
In Winterthur produziert die Seilerei Kislig seit 1878 Seile nach Mass. Für den Spielplatz, die Manege oder das Schlafzimmer.
An den Fensterscheiben haben sich über Nacht zarte Eisblumen gebildet.Nein, der Frühling hat in Martin Benz’Werkstatt in Winterthur noch nicht Einzug gehalten. Dabei hatte er uns vorgewarnt: «Zieht euch warm an!» Heizung? Fehlanzeige. Nur im Büro sorgt ein Ofen für etwas Wärme. Schliesslich stammt das Gebäude, in dem Benz sommers wie winters schafft, aus dem Jahr 1878. Als Georg Studer die heutige Seilerei Kislig gründete, errichtete er das hundert Meter lange Holzhaus im Niemandsland, vor den Toren der Stadt. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich Winterthur ausgedehnt, mehr und mehr Land eingenommen. Schon lange liegt kein Kies mehr auf der Breitestrasse. Ansonsten ist in der Seilerei Kislig, eine der letzten ihrer Art, vieles beim Alten geblieben.

Zwischen Balken, Spulen und Werktischen stehen hundert Jahre alte Maschinen. Rüstige Rentner, die nur noch zu Demonstrationszwecken herhalten müssen, wenn wieder einmal eine Besuchergruppe vorbeischaut? Mitnichten. An ihnen entstehen immer noch Seile jedweder Art und Länge –für den Zirkus, für Spielplätze, für den Zoo, für Privatpersonen. Spezialanfertigungen, die kein Grossbetrieb mehr herstellt. Viel zu aufwendig, viel zu kostspielig. «Bei uns bekommt man auch ein fünf Meter langes Seil, das wäre in der Industrie undenkbar», sagt Benz. «Wir machen all das, was es heute nicht mehr im Handel gibt.» 2003 hat er den Betrieb von dessen Namensgeber übernommen.

Zwischen 1927 und 2002 führte die Familie Kislig das Unternehmen. Als Kislig Junior in Rente gehen wollte, war kein Nachfolger in Sicht. Und so war es vielleicht Kismet, ein Wink des Schicksals, dass Benz eines Tages zufällig in die Seilerei schneite – und ihn quasi der Blitz traf. «Man kann es schwer beschreiben. Ich habe die Tür geöffnet und sofort gewusst: Hier bleibe ich. Ich habe nicht mal ‹Grüezi› gesagt», erzählt Benz von der schicksalhaften Begegnung.

Seitdem wirft der 55-Jährige jeden Tag die Maschinen an, um Seile nach Mass zu fertigen. «Die Vielfältigkeit ist spannend», findet er. «Seile für Spielplätze zu fertigen, macht mir besondere Freude. Auch für den Zirkus. Weil man später sieht, was man geschaffen hat, wenn man den Artisten zuschaut.» Heute wird ein Exemplar für Nachwuchskünstler produziert: ein Springseil.
Die perfekte Seilschaft
Das Leinen dafür ist auf Spulen aufgewickelt. Bei fast allen Produkten, die in der Seilerei Kislig hergestellt werden, kommen Naturmaterialien zum Einsatz: Baumwolle, Flachs, Hanf. Geliefert von Spinnereien aus der ganzen Welt, von Deutschland über Italien bis Ägypten und Bangladesch.

In einem ersten Schritt werden neun Spulen in die Litzenmaschine eingesetzt. Sie dreht die einzelnen Fäden zu sogenannten Litzen zusammen, ein dickeres Geflecht. Anschliessend werden die Litzen ins Abseilgeschirr gespannt. Die historische Anlage stammt aus dem Jahr 1920. Das Konstrukt sieht aus, als würden mehrere Wäscheleinen nebeneinander hängen. Während die Litzen an einem Ende fest verankert werden, befindet sich das andere auf einem beweglichen Schlitten. So kann zum einen die Länge des jeweiligen Seils bestimmt werden, zum anderen ziehen sich die Litzen zusammen, sobald sie zusammengedreht werden.

Auf etwa halber Höhe arbeitet Benz noch zusätzliche Fäden ein, damit das Springseil eine Verdickung erhält. «So schwingt es besser», erklärt Benz und setzt ein Leitholz zwischen die Litzen. Es gewährt gleichmässige Abstände. Dann dreht Benz an einem Eisenrad. In Windeseile ziehen sich die Litzen zu einem Seil zusammen. Nachdem Benz die losen Fäden an den Enden des Seils abgeschnitten hat, zieht er Holzgriffe auf und leimt sie mit einer Holzkugel fest. Fertig ist das Springseil!

«Mit der Zeit ändern sich die Ansprüche und Kundenwünsche, inzwischen produzieren wir auch Netzprototypen für die Abwehr von Drohnen», erzählt Benz. Oder Spielzeug fürs Schlafzimmer, Stichwort Bondage. «Früher kamen die Kunden ganz verschüchtert herein. Das ist lange vorbei, es gibt eine grosse Community, die ganz offen mit dem Thema umgeht.» Angst, dass das Handwerk wie so viele andere aussterben könnte, hat der Winterthurer nicht. Er ist überzeugt: «Seile werden immer gebraucht.» In welcher Form auch immer.

Martin Benz
Der gebürtige Winterthurer lernte zunächst Zimmermann, bevor er «tausend Haken» schlug, unter anderem als Bauführer oder Dachdecker arbeitete. Bis er die Seilerei Kislig betrat und sie seitdem nicht mehr verlassen hat.
Der heutige 55-Jährige absolvierte eine Lehre bei Kislig Junior und übernahm anschliessend den Betrieb. Aufträge nimmt er persönlich vor Ort, am Telefon oder per Mail entgegen. Die eigenen Produkte verkaufen er und seine Partnerin in ihrem Onlineshop oder auf Märkten in der Umgebung.

