Die herbst-/Winter-Kollektionen 2026 präsentieren Hingucker-Looks.

Man weiss nicht mehr so recht, wohin die Reise geht. Seit einigen Jahren haben im Büro Birkenstocks die Oxford-Schuhe abgelöst und Hoodies die Hemden. Die Arbeit im Homeoffice hat die Grenzen zwischen Freizeit- und Arbeitskleidung endgültig verwischt. Warum sollte man eine gebügelte Bundfaltenhose tragen, wenn niemand sieht, was sich ausserhalb des Blickfelds der Webcam befindet?

Und dann, fast ohne Vorwarnung, schlägt das Pendel wieder in die andere Richtung aus. Was aber keineswegs heisst, dass Anzug und Krawatte wieder an der Tagesordnung stehen. Was zurückkommt, ist viel einfacher: die Lust, einen Look zu kreieren, anstatt einfach nur Kleidung zu tragen. Der Trend geht übrigens weit über die Laufstege hinaus: Büros ähneln Cafés, Cafés wiederum Co-Working-Spaces. Hochzeiten verzichten auf Dresscodes. Selbst Gourmetrestaurants haben die Jackett-Etikette gelockert.

Alles ist flexibler, unkomplizierter geworden, sowohl in der Damen- wie in der Herrenumkleide. Das ist eigentlich eine gute Sache. Niemand vermisst die Zeiten, in denen eine Krawatte darüber entscheiden konnte, ob man ein Restaurant betreten durfte oder nicht. Doch wenn die Regeln verschwinden, bleibt eine Frage: Was tun, wenn man einen besonderen Anlass feiern möchte? Sich schick machen, natürlich.

Nicht, um zu zeigen, was man besitzt. Ein gut gebügeltes Hemd, eine perfekt geschnittene Hose oder ein Mantel, für dessen Auswahl man sich Zeit genommen hat, sagen ohne Label nicht viel über den Status des Trägers oder der Trägerin aus. Sie zeigen lediglich, dass er oder sie sich Gedanken gemacht hat.

Und vielleicht ist es genau das, was heute wieder im Kommen ist: die Freude daran, sich Mühe zu geben. Für sich selbst, für den Ort, an den man geht, für die Menschen, die man trifft.  

Tom Ford
Saint Laurent

Grosser Auftritt

Ein schöner Anzug verändert nicht nur die Silhouette, er verändert auch die Körperhaltung. Hier kommt es ganz auf die Details an: ein perfekt geschnittenes Sakko, ein bis zum Kragen zugeknöpftes Hemd, ein unter der Krawatte verstecktes Halstuch. Nichts Spektakuläres, und doch ist der erste Eindruck sofort ein anderer.

Man richtet sich auf. Man nimmt den Raum ein. Genau das erzählen die Kollektionen von Tom Ford und Saint Laurent in dieser Saison: Es ist weniger eine Rückkehr zum Anzug als vielmehr eine Rückkehr zur Idee, sich aufwendig zu kleiden. Nach Jahren mit weichen Sakkos, Sneakers und auf Komfort ausgelegten Silhouetten gewinnt die Schneiderkunst wieder an Präzision.

Es geht keineswegs darum, die Bankeruniform der 1980er-Jahre wieder aus dem Schrank zu kramen. Schals ersetzen manchmal Krawatten, die Proportionen ändern sich, Stilcodes vermischen sich. Der Anzug ist kein Zwang. Er ist eine bewusste Entscheidung. Sich die Zeit nehmen, einen Look zusammenzustellen, ein Hemd zuzuknöpfen, die passenden Accessoires auszuwählen. Nicht, um andere zu beeindrucken. Einfach, weil man beschlossen hat, dass es sich an diesem Tag lohnt.

Polo Ralph Lauren
Conner Ives

Grosser Abend

Der Kummerbund ist zweifellos das wichtigste Accessoire der Saison – und zugleich eines der aussagekräftigsten. Dieser breite Seidengürtel, der traditionell zum Smoking getragen wird, leitet sich vom persischen Wort «kamarband» ab, was wörtlich «Band um die Taille» bedeutet.

Im 19. Jahrhundert wurde er von britischen Offizieren in Indien getragen, anschliessend etablierte er sich in der westlichen Abendgarderobe. In seine Falten, die stets nach oben zeigen, liessen sich ein Geldschein, ein paar Münzen oder eine Eintrittskarte verstauen. Eine Anekdote, die viel über die Epoche aussagt, aus der er stammt. Nun taucht er wieder auf den Laufstegen auf. Bei Polo Ralph Lauren findet er seinen natürlichen Platz wieder, unter einem makellos geschnittenen schwarzen Sakko. Bei Conner Ives wird er abgewandelt, fast schon improvisiert, als Schärpe an der Taille gebunden als Augenzwinkern an die festliche Garderobe.

Zwei sehr unterschiedliche Interpretationen, aber ein und dasselbe Bestreben: die Freude am Ritual wiederzuentdecken, ohne die Regeln einhalten zu müssen. Niemand fordert die Rückkehr von Bällen in Abendgarderobe. Man kann den Kummerbund heute gerade deshalb tragen, weil er keinen Zweck erfüllt. Und vielleicht macht genau das seinen Reiz aus: Es genügen ein paar Zentimeter Seide um die Taille, um eine Silhouette in ein Statement zu verwandeln.

Bottega Veneta
Chanel

Grosse Illusion

Das Krokodil verschwindet. Seine Symbolik bleibt jedoch unberührt. Die grossen Modehäuser distanzieren sich nach und nach von exotischem Leder. Einige verzichten gänzlich darauf – endlich! –, andere schränken seine Verwendung stark ein. Ethische und ökologische Bedenken mischen die Karten neu, bis hin in die Ateliers der Luxusmarken. Und doch kann man sich seinem Einfluss nicht entziehen.

In dieser Saison sind die Taschen mit Schuppen überzogen – ganz ohne Krokodil. Geprägtes Leder bildet das Relief mit einer fast beunruhigenden Präzision nach. Das Muster, die Textur, alles, was seine Faszination ausmacht, wird beibehalten – nur das Tier selbst nicht. Denn das Krokodil war nie nur ein Material. Es steht für einen bestimmten Luxus: den von Gegenständen, die man bewahrt, die man weitergibt und die mit der Zeit an Charakter gewinnen.

Selbst wenn es auf Kalbsleder nachgebildet wird, vermittelt seine Narbung weiterhin den Eindruck von etwas Kostbarem und Beständigem. Der Reiz der Illusion: Heute will man das Krokodil, ohne es zu brauchen.

Michael Kors
Kallmeyer

Grosse Bijous

Es kommt selten vor, dass ein Accessoire eine komplett neue Rolle einnimmt. Genau das passiert jedoch gerade mit der Brosche. Ein Ring lenkt den Blick auf die Hand. Eine Halskette rahmt den Hals. Ein Ohrring unterstreicht ein Lächeln. Die Brosche bewirkt genau das Gegenteil: Sie lenkt den Blick auf das Kleidungsstück – auf ein Jackenrevers, eine Schulter, einen Kragen. Und genau das macht sie so interessant.

Nach Jahren schlichter Silhouetten bringt sie etwas zurück, das die Mode weitgehend ausser Acht gelassen hatte: den Schmuck. Bei Michael Kors oder Kallmeyer wirkt sie wie ein Erbstück, als hätte sie schon immer zu dieser Jacke gehört. Sehr schön. Aber sie kann auch weniger kostbar sein. Eine auf einem Flohmarkt gefundene Brosche an einem Revers befestigt erhält eine völlig neue Funktion. Man muss sie nur an der richtigen Stelle anstecken, damit eine sehr unauffällige Jacke plötzlich nicht mehr schlicht wirkt.

Und wenn Sie einen Ohrring verlieren, werfen Sie den zweiten auf keinen Fall weg. Stecken Sie ihn einfach an den Kragen Ihrer Jacke. Die schönsten Accessoires sind manchmal gerade diejenigen, die ihrer ursprünglichen Funktion entfliehen.