
Sie haben das Abo im Fitnessstudio gekündigt und geben sich vornehm: Leggings widerlegen Klischees über den sogenannten guten Geschmack.
Natürlich: sie schmiegt sich an. Genau das ist das Erkennungsmerkmal – der Daseinszweck! – einer Leggings. Die Bewegungsfreiheit, welche diese dehnbare «Fast-Hose» garantiert, geht Hand in Hand mit einem leicht unanständigen Ruf. Im Fitnessstudio schwört man darauf, auf dem Sofa liebt man sie, am Flughafen akzeptiert man sie, im Museum runzelt man die Stirn – aber um Himmels willen: nicht im Büro und schon gar nicht an einem weiss gedeckten Tisch!
Dieses Vorurteil muss dringend überdacht werden. Denn ihre jüngste Verwandlung hat das Freizeitkleidungsstück schlechthin auf die Laufstege der grössten Modemarken gebracht. Die betonten, selbstbewusst zur Schau gestellten Beine verbinden sich bei Balenciaga mit perfekt geschnittenen Blazern, bei Hermès mit Jacken und Overknee-Stiefeln aus edlem Leder und bei Mugler mit raffinierten Plissee-Kreationen. Die Idee: das sportliche Erbe ausblenden und nur den Komfort beibehalten, wobei das verlängerte Bein als Sockel für eine aufwendige Modekreation dient.
Natürlich hat die Strasse (und die Stars, die ihre sportliche Figur gerne zur Schau stellen) nicht auf die Zustimmung der Luxusdesigner gewartet, um in Leggings zu schlüpfen und sie vom Yogastudio bis in den Trubel des Alltags zu tragen. Seit rund 20 Jahren bieten Brands wie Lululemon Modelle an (etwa das berühmte Align!), die technisch ausgeklügelt sind und trotzdem angenehm zu tragen, mit Schnitten, die der Figur schmeicheln. Wenn man schon Gesässmuskeln und Quadrizeps trainiert, kann man es schliesslich auch zeigen …
Der Athleisure-Trend wurde massgeblich von der Popkulturikone Kim Kardashian vorangetrieben. Nie hat sie sich gescheut, Leggings oder Radlerhosen mit schwindelerregenden High Heels zu kombinieren. SKIMS, ihre Marke für formgebende Kleidung, verzeichnet seit ihrer Einführung im Jahr 2019 einen ungebrochenen Erfolg. Was den globalen Markt für Leggings angeht, so belief sich dessen Volumen im Jahr 2024 auf 40 Milliarden US-Dollar, mit einer jährlichen Wachstumsrate von etwa sieben Prozent gemäss dem Finanzindikator CAGR.
Während die Mode dem vielseitig einsetzbaren Funktionskleidungsstück neue Spielräume im High-End-Bereich eröffnet, liegen die Herausforderungen der Branche vor allem in technologischen Innovationen (schnellem Trocknen, Kompression …) und einer nachhaltigen Produktion. Trotz unterschiedlicher Designs haben Beine heute die Qual der Wahl, wenn es um das Formen ihrer Silhouette geht.
Der Stretch-Effekt
Doch die Leggings waren nicht immer so angenehm zu tragen. Die Modelle der 1980er-Jahre – diese leicht glänzenden Lycra-Leggings – knisterten in den Händen und reizten die Haut. Na und?! Der straffende Effekt stand für die Anhängerinnen der ersten Aerobic-Kurse – man denke nur an die Videos von Fitness-Queen Jane Fonda! – im Vordergrund.
Historisch gesehen haben Leggings schon immer getanzt, mit Brigitte Bardot, Olivia Newton-John über Cher, Beyoncé bis hin zu Taylor Swift. Als der Chemiker Joseph Shivers 1958 Elasthan entwickelte, begleitete diese revolutionäre Faser im wahrsten Sinne des Wortes die Bewegungen der Frauenbefreiung. Der Stretch-Effekt ermöglichte es, die Körper in unverschämt engen Röhrenhosen zu präsentieren.
Die Zeit war reif dafür! Die Modeschöpfer der 1960er-Jahre griffen das neue Material, das den Wunsch, Fesseln zu sprengen, wahrmachte, nur zu gerne auf. Mary Quant, Erfinderin des Minirocks, nutzte dicke Strumpfhosen (fast schon Leggings!), um die Säume drastisch zu verkürzen. Pierre Cardin und André Courrèges entwarfen eng anliegende Hosen und Overalls für futuristisch-raumfahrtartige Outfits. Emilio Pucci hingegen hüllte Beine in psychedelische Drucks.
In gewisser Weise knüpfen die Leggings auf den Laufstegen wieder an den freien und Couture-orientierten Geist an, der die Anfänge der Stretch-Textilien geprägt hat. Das Kleidungsstück hat zwar eine tiefe sportliche Verankerung, verkörpert aber vor allem eine komplexfreie Weiblichkeit, die selbstbewusst voranschreitet. Man könnte fast vergessen, dass die ersten, die sich mit eng anliegender Beinbekleidung schützten, Soldaten des späten Mittelalters waren. Die Amazonen von heute salutieren ihnen.

1498
Soldaten mit Strümpfen in einem Gemälde von Luca Signorelli.

1901
Die Fotoserie „The Power and Beauty of Superbe Womanhood“ verherrlicht bereits den betonten Körper.

1957
Audrey Hepburn in „Funny Face“, in einer Zigarettenhose, dem Vorläufer der Leggings.

1966
Der Modeschöpfter Emilio Pucci integriert die Leggings in seine Vision von Flower-Power.

1985
Von Jane Fonda inspirierte Fitness-Outfits werden Trend.

2025
Kim Kardashian hat den sportlichen Look auf der Strasse populär gemacht.

2026
Auf dem Laufsteg für den Herbst: ein Modell von Mugler.

