Ungenutzte Gotteshäuser abreissen? Dazu machen sie sich als Weltliche Schauplätze viel zu gut!

1. Antwerpen

Kulinarische Höhenflüge mit Rock’n’Roll

Heute Die Küche des 2014 eröffneten Zwei-Sterne-Lokals The Jane (Platz 66 auf der Liste der 100 besten Restaurants der Welt) wurde in der Apsis der Kapelle eines ehemaligen Militärhospitals eingerichtet, wo Self-made-Küchenchef Nick Bril, der seine Karriere einst als Tellerwäscher begann, Himmlisches aus Fisch und Meeresfrüchten zaubert. Aber Achtung, das Ganze kommt mit einer Prise Rock’n’Roll daher: Im vom Designer Piet Boon gestalteten Interieur darf ungeniert in Jeans diniert werden. Und wer ist eigentlich diese namensgebende Jane? – Sie ist frei erfunden!

Damals Das Hospital wurde im 19. Jahrhundert im heute hippen Groen Kwartier erbaut. Die Spitalräume sind heute topmoderne Wohnungen – die Decke des Kapellen-Restaurants aber wurde als kleine Verbeugung vor der Vergangenheit im Originalzustand belassen.

Himmlisch… Wie das Licht hier von oben kommt: zum einen durch die modernen Kirchenfenster, zum anderen vom spektakulären Deckenleuchter.

The Jane, Degustationsmenü ab 215 Euro.

www.thejaneantwerp.com

2. Florenz

Wo schon die Medici einkauften

Heute Jünger pflanzlicher Produkte und Jüngerinnen schnörkeliger Deko-Elemente finden im berühmten Beautypalast Santa Maria Novella ihr Paradies. Zu kaufen gibts in der ehemaligen Apotheke eines alten Klosters unter anderem das Acqua della Regina, ein Parfum, das für Caterina de’ Medici erfunden wurde. Das Kloster befindet sich unter den gotischen Gewölben der Kapelle San Niccolo und wurde bereits 1612 der Öffentlichkeit zugängig gemacht.

Damals Seit dem Jahr 1221 werden hier schon Heil-pflanzen gezüchtet, die von den ansässigen Domini-kanermönchen fleissig zu Arzneien und später zu Salben und Duftwässerchen verarbeitet wurden. Die Ordensbrüder beherrschten ihr Handwerk so gut, dass sie mit der Unterstützung der Medici in ganz Europa bekannt wurden. Im 19. Jahrhundert wurde das Kloster aufgelöst und das Gebäude an die Stadt verkauft.

Himmlisch, wie in dieser Parfümerie der Duft der frommen Hingabe in der Luft schwebt!

Officina Profumo-Farmaceutica di Santa Maria Novella, Via della Scala 16, Florenz

www.smnovella.com

3. Lyon

Ex-Kloster samt Co-Working-Space

Heute Die 75 Zimmer dieses Hotels sind modern eingerichtet, behalten ihren klösterlichen Charme aber dadurch, dass sie alle im Parterre liegen. Die Rezeption nimmt die ehemalige Klosterkapelle ein, das Bistro die majestätische Säulenhalle. Es gibt sogar einen Co-Working Space. He ja – man ist schliesslich mitten im Stadtzentrum!

Damals Das Couvent de la Visitation (Kloster Mariä Heimsuchung) wurde 1854 von Pierre-Marie Bossan auf der Colline de Fourvière errichtet; die nahe gelegene Basilika stammt ebenfalls von ihm. Ab Anfang des 19. Jahrhunderts litt der Orden allerdings unter einem Mangel an Klosterfrauen (und Geld), weshalb das Gebäude 1960 an die Stadt verkauft wurde. Nachdem es jahrelang leer stand, wurde es 2017 mit grosser Sorgfalt in ein Hotel umgewandelt.

Himmlisch, wie man hier nicht nur in eine friedvoll-besinnliche Atmosphäre eintaucht, sondern auch in den 25-Meter-Outdoor-Pool, in dessen Wasser sich die schönen Fensterbögen des Gebäudes spiegeln.

Hotel Fourvière, Roger Radisson 23, Lyon, ab 249 Euro.

www.fourviere-hotel.com

4. Nantes

Neogotisch schläft sichs gut

Heute In diesem Designhotel nahe beim Bahnhof Nantes stellt man seinen Koffer ab und blickt nach oben, ins 17 Meter hohe Gewölbe, wo Buntglasfenster Szenen aus der Bibel nacherzählen. Sowohl in der Lobby, die im Chor untergebracht ist, als auch auf den Zimmern, wo das altehrwürdige Mauerwerk der Vergangenheit freiliegt, sorgt die cleane, moderne Möblierung für einen reizvollen Kontrast zur sakralen Architektur. Grossformatige Bilder an der Wand, die tätowierte asiatische Gesichter zeigen, deklinieren das Rituelle auf ihre Art durch. Passt: Der Hotelname Sōzō bedeutet auf Japanisch nämlich «Schöpfung, Fantasie».

Damals Die Notre-Dame-des Anges sieht gotisch aus, wurde allerdings erst 1883 erbaut. Erhaben ist sie aber allemal! 2009 verkauft, erstand sie 2012 als Viersternehotel mit 24 Zimmern wieder auf.

Himmlisch, wie das alte Gemäuer bei Einbruch der Dunkelheit in ein bläuliches Licht getaucht wird! Man schaut und staunt und merkt gar nicht, wie die Zeit verrinnt …

Sōzō Hôtel, rue Frédéric Cailliaud 16, ab 139 Euro.

www.sozohotel.fr

5. Maastricht

Kirche wird Waffenlager wird Hotel

Heute Das 2005 eröffnete Kruisherenhotel, das im ehemaligen Maastrichter Kreuzherrenkloster und der beeindruckenden angrenzenden Kirche untergebracht ist, ist Design pur. Henk Vos hatte merklich Spass daran, den mystischen Geist der gotischen Architek-tur mit zeitgenössischer Einrichtung zu kontrastieren!

Damals Ursprünglich ein Sitz der Mönche des Ordens des Heiligen Kreuzes (hochgelehrte Kopistenmönche), diente der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erbaute Komplex während der Französischen Revolution als Kaserne und Waffenlager. Nach diversen Umnutzun-gen wurde er im Jahr 2000 vom niederländischen Luxushotelier Camille Oostwegel gekauft, der das charismatische Gemäuer noch so gern in seine Oost-wegel Collection aufnahm.

Himmlisch, wie die Küche von Menno Bannier unter den hohen Gewölben nach göttlicher Inspiration sucht, während die Weinbar Rouge et blanc im Chorraum ihren Platz gefunden hat.

Kruisherenhotel, Zimmer ab 199 Euro.

www.oostwegelcollection.nl/fr/kruisherenhotel-maastricht/

6. Dublin

Partytempel unter Denkmalschutz

Heute Lasst die Korken knallen! The Church ist heute Bar, Club und Gartengrill; in der Adventszeit kommt noch eine fette Weihnachtsdeko obendrauf. Vor seiner radikalen Umnutzung diente der Bau so mancher Berühmtheit als Gebetsstätte. Neugierig geworden? Ein vor Ort erhältlicher Audio-Guide weiss alles über die Vergangenheit des Gebäudes zu erzählen.

Damals Die Saint Mary Church verfügte als eine der ersten Kirchen des 18. Jahrhunderts über eine Galerie – auf der bis heute eine Orgel von Renatus Harris, dem Star unter den britischen Orgelbauern, thront. Arthur Guinness – genau, der Bierbrauer! – liess sich hier trauen. Die Kirche wurde 1964 geschlossen und war bis 1997, als sie John Keating kaufte und in eine Bar umwandelte, verwaist; nach einem Besitzerwechsel wurde sie schliesslich zum Partykomplex. Das arme Kirchlein, sagen Sie? Nicht doch: Die Renovierung des denkmalgeschützten Baus holte 2006 einen Preis!

Himmlisch… dass man den Galeriebereich neben der spektakulären Orgel für private Anlässe mieten kann.

The Church, Dublin

www.thechurch.ie

7. Bruton

Brot und Wein – und mehr!

Heute Wer in Bruton in der englischen Grafschaft Somerset sein täglich Brot kaufen will, begibt sich auf eine spirituelle Reise: Die Bäckerei ist in einer Kapelle aus dem 17. Jahrhundert beheimatet und flutet die Strassen frühmorgens mit einem göttlichen Duft. Zum Zmorge lockt hausgemachtes Gebäck, mittags gibts Pizza; und das Abendessen wählt man aus der saiso-nalen Karte des Restaurants, in dessen Weinkeller Flaschen von Kleinproduzenten mit naturverbundener Philosophie lagern. Sollten sie nach diesem Gourmet-Marathon nur noch ins Bett fallen wollen: Im ersten Stock warten acht hübsche Gästezimmer, einige davon mit Spitzbogenfenstern.

Damals Der robuste Bau, der einst einer Ordens-gemeinschaft gehörte, wurde unter Denkmalschutz gestellt und stand lange Zeit leer – bis es 2008 unter Einbezug einfacher Materialien (Eichenholz, lokaler Stein) stimmungsvoll renoviert wurde.

Himmlisch, wie eine Skulptur über der Bar schwebt: die berückende Kraft der zeitgenössischen Kunst!

At the Chapel, High Street, Bruton, ab 160 Fr.

www.atthechapel.co.uk

8. Luzern

Ein Kirchlein riecht nach Grilliertem

Heute Das über Holzkohle aus der Grube Romoos grillierte Fleisch ist die Spezialität dieses 2013 er-öffneten Beizli, wo man geniesst, während man auf den alten Kirchenbänken sitzt. Auch sonst kommt das rund 20 Kilometer vor Luzern gelegene Lokal authentisch daher: Die Mauern wurden, soweit möglich, im Originalzustand belassen; die Einrichtung wurde ins Interieur integriert – und in der Küche werden lokale Produkte einfach, aber kreativ zubereitet.

Damals Kein Geistlicher, aber immerhin ein Bau-unternehmer namens Eduard Geistlich liess die Kapelle der christlichen Gemeinschaft der Täufer 1918 erbauen. Die Steine der gemauerten Wände stammen aus der nah gelegenen Emme, und eine reizvolle Baumallee schmückte einst das Gelände. Nach dem Tod des Unternehmers 1954 schliefen die Aktivitäten der Glaubensgemeinschaft langsam ein, und vor der Neueröffnung stand das Gebäude zehn Jahre lang leer.

Himmlisch, dass die Speisekarte in Form eines Gebetbuchs daherkommt!

Restaurant Kapello, Hackenrüti 7, Wolhusen

www.kapello.ch

9. Maastricht

Lesen und Kaffee trinken

Heute Coffeelovers ist eine Kaffeehauskette mit Ansprüchen. Andernfalls würde sich unter ihren neun Standorten in den Niederlanden wohl kaum eine umgebaute Kirche befinden! Und wenn der Barista ähnlich anspruchsvoll ist, dürfte es ihn freuen, dass innerhalb den majestätischen Mauern auch noch die vielleicht schönste Buchhandlung der Welt Platz findet, deren Regale bis ins Gewölbe hochreichen.

Damals In der gotischen Kirche aus dem 13. Jahr-hundert finden sich heute noch Fresken, die das Leben des Heiligen Thomas von Aquin darstellen, sowie Deckengemälde aus dem 17. Jahrhundert. Während der Französischen Revolution wurde sie zum Lager umfunktioniert, dann zu einer Schule und schliesslich zu einem Ausstellungsraum. Buchhandlung und Café ist sie seit 2007, nachdem sie umfassend renoviert wurde und im Soussol zusätzlicher Lagerraum entstand.

Himmlisch, wie eine grosser Tisch in Form eines Kreuzes den Buchladen mit der Bar verbindet!

Boekhandel Dominicanen mit Coffeelovers

www.libris.nl/dominicanen

10. El Jadida

Marrokanisches Dolce vita

Heute Im Herzen der hübschen Hafenstadt El Jadida an der Atlantikküste, etwa 100 Kilometer von Casa-blanca entfernt, steht ein kleines Hotel, das es immer wieder in Designmagazine schafft. Dank seiner antiker Möbel, Palmen und der modernistischen Dekoration verkörpert der Ort eine Art marokkanisches Dolce vita. Die öffentliche Räume befinden sich im alten Kirchen-schiff, die Zimmer im ehemaligen Kloster und das Restaurant in einem nahen Gebäude, das einst das amerikanischen Konsulat beherbergte.

Damals Die Kirche des Heiligen Antonius von Padua wurde im 19. Jahrhundert in der Medina in der Nähe der ehemaligen portugiesischen Stadt, die damals Mazagan hiess, errichtet; die Altstadt wurde 2004 zum Unesco-Weltkulturerbe erhoben. Nach 30 Jahren Still-stand wurde die Kirche 2012 von Jean-Dominique Leymarie (der auch die Seele des Beldi Country Club in Marrakesch ist) in ein charmantes Hotel umgewandelt.

Himmlisch, dass die Kirchenglocke zwar verstummt, aber nicht verschwunden ist: Im Innenhof kann man sie in ihrer ganzen schweren Pracht bewundern.

Hotel L’Iglesia, El Jadida, ab 150 Fr.

www.liglesia.com

Meist wird erst nach einer Alternative zum Verkauf gesucht

Johannes Stückelberber

Professor für moderne Kunstgeschichte und Dozent für Religions- und Kirchenästhetik an der Theologischen Fakultät der Universität Bern.

Die Schweiz ist eher zurückhaltend, wenn es darum geht, ungenutzten Kirchenbauten eine neue sekuläre Funktion zuzuweisen. Warum?

Die offiziellen Schweizer Kirchen stehen finanziell stabiler da als anderswo, weil sie steuerlich mit dem Staat verbunden sind. Deshalb begann der Umnutzungstrend bei uns später – ich würde sagen, Anfang dieses Jahr-hunderts –, was es ermöglichte, vom Ausland zu lernen. Und in den Religionsgemeinschaften will natürlich niemand, dass diese symbolträchtigen Orte kommerziell ausgeschlachtet werden.

Aber auch bei uns leeren sich die Kirchen mehr und mehr.

Das ist so. Und es macht tatsächlich keinen Sinn, die Bauten leer stehen zu lassen. Seit 2015 findet alle zwei Jahre der Schweizer Kirchenbautag statt, der den Austausch zwischen Kirche, Denkmalpflege und Öffentlichkeit fördert. In dem Zusammenhang entstand eine Datenbank zu hiesigen Umnutzungen, die aktuell 200 Positionen auflistet (www.schweizerkirchenbautag.unibe.ch). Bei den meisten handelt es sich um Gemeindezentrum, Theater oder Anlaufstellen.

Keine Restaurants? Oder Hotels?

Manchmal. Etwa beim Dunkelrestaurant Blindekuh in Zürich, das in einer ehemaligen Methodistenkapelle untergebracht ist. Ein solch radikaler Funktionswechsel ist aber meist nur bei kleinen Kirchen möglich, die nicht an einem öffentlichen Platz stehen. Generell wird oft erst nach einer Alternative zum Verkauf gesucht, auch wenn es dieses Phänomen schon seit Jahrhunderten gibt – denken Sie an die napoleonische Zeit, als Kirchen und Klöster zu Spitälern oder Kasernen wurden.

Optimal sind Umnutzungen, die mit der sozialen und kulturellen Berufung einer Kirche im Einklang stehen

Welche Alternativen zum Verkauf gibt es denn?

Nehmen wir die Elisabethenkirche in Basel: Dort gibt es ein Café, das aber zur Kirche gehört. Die Einnahmen sind natürlich willkommen, aber es geht auch darum, ausserhalb der Gemeinschaft sichtbar zu sein. Oder nehmen wir das Kulturzentrum Don Bosco, ebenfalls in Basel, in einer ehemaligen katholischen Kirche mit einem Nutzungsrecht von 50 Jahren – und einer Kapelle im Keller. Solche Verträgen ermöglichen es, dass die Öffentlichkeit von diesen Orten profitiert, während gleichzeitig sichergestellt wird, dass ihre Nutzung mit der kulturellen Berufung einer Kirche in Einklang steht.

Manchmal finden Kirchen eine neue kirchliche Nutzung durch andere Glaubensgemeinschaften …

Es kommt vor, dass Kirchengemeinden aus der Diaspora Räumlichkeiten übernehmen. Generell geht der Trend in Richtung religionsübergreifender Gebetsräume wie jenen in Spitälern. Aus theologischer Sicht ist das kein Problem: Die drei abrahamitischen Religionen haben das gleiche Erbe