein Café. 

Der Lesetipp Zur Auswahl stehen das sehr beeindruckende Werk «From Louis to Vuitton», das die Geschichte des Hauses erzählt, oder das brandneue und bewegende Porträt über Berlin, das der kroatische Zeichner Miroslav Sekulic-Struja geschaffen hat.

LV Dream, 26, quai de la Mégisserie, Paris Ier

5. Miu Miu

Klassiker neu entdecken

Die Idee Miuccia Prada, die die Marke Miu Miu 1993 gegründet hat, wollte sie auch als eine intellektuelle Plattform etablieren, auf der weiblichen Stimmen Gehör verschafft wird. Seit etwa 15 Jahren gibt sie Kurzfilme bei Regisseurinnen in Auftrag, arbeitet mit zeitgenössischen Künstlerinnen zusammen und veranstaltet  «Literary Clubs», in denen Themen rund um die heutige Weiblichkeit diskutiert werden.

Das Event Seit 2024 gibt es in Shanghai und Mailand im Frühling temporäre Installationen und Stände, an denen Klassiker der Frauenliteratur kostenlos verteilt werden – neu aufgelegt in den Farben der Marke, mit Lesezeichen und Süssigkeiten mit Markenlogo.Vom 22. bis 24. April ist das übergeordnete Thema in Mailand die sexuelle Begierde.

Der Lesetipp Zwei Werke werden dabei angeboten: die autobiografische Erzählung „Erinnerungen eines Mädchens“ von Annie Ernaux (2017) und der Roman „Désordres amoureux“ (1991) der ghanaischen Autorin Ama Ata Aidoo. Zwei weibliche Schicksale, geprägt von Liebesbeziehungen und Machtdynamiken.

6. Rizzoli

Erfinder der Coffee Table Books

Die Idee Der 1927 von Angelo Rizzoli gegründete Mailänder Verlag hat sich als Referenz in den Bereichen Mode, Kunst, Architektur und Design etabliert. Seit 1964 ist der Verlag international tätig und hat sich in der 5th Avenue in New York niedergelassen. Er war der erste, der Mode als Kunstform behandelte, mit besonders sorgfältig gestalteten Publikationen. Die Geburtsstunde der Coffee Table Books – schöner Bücher, die man zu Hause ausstellt wie Statussymbole.

Der Ort Trotz zahlreicher Verkaufsstellen bleiben zwei Orte für das Haus symbolträchtig: die Flagship-Boutique in der 1133 Broadway in New York und die historische Boutique in der Galleria Vittorio Emanuele. Letztere wurde im vergangenen Jahr renoviert (Bild oben) und ist nun kompakter und sehr theatralisch gestaltet, der ideale Ort für Veranstaltungen.

Der Lesetipp Das für April geplante Buch «Lady Dior Art» erzählt, wie zeitgenössische Künstler die berühmte Lady-Dior-Tasche in verschiedenen limitierten Auflagen interpretieren.

Rizzoli Galleria, Galleria Vittorio Emanuele II, Milano

7. Armani

Exklusive Auswahl

Die Idee Eine Jacke aus fliessendem Stoff in Greige, eine schlanke Silhouette: Das ist die minimalistische Eleganz, die der im letzten Herbst verstorbene italienische Modeschöpfer Giorgio Armani auf das gesamte Lebensumfeld übertragen hat. Das Herzstück dieses Imperiums schlägt im Mailänder Concept-Store, der seit dem Jahr 2000 Mode, Design, Beauty, Gastronomie (das japanische Restaurant «Nobu»), Blumenkunst und ausgewählte Bücher vereint. Nach einer umfassenden Renovierung Ende 2024 basieren die Räume auf einer nachhaltigen Philosophie.

Der Ort Die Buchhandlung hat eine gedämpfte Atmosphäre, in der leise Musik spielt. Die Bücher handeln natürlich von Mode und Design, aber die enge Zusammenarbeit mit dem deutschen Kunstverlag Walther König garantiert seltene Publikationen.

Der Lesetipp «Armani / Fiori» (Hrsg. Rizzoli) erkundet Giorgio Armanis Leidenschaft für Lotusblumen und Orchideen. Der Erlös kommt seinem Projekt zur städtischen Wiederaufforstung zugute.

Armani/Libri, Via Alessandro Manzoni 31, Milano

8. Saint Laurent

Produktionen des Hauses

Die Idee Der künstlerische Leiter von Saint Laurent, Anthony Vaccarello, versteht Mode als kulturellen Ausdruck. So macht seine Produktionsabteilung Filme wie den kürzlich erschienenen «Father, Mother, Sister, Brother» von Jim Jarmusch und gibt Kunstbücher heraus, unabhängig davon, ob sie das Modehaus betreffen oder nicht. Eine Podcast-Reihe namens «Talks» mit Persönlichkeiten aus der Welt des Kinos ergänzt das Angebot

Der Ort Dieser 2024 eröffnete Tempel von Saint Laurent in St-Germain des Prés verkauft keine Kleidung, sondern verkörpert die kulturelle Aktivität der Marke. Auf dem Programm stehen seltene oder sogar vergriffene Bücher, Musikaufnahmen und Eigenproduktionen.

Der Lesetipp Das Sammelwerk «How Directors dress» (Verlag A24, 2023) gibt anhand von Hunderten von Archiv- und zeitgenössischen Fotografien einen Einblick in die Garderobe von Filmregisseuren. Autoren und Bilder wurden von Anthony Vaccarello ausgewählt. 

SL Babylone, 9 rue Grenelle, Paris 7ème.

9. Assouline

Das Enfant terrible der Modeverlage

Die Idee Es ist die Geschichte eines Pariser Paares, Martine und Prosper Assouline, das 1993 dem Charme des Hotels «La Colombe d’Or» in Saint-Paul-de-Vence erliegt und beschliesst, diese Welt in einem Buch wiederzugeben. Die beiden kommen aus der Kommunikation und folgen ihrer Intuition: Ein Buch kann zu einem Modeaccessoire werden, das mit den Codes des Luxus aufgeladen ist und manchmal in seiner Ästhetik transgressiv ist …

Der Ort Mit mehr als 30 Boutiquen weltweit ist Assouline zu einer globalen Marke geworden. Aber es ist ihr Flagship-Store in London, der den Ton angibt. Dort blättert man in Büchern, trinkt einen Paloma Picante oder einen Havana Blues in der beliebten «Swans Bar», kauft eine hauseigene Duftkerze oder ein Backgammon-Spiel. Pure Lebenskunst.

Der Lesetipp Neu im Katalog ist «Emily in Paris: the fashion guide» von Marylin Fitoussi, Kostümdesignerin der Serie. Mit 250 Bildern und 304 Seiten ist das Werk ein echtes Manifest, sich kreativ zu kleiden.

Maison Assouline, 196A Piccadilly, London

10. Ephemera

Kostbare Modedokumente

Die Idee Pascal Monfort ist ein Modefanatiker, ein Enthusiast, ein Sammler. Nebenbei ist er auch Dozent für Modesoziologie und Berater für verschiedene Luxusmarken. Seine Buchhandlung in Paris sollte zunächst nur ein Pop-up sein (daher der Name Ephemera), um seine persönliche Sammlung zu verkaufen, die er über 20 Jahre hinweg zusammengetragen hatte: historische Zeitschriften, seltene Werke, Lookbooks, Einladungen zu Modenschauen. Der Laden wurde Anfang 2024 eröffnet – und ist mit seinen «precious fashion documents» immer noch da.

Der Ort Mit ihrem grossen Holztisch in der Mitte lädt die Boutique dazu ein, zu blättern und das Papier zu tasten – ein Erlebnis, das viel sinnlicher ist, als digital Modebilder anzuschauen. Oft stehen Vorträge und Begegnungen auf dem Programm.

Der Lesetipp Wie wäre es mit der Ausgabe des Magazins i-D aus dem Herbst 2010, die das 30-jährige Jubiläum der Publikation feiert – mit drei verschiedenen Covern, darunter eines mit Lady Gaga? 

Ephemera, 1, cour de l’île Louvier, Paris 4ème.

Kultur zur Schau tragen: Ein Plädoyer für die Kunst der Worte

Worte haben eine Bedeutung. Eine Mission. Eine emotionale Kraft. In unserer Welt, die von Bildern und Videos überschwemmt ist, schlägt eine zarte Stimme plötzlich vor, das geschriebene Wort wieder in Besitz zu nehmen, das Wort, das man in der Stille entdeckt, das man in einem Buch aus echtem Papier unterstreicht. Die zeitgenössische Mode zeichnet sich nicht besonders durch ihren Aktivismus oder ihre konzeptionelle Tiefe aus.

Und doch! Dieser Kosmos, den wir oft als oberflächlich betrachten, spiegelt manchmal unsere inneren Abgründe wider. Wie bei dieser Kollektion von Dior-Taschen, die der neue künstlerische Leiter Jonathan Anderson als Book Totes, als Oden an die Literatur, neu interpretiert. Ihre Stickereien sind von den Einbänden der Originalausgaben grosser Literaturklassiker inspiriert: «Les fleurs du mal» von Beaudelaire, «Ulysses» von James Joyce oder das so passende «Bonjour Tristesse» von Françoise Sagan.

Die nostalgischen Versionen gibt es auch als Pullover, Schals oder Überhemden. In einem ähnlichen Stil greift die Sommerkollektion der Pariser Marke 3. Paradis die Motive aus Saint-Exupérys «Der kleine Prinz» auf, während Paulin Dujancourt seine Kollektion Tschechows «Die Möwe» widmet.