Der belgische Designer und Architekt ist fasziniert von der japanischen Kunst des Origami. das offenbart sich auch in seinen fantastischen Welten.

Mit seinem langen, bunt gemusterten Mantel und den von japanischen Dresscodes inspirierten Schlupfhosen ist Charles Kaisin in der Menge leicht auszumachen. Der 53-jährige Designer, der für seine Origami-Kunstinstallationen bekannt ist, spielt gerne den Szenenbildner: Er organisiert sogenannte surrealistische Dinner an ungewöhnlichen Orten, meist für die Gäste grosser Marken. Die von ihm geschaffenen Welten sind märchenhaft, man fühlt sich in eine Szene aus «Alice im Wunderland» versetzt. Als Zeremonienmeister führt Charles Kaisin die Gäste auf eine Reise der Sinne, bei der sich poetische und literarische Beiträge mit den Gerichten vermischen. Das kreative Multitalent giert aber auch nach kleinen Gaumenfreuden – wie einer Tasse heisser Schokolade. 

Ein unvergessliches Abendessen, das Sie mit anderen teilen möchten?

Ich habe ein Dinner für einen Kunstliebhaber im Palazzo Vecchio   (Foto) in Florenz kreiert. Ein Symphonieorchester spielte für die 280 Gäste aus der ganzen Welt. Danach
gab Katy Perry ein Konzert! Im «Le Grand Bellevue» in Gstaad habe ich für Mazda, den Sponsor der Swiss Open, die Exzellenz japanischer Handwerkskunst durch ein experimentelles Abendessen zum Thema Faltkunst mit allen Sinnen erlebbar gemacht.

Wenn Sie Ihr eigenes surrealistisches Abendessen kreieren müssten?

Ich und mein Partner haben im September geheiratet und wir haben die Dinge ziemlich frei gehandhabt. Das Abendessen fand in Form eines Walking Dinners mit 300 Personen statt. Wir führten verschiedene Szenen auf, die eine immersive Reise darstellten, ohne Grenzen. Die Kellner kamen mit einer Landschaft an die Tische. Die Idee war, die Geschichte von Adam und Eva auf unsere Weise neu zu erleben. Ich wollte zeigen, wie man ein Gemälde auf zeitgenössische Weise in ein Kunstwerk verwandeln kann. Allein für diese Szene benötigten wir etwa zwei Wochen Vorbereitungszeit!

Einige Ihrer Abendessen sind von Baudelaires Gedichten inspiriert. Haben Sie einen Lieblingstitel?

Ich liebe Baudelaire, weil seine Schriften so dicht sind. Es gibt viele Verweise in seinen Gedichten. Ich versuche, die Themen mit denen meiner Abendessen in Einklang zu bringen. Etwa das Gedicht Correspondances aus Die Blumen des Bösen (Foto).

Ihr bekanntestes Werk ist «Origami4Life» (Foto).

Ich wollte dem Leben inmitten der Enge wieder Schwung verleihen. Daher habe ich alle eingeladen, selbst kleine Origamiwerke aus Zeitungen, Zeitschriften und Geschenkpapier herzustellen. Die vogelförmigen Faltungen sollten Frieden und Freiheit symbolisieren, denn mir schien, dass Eingesperrtsein kein Grund sein sollte, das Leben herunterzufahren. Wegen der Coronapandemie sahen nur wenige Menschen das Ergebnis. Auf Wunsch der belgischen Premierministerin wurde das Werk jedoch am Nationalfeiertag ausgestellt.

Wenn Sie einen Charakter nennen müssten, der Ihre Welt verkörpert?

Ich finde René Magritte beeindruckend. Er war sehr kultiviert und hatte viele gute Freunde um sich herum. Jeden Sonntag versammelte er seine Freunde zum Kartenspielen. Ihre jeweiligen Bilder wurden an die Wand gehängt und während des Spiels diskutierten sie und wählten gemeinsam die Titel aus, die sie ihnen geben wollten. Ich finde dieses Ritual sehr lustig! Mir gefällt, dass die Bilder so auf sehr unterschiedliche Weise interpretiert werden. Es geht nicht um eine oberflächliche Bildästhetik. Das Bild „Weisse Magie“ ist besonders interessant zu analysieren.

Eine Ausstellung, die Sie in letzter Zeit beeindruckt hat?

Ich fand es toll, dem japanischen Meister Takumi (Foto) bei der Arbeit zuzusehen, wie er das Mazda-Auto schnitzt. Ich fand es sehr originell, mir gefiel, dass er jedem die Möglichkeit gibt, an seinem Modell mitzuwirken und das Material zu berühren. Auch die Ausstellung von Anthony Gormley hat mir sehr gut gefallen. Er bearbeitet das Material auf einzigartige Weise. Die Elemente werden in Gips geschaffen und dann in Bronze gegossen.

Ein Designer, bei dem Sie sich gerne
einkleiden? 

Ich habe eine ganze Mantelkollektion von Walter Van Beirendonck (Foto). Er entwirft jedes Jahr mehrere Mäntel nach Mass für mich. Ich mag auch die Stücke von Issey Miyake, den ich mehrmals traf, als ich in Japan lebte. 

Sie haben Architektur studiert. Bei welchem Architekten hätten Sie gerne eine Ausbildung gemacht?

Ich wünschte, ich hätte bei Le Corbusier arbeiten können. Ich bewundere seine Arbeit über das Verhältnis von Farben zueinander, die „Polychromies“. Seiner Ansicht nach gab es einen Unterschied zwischen dem Farbmuster und der tatsächlichen Wiedergabe. Er veröffentlichte ein Buch mit den empfohlenen Proportionen zwischen den Farben. Wenn man zum Beispiel 70 % Rot hat, kann man 20 % Schwarz und 10 % Weiss einsetzen. Es ist ein unglaubliches Werkzeug, weil es zeitlos und perfekt aufgebaut ist.

Ihr Lieblingsdessert?  

Ich liebe alle Desserts! Ich könnte mich nicht entscheiden zwischen Baiser mit Schlagrahm und Schokolade, Schwarzwäldertorte oder Tarte Tatin (Foto) mit einer Kugel Glace. Der Hammer!  

Was macht einen Künstler aus?

Ein Künstler definiert sich über das Hinterfragen. Dies beinhaltet mehrere Aspekte: Zunächst einmal sollte man keine Vorurteile haben. Zweitens sollte man die Regeln der Ethik und Ökologie befolgen und sich Fragen rund um diese Themen stellen. Man sollte überraschen. Beharrlichkeit ist ebenfalls wichtig. Nur weil eine Tür geschlossen ist, heisst das nicht, dass sich keine andere öffnet. Manchmal muss man zum Beispiel durch das Fenster klettern. Künstler zu sein erfordert einen starken Wille, ein aktives Hinterfragen. Es bedeutet auch, die Dinge anders zu machen, einzigartig zu sein.