
Die französische Illustratorin verzaubert Kinderbücher mit ihren märchenhaften Pflanzenmotiven. Ihr zarter Stil passt auch wunderbar zu Luxusmarken.
Sie trägt einen grasgrünen Pullover mit Blumenmuster (von Chanel). Ein Stück, das perfekt in die zarte Welt passt, die unter dem Pinsel der Illustratorin entsteht. In den vergangenen 25 Jahren hat sie die Seiten von mehr als 80 Kinderbüchern mit ihren Figuren und ihrer Vegetation des Glücks zum Leben erweckt.
Ihr Stil begeistert auch Luxusmarken, die ihr Talent für Plakate und Schaufenstergestaltungen nutzen. Vor allem der Juwelier Van Cleef & Arpels, der mit ihr magische Welten erschafft. In diesem Mai wurde etwa die 5th Avenue in New York mit frühlingshaften Dekorationen geschmückt, die von den Motiven des Hauses und Gastauts Zeichnungen inspiriert waren. Manifestiert in einer städtischen Architektur mit Pavillons und kleinen Brücken. Obwohl sie im Grossraum Paris lebt, flieht die Künstlerin immer wieder aufs Land. Doch sie zeichnet die Natur nicht ab: «Ich erfinde meine Blumen. Ich male die Erinnerung an das, was ich liebe.»

Sie arbeiten schon seit 2018 mit Van Cleef & Arpels zusammen. Welches Schmuckstück berürht Sie besonders?
Da gibt es viele! Aber ich liebe die grossen Halsketten mit Quasten (Foto) aus der Haute Joaillerie. Sie sind vom Couture-Stil inspiriert.

Und noch ein weiteres Stück?
Da ist auch dieses aussergewöhnliche Collier, das überhaupt nicht zu mir passt: ein halsnahes Schmuckstück in Form eines Flugzeugs (Foto), die „Mystère IV Aircraft“ von 1956, dargestellt in der Startphase, mit der Rauchspur, die es hinter sich herzieht und sich als Geflecht aus Gold und Diamanten um den Hals legt. Es wurde fuer die Pilotin Jacqueline Auriol geschaffen. Es ist ein magisches Schmuckstück, sehr weit entfernt von dem, was wir mit Van Cleef & Arpels entwickeln, und doch berührt es mich sehr. Und es braucht einiges, um mich mit einem Flugzeug zu berühren …
Jedes Jahr ist der Frühling eine sehr wichtige Saison für die Marke. Dieses Mal steht er im Zeichen des Schmetterlings, den Sie auf sehr schöne Weise interpretiert haben (Foto) …
Eigentlich habe ich selten zu diesem Thema gearbeitet, denn ich orientiere mich eher an Blumen. Ich habe mich von den zahlreichen Schmetterlingen inspirieren lassen, die bereits in den Kollektionen vorkommen und deren Schlichtheit ich liebe. Danach dachte ich an die Fragilität japanischer Drucke und Seidenstoffe. Sie wissen schon, jene, auf denen nur ein paar Schmetterlinge in Tusche angedeutet sind. Das ist wunderschön. Und ich denke auch an ein Kleid, dessen Spur ich verloren habe: ein Kleid aus dem 18. Jahrhundert, aus blassgrüner Seide, ein sehr, sehr helles Jadegrün. Es war mit kleinen weissen Schmetterlingen und einigen Blumen bestickt. Das hatte eine unglaubliche Poesie und Sanftheit. Und genau diese Zartheit hat mich inspiriert.


Ihr Stil ist wahrscheinlich direkter als jener der japanischen Drucke (Foto), doch es überrascht nicht, dass Sie dafür empfänglich sind. Man findet dieselbe Leichtigkeit wieder, fast etwas Angedeutetes …
Ich bin von asiatischer Kunst zutiefst berührt, vor allem jedoch von der japanischen Kunst, die eine Verbindung zur skandinavischen Kunst schafft. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gab es so viele aussergewöhnliche Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Stilrichtungen. Ich liebe dieses Talent, mit Leere zu gestalten. Ein oder zwei Elemente … Während ich im Gegenteil eher im Überfluss arbeite, ich kann nicht mit Leere umgehen. Ich fülle sie aus … Aber wir suchen nach etwas Ähnlichem, nach einer Art Stille.
Woher kommt Ihre Vorliebe für Märchenhaftes und florale Poesie?
Alles kommt aus meiner Kindheit, aus meiner Familie. Meine Mutter, Marieva, war Malerin und begeisterte sich für persische Miniaturen und für Gärten. Sie hat unzählige Bäume gemalt. Ich bin in einer blühenden Welt aufgewachsen, mit riesigen Gemälden, die oft Mandelbäume in voller Blüte darstellten. Meine Grossmutter war Schwedin, und dank ihr bin ich auch in einer äusserst märchenhaften Welt skandinavischer Erzählungen gross geworden. Ich spreche von der ganzen Welt von John Bauer, Kay Nielsen, Dov Johnson … Diese grossen Illustratoren vom Beginn des 20. Jahrhunderts mit ihrem magischen Universum. Und daneben mein Vater, der mir die One Thousand and One Nights erzählte. Diese vollkommen märchenhafte Atmosphäre hat mich geprägt und aufgebaut. Das Leben ist sehr viel schöner, wenn man mit solchen Bildern aufwächst.

Wenn Sie nur eine einzige dieser Figuren nennen müssten, dieser Begleiter Ihrer Kindheit …
Es gibt viele, aber die Heldin, die in meiner Kindheit und in meiner Erziehung eine echte Grundlage war, das war Pippi Langstrumpf (Foto). Sie unterscheidet sich übrigens ziemlich von der Welt, die ich gerade beschrieben habe. Ich sehe sie vor mir in den Zeichnungen von Ingrid Vang Nyman. Ich hänge sehr an diesem kleinen Mädchen, das allein mit seinem Pferd lebte, unabhängig und aussergewöhnlich stark. Ihr Vater war ein Kapitän, der um die Welt reiste. All die Abenteuer, die ihr widerfahren, erzählen von ihrer Art, ein einsames und eigentlich ziemlich beängstigendes Leben in etwas Fröhliches und Wunderschönes zu verwandeln.
Sie sind in Marseille aufgewachsen und leben heute in der Region von Paris. Fühlen Sie sich eher der einen oder der anderen Stadt verbunden?
Mein Herz gehört Marseille. Ich bin Marseillerin. Ich sage das mit Stolz, es ist eine Stadt, die ich liebe. Meine Kindheit, das ist das weisse Sonnenlicht, das Meer. Der Ort, der für mich diese Stadt verkörpert, ist der Strand der „Bains Militaires“ (Foto). Ein winziger Strand, den man über eine kleine Treppe erreicht, versteckt hinter der Bucht von Anse de Malmousque. Und es ist eines der schönsten Meeresbäder, die man nehmen kann, direkt gegenüber der Insel Île Maïre. Meine Mutter und ich gingen dort ständig baden. Und es ist wirklich ein Ort in Marseille, der noch nicht von den gewaltigen Touristenmassen verschlungen wurde. Der kleine steinige Weg wurde zwar zementiert, hat aber seinen Charme bewahrt. Es ist ein Badeplatz, den man sich verdienen muss, mit aussergewöhnlichem Wasser.


Malen Sie manchmal in der Natur?
Ich male nur bei mir zu Hause. Die Natur betrachte ich, ich gehe in ihr spazieren, ich liebe sie … sie steckt in allem, was ich tue. Wenn ich übrigens Pflanzen und Natur zeichne, habe ich keinerlei Vorlagen. Ich habe kein Modellbild, kein botanisches Beispiel. Ich zeichne die Erinnerung, die ich an die Dinge habe, die ich liebe. Ich erfinde meine Blumen (Foto).
Ein Ort in der Natur, an dem Sie Inspiration schöpfen?
Es fällt mir sehr schwer, mich zu entscheiden – denn wählen heisst auch verzichten. Deshalb nenne ich drei Orte, abgesehen von Marseille, denn diese Stadt trage ich immer in meinem Herzen. Da ist zunächst unser Ferienhaus ganz in der Nähe von La Ciotat mit Blick auf das Meer. Ein wahres Paradies auf Erden. Dann gibt es einen zweiten Ort, an den mein Mann und ich uns gerne zurückziehen: Saint-Victor-de-Réno in der Region Perche, bei einem Freund. Das Haus liegt verloren mitten in den Feldern und schenkt uns eine wohltuende Auszeit. Dort herrscht absolute Ruhe, begleitet von der sanften Morgennebelstimmung. Ein aussergewöhnlicher Ort! Der dritte Ort ist das Atelier, das wir derzeit im Südwesten Frankreichs bauen. Es blickt auf Täler und Hügel. Dort gibt es einen Baum, einige Esel und dahinter diesen herrlichen Blick auf die Pyrenäen. Wenn ich das Meer nicht in meiner Nähe haben kann, brauche ich Weite, einen Horizont, etwas Grosses. Es ist wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, wie klein wir eigentlich sind.

Eine Blume, die Sie besonders mögen?
Ich liebe besonders die Blüten der Mandelbäume, wenn die Bäume im Februar und März in voller Blüte stehen. Es ist jedes Mal ein Glück, sie in den Tälern rund um Marseille erblühen zu sehen. Auch die Mimosen lösen dieses Gefühl bei mir aus. Und die blassvioletten Irisblüten (Foto). Das sind die zarten Schönheiten, die ich liebe … Es sind empfindliche Pflanzen, die sehr schnell verwelken. Ich glaube, gerade diese Vergänglichkeit macht sie so berührend. Übrigens wurden sie oft als Schmuckstücke interpretiert und verewigt.
Während des gesamten Monats Mai erblüht das Rockefeller Center in New York dank Ihrer Kreationen. Ihre Blumen werden zu urbanen Möbelstücken! Was verändert sich, wenn man in solchen Dimensionen arbeitet?
Als ich 2023 zum ersten Mal mit Van Cleef zusammenarbeitete, ging es um die Gestaltung der Fifth Avenue im Frühlingsgewand. Dieses Projekt entstand gemeinsam mit einer Agentur, die mir geholfen hat, meine Arbeit im Grossformat und räumlich zu denken. Ich selbst arbeite und zeichne eher wie für ein Theaterdekor – mit aufeinanderfolgenden Ebenen. Ich kann mir diese Welt nicht in drei Dimensionen, nicht in einer architektonischen Form vorstellen. Das ist wirklich eine ganz andere Dimension! Diese Spezialisten haben mich deshalb an die Hand genommen, um den Schritt von meinen Zeichnungen hin zum Stadtmobiliar zu ermöglichen. Ich stellte mir Rotunden, Brücken und einen kleinen Pavillon vor … Für jemanden wie mich, die der Miniaturwelt sehr verbunden ist, muss ich sagen, dass das Ergebnis geradezu magisch war. Es hat mir ein wenig den Kopf verdreht!

Und das nicht nur in New York …
Ganz genau! Wir haben in Tokio, Seoul und New York gearbeitet – alles riesige Metropolen, in denen die Poesie für einen Moment Besitz von den grauen Gebäuden ergreift. Pure Magie!

War eine Karriere im Kinderbuchbereich für Sie von Anfang an eine Selbstverständlichkeit?
Ich habe schon immer gezeichnet, seit meiner frühesten Kindheit. Anfangs war mir jedoch nie bewusst, dass ich das Recht hatte, nichts anderes zu tun – dass ich daraus tatsächlich einen Beruf machen könnte. Erst als meine Eltern mir grünes Licht für eine Kunstschule gaben, nahm ich mir diese Freiheit. Nach fünf Jahren Ausbildung arbeitete ich zwei Wochen lang in einer Werbeagentur. Diese vierzehn Tage waren eine regelrechte Katastrophe: Das war überhaupt nichts für mich! Also fragte ich mich, was mich geprägt und wachsen lassen hatte. Da hatte ich eine Art Offenbarung: Genau das möchte ich tun – Kinder auf ihrem Weg begleiten, während sie sich entwickeln. Wenn man Schönheit und Träume in die Kindheit bringt, kann man vielleicht auch den Erwachsenen von morgen bereichern. Von diesem Moment an konzentrierte ich mich ganz auf diese Aufgabe: Kinderbücher. Und genau sie haben mich später zu weiteren Projekten geführt, etwa zu der Zusammenarbeit mit dem Juwelier Van Cleef & Arpels.
In Ihrem neuesten Buch greifen Sie die Legende von Dracula neu auf (Foto) – und machen aus ihm einen Modedesigner!
Es ist eines der wenigen Bücher, die ich sowohl geschrieben als auch illustriert habe. Es entstand aus einem echten Bedürfnis heraus. Zum einen, weil ich eine grosse Leidenschaft für Mode habe. Zum anderen, weil ich damals eine schwierige Phase meines Lebens durchlebte und mit Trauer und Krankheit konfrontiert war. Ich spürte, dass ich ein Buch über den Tod schreiben musste – aber ich wollte dieses Thema mit Sanftheit behandeln. Dracula erschien mir dafür die ideale Figur: jemand, der weder wirklich lebendig noch wirklich tot ist. Ich wollte eine Liebesgeschichte erzählen – eine Geschichte von Liebe, Tod und Schönheit. Die Welt der Mode erlaubte es mir, all diese Elemente miteinander zu verbinden.


Welche Bedeutung hat die Mode in Ihrem Leben?
Wenn wir uns anziehen, drücken wir uns aus. Wir erlauben uns, der Mensch zu sein, der wir tief im Inneren sind. Wissen Sie, in meinen Büchern haben meine Figuren fast alle das gleiche Gesicht. Was sie unterscheidet, ist ihre Kleidung. Kostüme, Muster, Schmuck – all das sind Ausdrucksformen unserer Persönlichkeit. Diese Entscheidung, die wir jeden Morgen treffen, berührt mich sehr. Es ist, als würden wir sagen: Das ist die Person, die ich heute sein möchte.
Gibt es ein Kleidungsstück, das besonders gut verkörpert, was Sie gerade beschreiben?
Ich möchte lieber eine Designerin erwähnen, die mich besonders bewegt: Geneviève Sevin Doering. Diese Künstlerin und Kostümbildnerin aus Marseille ist vor einigen Jahren verstorben. Sie arbeitete mit grösster Schlichtheit und Zurückhaltung. Ihre Welt ist meiner sehr fern, und doch bewundere ich zutiefst ihre Art, Kleider aus einem einzigen Stoffstück zu gestalten. Ihre Schnittmuster sind wahre Kunstwerke – erstaunlich, wie ausgebreitete Rorschachtests. Oder wie Schmetterlinge … Sie hat unzählige Theaterkostüme geschaffen, und ihre Kreationen sind von einer erschütternden Schönheit. Wenn man sie trägt, fühlt man sich wie eine Vestalin, erfüllt von Kraft und Stärke. Sie war eine aussergewöhnliche Frau. Bis zum Ende ihres Lebens arbeitete sie weiter, obwohl sie erblindet war. Ich habe sie damals in ihrem Atelier besucht. Dort arbeitete sie gemeinsam mit ihrer Tochter, die ihr Werk heute weiterführt. Ihre Tochter reichte ihr ein Kleidungsstück, und allein durch das Berühren des Stoffes konnte sie es bis ins kleinste Detail beschreiben.
Welche anderen inspirierenden Persönlichkeiten beeindrucken Sie besonders?
Viele Frauen! Derzeit arbeite ich an einem Buch über ein Thema, das mich leidenschaftlich beschäftigt: den weiblichen Ungehorsam in der Kunst. Auch dieses Buch richtet sich an Kinder und wird bei Flammarion Jeunesse erscheinen. Es trägt den Titel «Désobéissance, mode d’emploi» und erzählt von all jenen Frauen, die im Laufe der Jahrhunderte Regeln brechen, Widerstände überwinden und eigene Wege finden mussten, um sich auszudrücken und ihre Kunst zu schaffen – in einer Gesellschaft, die Frauen das Leben alles andere als leicht machte.
Was kann man Ihnen wünschen, das Ihnen wirklich Freude bereiten würde?
Ich würde gerne die Gemälde wiederfinden, die meine Mutter gemalt hat. Leider fürchte ich, dass sie alle verschwunden sind.

