All-inclusive-ferien erleben einen neuen Boom. Rückblick auf eine brillante Idee, die den Tourismus revolutioniert hat.

Sie stehen in reih und glied, mit einem breiten Lächeln im Gesicht, die linke Hand hinter dem Rücken, die rechte zum Gruss erhoben. Sie sind ganz in Weiss gekleidet und nennen sich GO – Gentle Organisers. Nein, dies ist keine Szene aus der Serie «The White Lotus», sondern der Empfang, der Reisenden bereitet wird, die die Tore des «Club Med Punta Cana» in der Dominikanischen Republik betreten. Sehr schnell finden sich die Neuankömmlinge mit einem eisgekühlten Cocktail in der Hand und mit den Füssen im Sand wieder, der eher samtig als körnig ist. Und mit diesem herrlichen Gefühl, dass die ganze Welt auf das eigene Wohlbefinden ausgerichtet ist. Kein Portemonnaie, kein Kopfrechnen, kein Umrechnen der Währung, bevor man an die Bar geht: Das All-Inclusive-Konzept trägt zu dieser Glückseligkeit bei. Das Leben ist einfacher und leichter, wenn alle Freuden kostenlos zu sein scheinen.

Der Ansatz des «Alles ist im Voraus bezahlt», für den Club Méditerranée seit seiner Gründung im Jahr 1950 Pionierarbeit geleistet hat, litt lange Zeit unter einem fragwürdigen Image, das zwischen XXL-Buffets und fluoreszierenden Armbändern feststeckte. Heute ist er wieder in Mode –  in einer Premiumversion, schicker, ausgereifter, fast philosophisch. War es ursprünglich ein Mittel zum Zweck für Familien, ihr Budget im Blick zu behalten, so ist es heute selbst für wohlhabende Reisenden eine Möglichkeit, abzuschalten.

Das Modell spricht einen Mechanismus in unserem Gehirn an. Matthias Fuchs, Direktor des Instituts für Customer Experience Management, Assistenzprofessor für Marketing an der renommierten  Ecole Hotelière de Lausanne und Verbraucherpsychologe, erklärt: «Das Grundprinzip ist dasselbe geblieben: Man zahlt einmal und profitiert dann von einer Reihe kostenloser Dienstleistungen. Das ist ein klarer Vorteil, denn es gibt einen ‹Zahlungsschmerz›. Jedes Mal, wenn der Verbraucher sein Portemonnaie zückt, verursacht das einen physischen Schmerz.»

Der Preis für den inneren Frieden

Diese Idee verdeutlicht eine bekannte Situation: Der Reisende ist bereit, 800 Franken pro Nacht zu bezahlen, ärgert sich aber über die zusätzlichen 10 Franken für das WLAN. Für Fuchs nur logisch: «Es kommt nicht auf den Betrag an, sondern darauf, wie oft man bezahlt. Mit all inclusive vermeidet man diese kleinen Ärgernisse.» Mit anderen Worten: Es geht nicht um Rentabilität, sondern um inneren Frieden. Man vergisst fast den Preis der Dinge  – der im Voraus bezahlt wurde – und jede Leistung erscheint wie ein Geschenk.

Beim Club Med begann die Reise mit Gérard Blitz und Gilbert Trigano. Sie stellten sich ein Dorf vor, in dem alles inklusive wäre: Verpflegung, Unterkunft, Sport und sogar das Lächeln der Mitarbeiter. Der Club Med hat damit eine neue Art erfunden, Ferien zu machen. Sein damaliger Slogan «Das Ziel des Lebens ist es, glücklich zu sein» fasst dieses Versprechen zusammen. Club Med steht für den Mythos von Strohhütten, Muschelketten und GOs in weissen Shorts. Aber er ist auch die erste Marke, die verstanden hat, dass Luxus nicht in Vergoldungen liegt, sondern in Mühelosigkeit. Mit der Renovierung zahlreicher Feriendörfer und der Gründung einer Exclusive Collection, die prestigeträchtige Reiseziele vereint, hat sich das Konzept weiterentwickelt. Dieser Luxus kann in Michès, Cefalù oder Valmorel erlebt werden: Designervillen, privater Concierge-Service, gehobene Gastronomie, Spa und exklusive Ausflüge.

Inzwischen drängen neue, sorgfältig ausgewählte Akteure auf den All-Inclusive-Markt. Die Elite-Resorts wetteifern heute um Kreativität, um den Aufenthalt zu einem Gesamterlebnis zu machen. Bei der Ikos- Resorts-Gruppe (acht Resorts zwischen Spanien und Griechenland) beispielsweise geht das Konzept «Infinite Lifestyle» durch die Decke und umfasst Michelin-Gastronomie, ausgewählte Weine, ein Anne-Semonin-Spa und sogar einen gratis Mini Cooper, um die Region zu erkunden.

Anderswo, auf den Malediven, interpretieren Ozen Life Maadhoo und Kudadoo die Illusion der Kostenlosigkeit hedonistisch: Jahrgangs-Champagner, unbegrenztes Tauchen, tägliche Massagen, Znacht auf Sandbänken…   Der wahre Luxus ist nämlich  das, was man nicht sieht: die Abwesenheit von Reibung, das Gefühl, dass jeder Wunsch erfüllt wird – noch bevor man ihn ausspricht.

Das Konzept erobert die Berge

Nachdem das Konzept die Strände erobert hat, hält es nun auch in den Bergen Einzug. Mit Skiferien, die vor allem bei Kunden aus Brasilien und Argentinien beliebt sind, auf der Suche nach ihrer Vorstellung von Exotik. «Überall, wo man hinreist, um eine Aktivität auszuüben, am Strand, im Schnee etc., ist all inclusive sehr gut geeignet», betont Fuchs.

Mit dem Aufkommen des nachhaltigen Tourismus erfindet sich das Prinzip neu und ermöglicht ein präziseres Einsetzen der Ressourcen, vermeidet Food Waste. Die Berge von Speisen auf den Buffets, den Tellern der Feriengäste und im Kehricht werden vermieden durch überschaubare, raffinierte Portionen, die nach dem Prinzip eines Food Courts serviert werden. Während der Coronapandemie haben viele Hotels diese Art des Services eingeführt, die Auswahl, Frische und sinnvolle Verwendung der Produkte vereint – sie erweist sich als moderner denn je.

Vom Zelt bis zur Villa auf Stelzen, von der Muschelkette bis zum Signature-Spa – All-inclusive-Ferien haben sich radikal verändert, ohne ihre Vorteile einzubüssen. Befreiter Geist, vergessenes Portemonnaie – der Aufenthalt wird zu einer Auszeit, die über dem Alltag schwebt. Der Erfolg des Modells basiert auf einem grundlegenden Bedürfnis: dem Recht, nicht nachdenken zu müssen, auf nichts verzichten zu müssen. All inclusive ist heute keine Pauschale mehr, sondern ein Luxus, bei dem man endlich nichts mehr tun muss. 

Postkartenidyll

1950

Bei der Gründung des Club Méditerranée bewirbt man das erste Feriendorf in Alcudia auf Mallorca bereits als all inclusive. 

1980

All inclusive erlebt selbst in der Karibik und auf Tahiti einen Boom – sportliche Aktivitäten dürfen aber auch hier nicht fehlen. Es ist die Ära des  Massentourismus. 

2000

Das Konzept beginnt sich im höheren Preissegment zu etablieren. Der Luxus verliebt sich in Hütten auf Stelzen.

2016

Weitere Akteure der Luxushotellerie steigen ein, etwa die Ikos Resorts (Foto) oder Ozen Life Maadhoo. All inclusive wird zum Synonym für Raffinesse.

2025

Mit der Renovierung des «Club Med Punta Cana» etabliert das All-Inclusive-Konzept ein neues, nachhaltiges System der Food Courts.