Viel Luft um nichts? Mitnichten! Aufblasbare Möbel, die erstmals in den Sechzigerjahren die Wohnzimmer eroberten, sind diesen Sommer zurück.

Die gäste an der Herrenmodenschau für Frühling / Sommer 2019 von Prada staunten nicht schlecht, als sie sahen, worauf sie da Platz nehmen sollten. Aufblasbare Plastikhocker! Und das bei einem Luxuslabel. Wirklich? Aber ja! Mit ihrer ungewöhnlichen Sitzplatzwahl hat Inhaberin und Designerin Miuccia Prada einmal mehr unter Beweis gestellt, was für eine Visionärin sie ist. Die Besucher sassen auf einem durchsichtigen Entwurf des dänischen Designers Verner Panton aus dem Jahr 1960, der bis dato nie in Produktion gegangen war.

1968

Die Ausstellung Structures Gonflables in Paris präsentierte neben Möbeln auch aufblasbare Architektur.

© Jean-Paul Jungmann


In den Swinging Sixties wurden die ersten aufblasbaren Möbel entwickelt – am diesjährigen Salone del Mobile feierten sie ein Comeback. Die Mailänder Möbelmesse gilt als Pulsmesser der Branche, als Kompass für das, was kommt. Und geht es nach Set-Designern wie Jabez Bartlett, der fantasievolle Welten für Chanel, Hermès und Louis Vuitton entwirft, oder globalen Unternehmen wie Ikea, sollten wir alle tief Luft holen.

Bartlett präsentierte einen aufblasbaren Coffeetable, dessen Tischplatte aus Harz für die nötige Stabilität sorgt, damit der Kaffee nicht verschüttet wird. Ikea wiederum wagt mit dem Sessel «PS 2026 Easy Chair» einen zweiten Anlauf. Bereits 1997 lancierte das schwedische Möbelhaus mit «a.i.r» eine Kollektion aus luftgefüllten Möbeln – die gnadenlos floppte. 

2011

Preisgekrönter Raumteiler Bablo für Sacea.

© Saverio Lombardi Vallauri

Nicht nur sahen der Sessel «Rolig» und das Sofa «Innerlig» aus «wie eine Gruppe aufgeblähter Nilpferde». Das elektrostatisch aufgeladene Plastik zog Fussel an, hinzu kamen höhere Produktionskosten als zunächst veranschlagt. «Wenn man beim Vorbeigehen versehentlich gegen die Möbel stiess, flogen die Teile quer durch den Raum. Manche quietschten wie ein Badespielzeug», erzählt Ikea-Designer Mikael Axelsson.

Flexibel und praktisch

Beim «PS 2026 Easy Chair», den Axelsson entwickelt hat, soll nun alles besser laufen. Das Möbel ist in einen Rahmen aus Metall gefasst und mit Stoff überzogen. «Mir gefiel die Idee, eine Ressource zu nutzen, die uns jederzeit und
kostenlos zur Verfügung steht – Luft!», so der Designer. Kommt hinzu: In Zeiten, in denen der Wohnraum knapp ist, sind modulare Raumlösungen gefragter denn je. «Aufblasbare Möbel könnten definitiv eine der vielen Lösungen für kleinere Wohnräume sein», bestätigt Axelsson. «Die Möbel sind flexibel, leicht zu verstauen und einfach zu transportieren.»

2017

Pendelleuchte Blow Me Up von Ingo Maurer.

© Ingo Mauer Design

Dabei spielte Praktikabilität bei den ersten aufblasbaren Möbeln keine Rolle. Einzig die Kreativität, die Lust auf Neues, war die Triebfeder. Die 1960er-Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs. Studenten gingen auf die Strasse, die sexuelle Revolution war in vollem Gang und Hippies sangen Lieder über Freiheit.

Der Bruch mit Konventionen spiegelte sich auch im Design wider: Inspiriert von der Raumfahrt, hielt das Space Age mit knalligen Farben und ungewöhnlichen Formen Einzug in die Wohnzimmer – begleitet von neuen Materialien wie Fiberglas oder Kunststoff. Die Kunststoffe entwickelten sich in den Nachkriegsjahren weiter, PVC wurde erschwinglich und ging in Massenproduktion.

1967 entwarfen Jonathan De Pas, Donato D’Urbino, Paolo Lomazzi und Carla Scolari, vier junge Kreative der Anti-Design-Bewegung, «Blow»: den ersten aufblasbaren Sessel aus PVC. Im Jahr darauf begann der italienische Möbelhersteller Zanotta, den Sessel industriell zu fertigen. Das ungewöhnliche Möbel wurde zu Zehntausenden vertrieben. Das Erfolgsrezept: Mit poppigen Farben, klein zusammengefaltet und inklusive Luftpumpe verschickt, kostete die Luftnummer nur 20 US-Dollar. 

2023

Sitzsack Lamzac O von Fatboy in Kooperation mit Longchamp.

© Longchamp

Das Urgestein der aufblasbaren Möbel gehört heute zur Sammlung des Museum of Modern Art in New York. Die Pariser Ausstellung «Structures Gonflables» ging im März 1968 sogar noch einen Schritt weiter. Neben Möbeln lotete sie die Möglichkeiten von aufblasbarer Architektur aus. 

Danach ging den aufblasbaren Entwürfen jedoch erst einmal die Luft aus. Das weiche PVC war weder besonders stabil noch bequem – ganz zu schweigen von der Umweltverträglichkeit. Erst Ende der 1990er beschäftigten sich Designer wieder vermehrt mit dem Konzept der Luftmöbel, nicht zuletzt hervorgerufen durch eine Retrowelle.

Der mobile Raumteiler «Bablo», entworfen vom italienischen Architekten Egidio Panzera für Sacea, wurde 2011 sogar mit dem Designpreis «Red Dot Award» ausgezeichnet. Wahlweise kann er auch als Matratze verwendet werden. Der deutsche Lichtkünstler Ingo Maurer, bekannt für seine kreativen, ja geradezu verspielten Leuchten, legte 2017 mit «Blow Me Up» eine Pendelleuchte aus einem Kunststoffschlauch mit LED-Streifen vor. 

2024

Re-Edition des Sofas von Quasar Khanh aus dem Jahr 1968 in Rauchschwarz für Saint Laurent.

© Zanotta

Anfang 2023 lancierte Fatboy in Kooperation mit dem Taschenlabel Longchamp eine limitierte Kollektion des Sitzsacks «Lamzac O». Beim In-der-Sonne-Dösen kann man sein Handy oder das Portemonnaie einfach in die Seitentasche stecken. Und selbst das Modehaus Saint Laurent zeigt sich fasziniert vom, nun ja, eher einfachen Material: 2024 legte das Luxuslabel zwei Chesterfield-Entwürfe des vietnamesischen Designers Quasar Khanh aus dem Jahr 1968 für seine Home Collection in Rauchschwarz neu auf. Kostenpunkt der Re-Editionen: mehrere tausend Euro. Angesichts solcher Preise kann man sich durchaus fragen: Alles nur heisse Luft?

«In der aktuellen Präsenz verspielter, Leichtigkeit ausstrahlender Möbelentwürfe sehe ich ein Gegengewicht beziehungsweise eine Reaktion auf die Ernsthaftigkeit und Schwere der weltpolitischen Lage», sagt Sabina Tenti, Kuratorin der Designsammlung des Museums für Gestaltung in Zürich.  «Diese Hinwendung zu Leichtigkeit ist nachvollziehbar und hat historische Parallelen: Auch die Designexperimente der späten 1960er‑Jahre entstanden im Umfeld von Antikriegshaltungen und antiautoritären Bewegungen.» Ob man die Luftnummern nun ernst nimmt oder nicht – Spass bereiten sie auf alle Fälle.  

2026

Der Sessel PS 2026 Easy Chair von Ikea wurde am diesjährigen Salone del Mobile präsentiert. Das Metallgestell verleiht Stabilität.

© IKEA