Wie entsteht ein ikonisches Parfum? Annick Menardo hat einige erschaffen – und weiss, warum der Weg in unsere Gefühlswelt direkt über die Nase führt.

Im parfum-universum kennt man ihren Namen gut. Sehr gut, sogar. Schliesslich besitzt Annick Menardo den Meisterparfümeur-Titel – was gewissermassen dem Schwarzen Gürtel in ihrer Branche entspricht. Die meisten Leute aber, die ihre Kreationen Tag für Tag benutzen, haben noch nie von ihr gehört. Was damit zusammenhängt, dass viele ihrer kühnen Formulierungen unter der Ägide des Genfer Aromen- und Duftstoff-Herstellers Firmenich entstanden, wo Menardo von 1991 bis 2018 tätig war. Danach machte sie sich selbstständig, um mehr kreativen Freiraum zu haben. Ein paar Klassiker, die auf Menardos Kappe gehen: «Lolita Lempicka»; «Bois d’Argent» und «Hypnotic Poison» für Dior; «Boss Bottled»; «Body Kouros» für YSL; «Bulgari Black». Vor Kurzem kam noch «Slogan» hinzu, der Duft, der die Wiedergeburt von Courrèges begleitete.


Und: Anfang dieses Sommers hat Menardo, die auf über 30 Jahre Erfahrung zurückblicken kann und unzählige Blumenaromen in ihrem olfaktorischen Gedächtnis hat, das hochexklusive Parfum «Lavallière» für die Unisex-Duftkollektion «Vestiaire» von YSL geschaffen. Seit 2015 übersetzt diese Haute-Parfumerie-Linie Saint Laurents ikonische Designs in Düfte: Der erste Streich war «Tuxedo», in Anspielung an den berühmten Smoking, der so was wie das Signature Piece des 2008 verstorbenen Couturiers mit der Hornbrille war; es folgten «Caftan», «Saharienne», «Trenchcoat», «Jumpsuit» … Bis zu dem im Mai lancierten «Babycat», für das der Parfümeur Dominique Ropion den Leo-Print mithilfe von Leder- und Vanillenoten interpretiert hat. Und nun folgt also «Lavallière», der bereits zwölfte Streich der Reihe, der sich jenes krawattenartigen Accessoires – halb Schal, halb Fliege – annimmt, auf das Yves Saint Laurent in den 80er-Jahren setzte, wann immer er einer Silhouette diesen Hauch von, nun ja: Erhabenheit verleihen wollte. Dieses dandyhafte Ding um den Hals, das nonchalant Zeiten und Moden überdauert und suggeriert, dass der Träger (oder die Trägerin!) sich durch die kleinen Irritationen des Alltags nicht aus der Ruhe bringen lässt: Wie interpretiert Annick Menardo es? Als einen Hauch von Eleganz mit einem Quäntchen Dekadenz – mithilfe von Akzenten aus weisser Rose und grüner Feige.

Wie bezeichnet man Sie richtig? Als Meisterparfümeurin? Parfümeurmeisterin? Doch sicher nicht als Maîtresse…?

Ich nenne mich Parfümeur. Ihre Frage berührt natürlich ein sehr aktuelles Thema – aber ich war meine ganze Karriere lang immer einfach nur Parfümeur. Ich stiess Ende der 80er in eine männlich geprägte Branche, es gab nur diese eine Bezeichnung für den Beruf und es hiess, sich durchzusetzen. Inzwischen ist die Branche viel femininer geworden, und das Vokabular hat sich entsprechend gewandelt. Aber für mich behält der Begriff Parfümeur eine Absolutheit, die keiner Geschlechtsspezifizierung bedarf.

Ihr neuer Duft heisst „Lavallière“. Wie übersetzt man ein Kleidungsstück in ein Parfum? Haben Sie Fotos von Saint Laurents Kreationen studiert? An Seide geschnuppert?

Oft ist es so, dass eine Marke einen Duft bestellt und bereits einen ausgereiften Marketingplan vorlegt, dazu Moodboards, Vorgaben zu Ingredienzen, die zwingend verwendet werden sollen, oder ein Kostenlimit für die Rohstoffe, das es einzuhalten gilt. Das ist heute sogar das Standardprozedere. Bei «Lavallière» lief es allerdings ganz anders. Ich experimentierte schon länger mit der schwarzen Johannisbeere, deren fruchtigblumige Akkorde mir sehr zusagen. Ich mag es, an einem Stoff herumzutüfteln, ihm verschiedene Nuancen zu entlocken, sodass er seine verschiedenen Facetten offenbart. Der Zufall wollte es, dass dieser freie Ansatz genau dem entsprach, was man sich bei YSL wünschte.

Und nun hat Ihre Tüftelei also ihr Flakon gefunden, schlicht und schön wie die ganze „Vestiaire“-Linie von YSL.

Genau, und es hat mich enorm gefreut. Saint Laurent war grandios, ich liebe das Universum, das er geschaffen hat. Es ist immer sehr beglückend, wenn es einem gelingt, einen schönen, anspruchsvollen Duft zu erschaffen. Wenn er dann noch Teil einer prestigeträchtigen Produktreihe wird – umso besser!

Wie würden Sie „Lavallière“ beschreiben?

Für mich ist es ein sehr sonniger Duft, auch wenn die ihm zugrundeliegende Beere schwarz ist – da meldet sich wohl meine poetische Seite. Ich mag seine zarten blumigen Noten, Rose und Geranium. Sie finden sich mit der Beere zu einer sehr eleganten Natürlichkeit, die zugleich frisch und ein wenig lasziv ist.

Sie arbeiten selbständig. Aber nicht allein, nehme ich an.

Für alles, was in den Bereich Feinparfümerie fällt, arbeite ich exklusiv für das Haus Symrise, dessen Kunde L’Oréal – und damit auch YSL – ist. Dort steht mir die sehr talentierte Suzy Le Helley zur Seite, der ich mein Wissen nach und nach weitergebe – so, wie das in unserem Beruf traditionell abläuft. Das Teamwork mit ihr finde ich sehr bereichernd. Ich gebe ein Thema und das Tempo vor – und dann funktionieren wir im Pingpong-Modus. Die Entwicklung von «Lavallière» dauerte etwa ein Jahr, mit einigen Unterbrüchen wegen Covid.

Der Verlust des Geruchssinns, den Covid oft mit sich bringt, wäre für Sie fatal… Hat es Sie erwischt?

Ich hatte zum Glück nur eine Form ohne echte Anosmie, aber die Erfahrung war dennoch schrecklich. Zwei Wochen roch alles, wie soll ich sagen, falsch. Das war extrem beängstigend. Zum einen bin ich beruflich unbedingt auf meinen Geruchssinn angewiesen; da hatte ich das Gefühl, blind zu arbeiten. Zum anderen fühlte sich dieser Zustand für mich, die ich sonst wirklich alles rieche, an, als sei ich eines Körperteils beraubt worden. Meine ureigene Identität wär im Kern getroffen. Fürchterlich!

Nehmen Sie wirklich alle Gerüche so intensiv wahr? Auch jene des Alltags, auf die man gern verzichten könnte?

Ich kenne es nicht anders. Schon als Kind habe ich Gerüche intensiv wahrgenommen

Welche Düfte haben Sie als Kind geprägt?

Da könnte ich Ihnen eine ganze Listen aufzählen! Ein paar Beispiele: Meine Ballettschuhe, als ich fünfeinhalb Jahre alt war. Das Wartezimmer bei unserem Arzt. Die Küste. Und natürlich der Garten! Ich habe die weissen und gelben Rosen, die an der Laube hochwuchsen, noch ganz genau in der Nase … Und die verregneten Nachmittage, an denen ich mit meiner Grossmutter auf Schneckenjagd ging.

Wo sind Sie aufgewachsen?

Im Süden Frankreichs, in Le Cannet in der Nähe von Grasse. Im Land der Düfte, also! Wobei meine Familie überhaupt nichts mit der Welt der Parfümerie zu tun hatte. Ein Grossonkel arbeitete zwar im Bereich der Absolues, also der natürlichen Blumenextrakte, aber er war in der technischen Produktion tätig, nicht in der Kreation. Allerdings haben mir meine Eltern das Gespür für die Erde und die Jahreszeiten vermittelt: Wir pflückten Veilchen am Kanalufer und Narzissen in sumpfigen Feldern. Und ich war eine gute Pilzsammlerin! Ah, diese Röhrling, diese Kiefern-Reizker, diese Pfifferlinge …!

Und wie kamen Sie schliesslich zu Ihrem Beruf?

Gerüche hatten mich ja schon immer fasziniert, aber ich wusste nicht, dass man sie zum Beruf machen kann. Das hab ich zufällig an der Uni entdeckt, als ich Chemie studierte. Ich hörte von dieser Schule in Versailles, wo Nasen ausgebildet werden, die ISIPCA. Ich nahm am Auswahlverfahren teil – und mein Leben nahm die entscheidende Wendung.

Wie hat sich die Branche in den letzte 30 Jahren verändert?

Als ich anfing, begann sich die Branche gerade erst zu öffnen; deshalb habe ich es immer als kleines Wunder empfunden, dass ich diesen Beruf erlernen konnte, obwohl ich nicht aus einer Parfümeursfamilie stamme. Die Kehrseite der Medaille: Die Unternehmen haben sich so sehr geöffnet, dass die Qualitätsstandards nicht immer eingehalten werden. Früher waren Parfümeure besser ausgebildet und anspruchsvoller. Ich halte es nicht für sinnvoll, das Leben immer nur im Rückspiegel zu betrachten, aber: Ich habe das Gefühl, die alten Formulierungen waren zwar langatmig, aber von einem gewissen Pioniergeist. Da war mehr Qualitätsbewusstsein und Respekt vor der Geschichte der Parfümerie.

Und was die Ingredienzen betrifft?

Manche sind ganz verschwunden, zum Beispiel wegen ihrer allergenen Eigenschaften. Oft findet man sie nicht in der Liste der Inhaltsstoffe oder in der Beschreibung, weil es sich um technische Moleküle handelt, die den Parfümeuren helfen, den Duft zu konstruieren. Dieser Verlust erklärt auch, warum einige ikonische Parfums – etwa «Après l’ Ondée» von Guerlain, das 1906 kreiert wurde, ein Monument! – nicht mehr nach ihrer Originalformel reproduziert werden können. Gewisse Inhaltsstoffe sind schlicht nicht mehr erhältlich. Manche Düfte wurden über die Jahrzehnte schleichend reformuliert, also die Formel nach und nach angepasst, damit die Veränderung nicht auffiel.

Zugleich ist ein Effort spürbar, rare natürliche Rohstoffe zu kultivieren und Fair-Trade-Produzenten zu unterstützen.

Ja, die Palette der natürlichen Produkte hat sich stark erweitert. Das liegt zum einen an den vielfältigen Anbaumethoden und zum anderen an innovativen, subtilen Extraktionstechniken, die neue Facetten eines Produkts erschliessen.

Die Kunst beim Kreieren eines Dufts: Wissen, wann man stoppen muss

Was ist eigentlich mit all diesen süssen Düften momentan?

Das ist ein Trend, der uns noch eine Weile erhalten bleiben wird! Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Aufträge für neue Parfums die Schlüsselbegriffe «gourmandise» oder «addiction» (Nascherei bzw. süchtig machend) enthalten. Letzteres wird durch Zucker erreicht, das funktioniert beim Geruch ähnlich wie beim Geschmack.

Haben Sie eine Art wiedererkennbare Handschrift in Sachen Duftkreation?

Offenbar schon … Ich habe jedenfalls schon oft den Satz ‹Das riecht nach Menardo› gehört. Aber ich muss zugeben, dass es mir schwerfällt, einen roten Faden zu erkennen. Es gibt keine Duftfamilie, die ich mehr erforsche als die anderen, wenngleich ich vielleicht eine besondere Beziehung zu Vanille habe. Aber es geht ohnehin nicht so sehr um bestimmte Zutaten, als vielmehr um die Art, wie man sie abstimmt. Dass man im richtigen Moment stoppt und nicht der Versuchung erliegt, noch weiter daran herumzubasteln. Ich mag diesen Moment des perfekten Gleichgewichts sehr, wenn sich eine Selbstverständlichkeit einstellt … Rückblickend kann ich sagen, dass meine grössten Erfolge jene Parfums waren, die mir am wenigsten Mühe bereitet haben.

Tragen Sie Parfum?

So gut wie nie. Gelegentlich gebe ich kurzzeitigen Launen nach; Anfang Mai zum Beispiel hab ich ein paar Tage lang «Diorissimo» getragen, um die Maiglöckchensaison einzuläuten. Ein Zimmer meines Hauses in Cannes ist für meine Parfumsammlung reserviert, eine Art olfaktorische Bibliothek mit unzähligen Flakons. Darunter findet sich so mancher Klassiker aus der Zeit der ursprünglichen Formel. Natürlich hat der Zahn der Zeit an ihnen genagt, aber unter der beschädigten Kopfnote mache ich immer noch den ursprünglichen Duft aus, der mich durch einen bestimmten Abschnitt meines Lebens begleitet hat: «Cuir de Russie» von Chanel, «Septième Sens» von Sonia Rykiel, das erste «Gianni Versace», «Alliage» von Estée Lauder…

Man sagt, Parfümeure seien Genussmenschen. Sind Sie ein Gourmet? Kochen Sie selber?

Ich koche wahnsinnig gern! Und viel. Zurzeit erkunde ich die Welt der Gewürze zwischen dem Orient und Indien. Ich verwende Sumach, Zaatar und Koriander in rauen Mengen, meist in Taboulés. Ausserdem versuche ich mich an zuckerfreien Kompotts mit Tonkabohnen. Oh, là, là, das klingt jetzt ganz schön altbacken!

Und wenn Sie Blumen bekommen, dann welche am liebsten?

Rosen und Lilien. Ich mag alle Blumen, aber besonders natürlich solche, die duften.