Von frischen zu ausdrucksstarken Akzenten – Teenoten in der Parfümerie werden selbstbewusster und überraschen.

An alle unverbesserlichen Koffeinjunkies: Nein, dieser Text wird Sie sehr, sehr wahrscheinlich nicht davon überzeugen, auf den morgendlichen Espresso zu verzichten. Selbst wenn man seine Gewohnheiten nicht ändern will, sollte man aber ab und zu etwas Neues ausprobieren. Auf der Haut zum Beispiel. Die Noten von Grüntee präsentieren sich heute wesentlich freier und strukturierter als früher, manchmal geradezu unerwartet. Die Parfümeure interpretieren den Duft mit neuer Kreativität. Tee gibt es nun in Chai-, milchigen, würzigen oder rauchigen Varianten und eröffnet ein Spielfeld, das viel grösser ist, als es zu sein schien. Kompositionen, die selbstbewusster sind, die ihren Charakter bewahren und gleichzeitig an Tiefe gewinnen.

Parfums mit Teenoten sind kein neues Phänomen. Bvlgari gehörte mit seinem 1992 lancierten «Eau Parfumée au Thé Vert» zu den Pionieren – ein Duft, der den Auftakt zu einer ganzen Unisex-Kollektion bildete, die den Ritualen aus aller Welt huldigt: weisser Tee, blauer Tee, roter Tee. Leichte und frische Düfte, die ganz auf das Wohlbefinden ausgerichtet sind.  «Damals gab es noch keinen natürlichen Teeextrakt, also stellten wir ihn uns vor und interpretierten ihn, indem wir einen Akkord aus mehreren Noten kreierten», erklärt Parfümeur Jacques Cavallier, der die meisten Düfte der Kollektion entworfen hat. «Tee ist eine Note, die ein Parfum bereichert. Bvlgari hat gewissermassen den Weg für diese Kreationen geebnet», bekräftigt auch die französische Nase Patricia de Nicolaï.

Bei Prada widmet man ihm sogar eine komplette Linie, «Les Infusions», in der die Note an Eleganz gewinnt, aber ihrer ursprünglichen Idee treu bleibt: einem reinen, fast luftigen Gefühl. Man erkennt sofort den schwarzen Tee, den grünen Tee, den weissen Tee. Das Ergebnis? Leicht zu tragende, frühlingshafte, ultrafrische Düfte – und manchmal ein wenig zu vorhersehbar. Wie ein schönes weisses Hemd: makellos, aber ohne Ecken und Kanten.

Tee mit Twist

Dann, vor etwa vier oder fünf Jahren, änderte sich etwas. Das Aroma von Tee wird nicht mehr einfach nur imitiert, sondern neu interpretiert. Es geht nicht mehr darum, den Aufguss zu kopieren: Man verwandelt ihn, dehnt ihn aus. Eine Entwicklung, die ebenso sehr der Technik wie dem Zeitgeist geschuldet ist. «Das hat eine ganze Bandbreite an Facetten eröffnet, von Grüntee über Matcha bis hin zu geräuchertem Tee. Eine echte Inspirationsquelle», analysiert de Nicolaï. «Tee ist heute ein Rohstoff in der Parfümerie, seine Destillation macht ihn sehr vielseitig. Die Noten zeichnen sich durch eine Zartheit und zugleich eine Komplexität aus», ergänzt Cavallier. 

Tee wird fast zu einer Textur. Bei Le Labo oder Maison Margiela wirkt er milchig, fast schaumig, wie ein aufgeschäumter Matcha oder ein noch warmer Chai. Das Parfum trägt man wie einen weichen Pullover. Der Tee wird zu einer Art Entschleunigung. Eine Antwort auf eine überladene Zeit. 

2026 entwickelt sich der Tee in eine entgegengesetzte Richtung. Selbstbewusster, temperamentvoller. Mit «L’Enfant Terrible» bietet Givenchy einen Duft von Schwarztee an, fernab jeder Vorstellung von Frische. Bvlgari präsentiert dieses Frühjahr mit «Thé Impérial» ein Parfum, der auf seinem 2017 kreierten Signature-Duft für Hotels basiert. Erstmals ist «Thé Impérial» somit im Handel erhältlich. «Die Duftkomposition von <Thé Impérial> besticht durch den Kontrast zwischen Zitrusfrüchten und dieser Note von schwarzem Tee, der mittels CO₂-Extraktion bei niedriger Temperatur destilliert wird, wodurch der charakteristische Duft des Tees so originalgetreu wie möglich erhalten bleibt», erklärt Cavallier. Zwischen diesen beiden Polen – Kokon und Charakter – entfaltet die Zutat ihren ganzen Reichtum. Genau diese Dualität macht sie so aktuell.  

Jacques Cavallier erläutert die Arbeit mit Tee in der Parfümerie.

Die Kollektion Eau Parfumée au Thé wurde ursprünglich für den exklusiven Gebrauch entwickelt, insbesondere in Hotels. Warum haben Sie sich damals für Tee entschieden, und welches Bild wollten Sie mit diesem Rohstoff vermitteln?

Tee gehört zur Identität von Eau Parfumée: Eau Parfumée au Thé Vert war 1992 der allererste Duft von Bulgari, gefolgt von Thé Blanc und schliesslich Thé Imperial, für den ich eine Signatur rund um einen schwarzen Tee schaffen wollte, die den Geist des Hauses verkörpert. Tee ist heute ein Rohstoff in der Parfümerie, der je nach Herkunft und Destillation sehr vielseitig ist: Die Noten können aromatisch oder holzig sein, mehr oder weniger dunkel, manchmal mit Unterholz- oder Rauchnoten. In diesen Noten liegt eine gewisse Zartheit, zugleich aber auch eine grosse Komplexität, und Bulgari setzt diese Entdeckungsreise fünfunddreissig Jahre nach seiner Pionierrolle mit L’Eau Parfumée au Thé Vert weiterhin fort.

Wie arbeiten Sie mit Tee innerhalb dieser Kollektionen, und wie hat sich dieser Ansatz zwischen den ersten Kreationen und den jüngeren Entwicklungen verändert?

Jean-Claude Ellena hat Eau Parfumée au Thé Vert kreiert, ich habe später Thé Blanc und Thé Imperial geschaffen. Damals gab es noch keinen natürlichen Tee-Extrakt, deshalb stellten wir ihn uns vor und interpretierten ihn, indem wir einen Akkord aus mehreren Noten komponierten. Heute besitzt jede der drei Varianten von Eau Parfumée einen anderen natürlichen Tee-Extrakt, denn die Forschung erweitert ständig die Möglichkeiten. Genau das fasziniert mich an der Parfümerie: neue Moleküle, die uns Parfümeuren der Kreation immer wieder eine neue Dimension verleihen.

Die Signatur von Thé Imperial, der jüngsten Kreation, spielt mit dem Kontrast zwischen Zitrusnoten und dieser schwarzen Tee-Note, die mittels CO₂ destilliert wird. Diese Niedrigtemperatur-Destillation ermöglicht es, die olfaktorische Identität des Tees so originalgetreu wie möglich zu bewahren, mit ihrer gesamten Struktur, umhüllt von Moschus. Ich wollte ein Gefühl von Frische schaffen, aber zugleich auch Tiefe und Raffinesse.

Diese Noten – Zitrusfrüchte und Tee – stammen ursprünglich aus China und galten vor Jahrtausenden als Inbegriff von Raffinesse: begehrte Kostbarkeiten, die einer Elite vorbehalten waren. Als die Römer die Zitrone entdeckten, die über Persien zu ihnen gelangte, schmückten sie damit die Tafeln der Kaiser und die prachtvollsten Bankette. Den Rest der Geschichte kennt man: Dank italienischer Agronomen wurden Zitrusfrüchte in all ihren Varianten zu Symbolen Italiens. Mir gefiel diese Idee eines Synkretismus, der Osten und Westen miteinander verbindet, mit Rom im Zentrum.

À l’heure du thé