Auf den ersten Blick scheint die Vase simpel: ein paar Lederstücke, Nähte, die ihre Konturen nachzeichnen, eine geometrische Form, die ohne Fuss steht. Um die scheinbare Einfachheit zu erreichen, beginnt Elaine Chan-Perryman mit Mathematik. Die Künstlerin chinesisch-britischer Herkunft wählt zunächst ein italienisches Vollnarben-Büffelleder von bestmöglicher Qualität, das mit natürlichen Farbstoffen gefärbt wurde. Dann berechnet sie die Form, die sie erzielen möchte: Proportionen, Winkel, Masse. 

Im Jahr 2012, als sie auf der Suche nach einem Zaumzeug für ihr Pferd war, erzählte der Verkäufer ihr, dass sein Grossvater, ein Lederhandwerker, das Zaum zeug gefertigt hatte. Von dieser Geschichte berührt, beschloss Chan-Perryman, einen ähnlichen Weg einzuschlagen. Heute bearbeitet auch sie Leder in ihrem Atelier in Amsterdam.

Doch statt Zaumzeugen kreiert sie scheinbar imposante Vasen. Natürlich ist Leder nicht wasserdicht, aber ihre geometrischen Objekte benötigen keine Blumen, um zu begeistern. Die Künstlerin markiert die Nähpunkte und sticht auf der Rückseite kleine Dreiecke ein, um eine Falte zu ermöglichen. Der Lederstanzer folgt jeder Markierung und bahnt den Weg für den Faden. Mit einer Nadel vereint Elaine dann die Lappen. Sie zieht, strafft, rückt zusammen. Die Spannung bewirkt ihr Werk: Die Teile wölben sich, das Volumen entsteht. Leder für Leder, Bahn für Bahn nimmt die Vase unter ihren Fingern Gestalt an.

Doch das Leder lässt sich nicht so leicht bändigen. Es bewegt sich, spannt sich, leistet manchmal Widerstand. Die perfekte Berechnung auf dem Papier muss dann von Hand angepasst werden. Die Kunsthandwerkerin geht auf das Material ein, findet Lösungen für Unvorhergesehenes und glättet anschliessend die Fugen und Nähte mit einem polierten Hirschknochen. Es dauert fast zehn Tage, um eine einzige Vase herzustellen. Das Leder behält etwas Lebendiges: eine Spannung, eine Geschmeidigkeit, eine winzige Unregelmässigkeit. Alles wurde berechnet, aber nichts wurde vollständig vorgegeben. Die Kunst besteht darin, das Material gut genug zu kennen, um zu wissen, wann man es lenken und wann man es gewähren lassen muss.