
Seit den 1960er-Jahren träumen Uhrenmarken davon, den Weltraum zu erobern. Mit seinem neuen Zeitmesser begibt sich das Haus IWC Schaffhausen jetzt in den Orbit.
Werden die ersten Astronauten, die den Mars betreten, eine mechanische Uhr aus der Schweiz tragen? Das zumindest ist der Traum der Führungskräfte von IWC, der in Schaffhausen ansässigen Luxusuhrenmarke. Und weil sie auf das setzen, was man mittlerweile als «New Space» bezeichnet – eine neue wissenschaftliche und wirtschaftliche Grenze –, haben sie eine Partnerschaft mit dem Unternehmen Vast Space geschlossen.
Das in Los Angeles beheimatete Unternehmen soll 2027 als erstes eine kommerzielle Raumstation in die Umlaufbahn bringen. Das von einem Kryptowährungs-Tycoon gegründete Start-up beschäftigt in seinem Werk in Long Beach bereits 1000 Mitarbeiter. Jed McCaleb ist nicht so bekannt wie Elon Musk, er glaubt aber ebenfalls daran, dass die Zukunft der Menschheit in der Eroberung des Weltraums liegt. Und weil Gelder bei ihm vorhanden sind, investiert er eine Milliarde US-Dollar seines persönlichen Vermögens in dieses Abenteuer.
Das erste greifbare Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen IWC und Vast? Das Modell Pilot’s Venturer Vertical Drive, eine Uhr, die auf der Genfer Messe Watches and Wonders für Aufsehen gesorgt hat. Dieses technologische Juwel ist so konzipiert, dass es selbst von den dick behandschuhten Händen der Astronauten bedient werden kann. Aber auch irdische Liebhaber schöner Uhren können es sich leisten – für rund 24 000 Franken. Die verschiedenen Funktionen und Einstellungen der Uhr werden über die Lünette aktiviert. Sie ersetzt die traditionelle Krone. So werden jegliche Vorsprünge vermieden, an denen man sich in der Schwerelosigkeit verfangen könnte. Der Zeitmesser im minimalistischen Design besteht aus ultraleichter weisser Keramik und Ceratanium, einem von IWC entwickelten innovativen Material, das selbst extremsten Temperaturen und Vibrationen standhält.

Die Uhr ist im Kontrollraum von Vast auf einem riesigen Bildschirm zu sehen – umgeben von Science-Fiction-Anspielungen, Hollywood ist schliesslich nicht weit. Im Hintergrund, in der Montagehalle des Shuttles Haven-1, erhascht man einen Blick auf das erste Modul der Plattform, die nächstes Jahr in die Umlaufbahn gebracht werden und langfristig die Internationale Raumstation (ISS) ersetzen soll. Mehr als 270 Astronauten aus rund 20 Nationen haben sich seit dem Jahr 2000 dort aufgehalten, doch das ehrwürdige Weltraumobjekt zeigt Anzeichen von Veralterung. Sein Rückbau ist für 2030 geplant, und Unternehmen wie Vast Space sollen die Nachfolge der staatlichen Agenturen antreten, die im Laufe der Jahrzehnte Dutzende Milliarden in sie investiert haben.
IWC ist nicht die erste Uhrenmarke, die auf die Weltraumkarte setzt. Mit ihrem berühmten Chronographen Speedmaster, der Uhr, die Buzz Aldrin 1969 auf dem Mond trug, hat Omega bisher die Vorstellungswelt der Weltraumeroberung weitgehend dominiert. Mit dem Aufkommen des New Space und seiner Pioniere setzt IWC Schaffhausen auf die Zukunft, anstatt aus der Geschichte Kapital zu schlagen. Und will damit eine technische Expertise zur Geltung bringen, die seit fast 90 Jahren in der Luftfahrt und der Formel 1
geschmiedet wird.
Ein Sonnenuntergang alle 90 Minuten
«Unser Entwicklungsteam hat mehr getan, als nur eine bestehende Uhr anzupassen», betont CEO Chris Grainger-Herr. «Es hat bei null angefangen, um ein speziell für Astronauten konzipiertes Messinstrument zu entwerfen, das die erforderlichen Funktionen und Eigenschaften für die Mission bietet.»
Eine Frage bleibt: Was nützt eine mechanische Uhr im Zeitalter der KI und der vollständigen Digitalisierung noch? Für Andrew Feustel, Chefastronaut von Vast, der die Besatzung von Haven-1 vorbereitet, ist die Antwort einfach: Sicherheit. Elektronische Systeme sind nicht unfehlbar. Auf einen mechanischen Zeitmesser hingegen ist immer Verlass. Der NASA-Veteran hat mehr als sechs Monate auf der ISS verbracht.
Die Zuverlässigkeit der Zeitmessung, erinnert er uns, ist eine Frage von Leben und Tod. Bei der Rückkehr zur Erde kann ein um wenige Sekunden verspäteter Abwurf der Kapsel zu einer fatalen Kursabweichung führen. Ein Beispiel unter vielen. Das analoge 24-Stunden-Zifferblatt bietet zudem Ruhe in einer Umgebung, in der die Sonne etwa alle 90 Minuten auf- und untergeht.
Wir treffen Hillary Coe, Leiterin für Design und Marketing bei Vast Space. Mit Stationen bei Apple, Google und SpaceX verkörpert sie eine neue Generation von Raumfahrtakteuren, die aus der Tech-Branche stammen. Die athletische Mittvierzigerin hat die Ausbildung für Astronautenanwärter absolviert, besitzt eine Pilotenlizenz und träumt natürlich davon, eines Tages ins All geschickt zu werden. Doch vorerst besteht ihre Mission darin, Haven-1 und seinen 45 Kubikmeter grossen Wohnraum ergonomisch und komfortabel zu gestalten.

In diesem Bereich gibt es in der Tat viel zu tun. Das Innere der ISS gleicht mit seinem Durcheinander aus Bildschirmen und Kabeln der Garage eines Tüftlers. Im Vergleich dazu erinnern die klaren Linien des Haven-1-Moduls an die Ästhetik des Films «2001: Odyssee im Weltraum». Die privaten Schlafbereiche sind mit einem komfortablen System aus Luftmatratzen ausgestattet, die die Astronauten an ihr Bett binden – Schlafqualität garantiert, selbst in der Schwerelosigkeit. Die Laborausstattung ist in die Wände der Kapsel integriert. «Im Weltraum spielt menschenzentriertes Design eine wichtige Rolle», erklärt Coe. Die neue Weltraumuhr fügt sich gut in diesen Gedanken ein.
Die Zusammensetzung der Besatzung von Haven-1 ist noch nicht bekannt. Unter den vier Mitgliedern der Mission werden natürlich professionelle Astronauten sein. Mindestens ein Platz wird zum Verkauf angeboten. Wer ihn erwirbt, muss mehrere Millionen US-Dollar zahlen. Das vorrangige Ziel ist jedoch, die NASA zu überzeugen. Die US-Raumfahrtbehörde bleibt vorerst der wichtigste potenzielle Kunde für künftige Orbitalstationen. Auch wenn Vast sich als der am weitesten fortgeschrittene Kandidat für den Ersatz der ISS positioniert, bleiben Axiom Space und das von Jeff Bezos gegründete Unternehmen Blue Origin ernst zu nehmende Konkurrenten.
Über das Sonnensystem hinaus
Das erklärte Ziel der Gründer von Vast besteht darin, wissenschaftliche Forschungen zu ermöglichen, die auf der Erde unmöglich sind. Beispielsweise die Entwicklung und die Herstellung von Therapien gegen Krebs und degenerative Erkrankungen. Die Mikrogravitation beeinflusst physikalische Phänomene derart, dass sie ein besseres Verständnis der Proteinkristallisation ermöglicht. Langfristig wollen die Vordenker von New Space regelrechte Fabriken im Orbit schaffen, in denen auch der Sieg über das Altern gewonnen werden soll. Beim Start von Vast bekundete Gründer McCaleb sogar seine Absicht, «über das Sonnensystem hinauszugehen».
«Wir teilen denselben Geist, dieselbe Leidenschaft für Zuverlässigkeit und die technische Exzellenz», erklärt Franziska Gsell, Marketingleiterin bei IWC. «Vast wurde vor knapp 5 Jahren gegründet, während unsere Geschichte fast 160 Jahre zurückreicht. Es ist eine Untertreibung, zu sagen, dass wir durch den Kontakt mit ihnen viel lernen.»
Der Fahrplan des kalifornischen Unternehmens ist ehrgeizig.
Auf den Start von Haven-1 sollen vier weitere Module (Haven-2) folgen, die ab 2028 eine zwölfköpfige Besatzung beherbergen können. Bis Mitte der 2030er-Jahre plant das Unternehmen die Entwicklung einer Station mit künstlicher Schwerkraft, die Platz für etwa 40 Personen bieten kann. Ein gewaltiger Fortschritt. Neue Orbitalstationen und die damit verbundenen Errungenschaften gehen jedoch auch mit vielen Risiken und Unbekannten einher. Das Abenteuer ermöglicht es den Uhrmachern aber, die Weltraumgeschichte neu zu schreiben und zu bekräftigen, dass sie nach wie vor die Herren der Zeit sind.
Mit seiner weltraumtauglichen Uhr Pilot’s Venturer Vertical Drive präsentierte IWC auf der Watches and Wonders einen ewigen Kalender, der eine technische Meisterleistung nach der anderen bietet. Mit einer Abweichung von nur einem Tag in den nächsten 1044 Jahren erreicht die Mondphasenanzeige einen neuen Präzisionshöchststand. Fast eine Ewigkeit. Man kann sich vorstellen, dass uns bis dahin ein Hochgeschwindigkeitszug zum Mars bringen wird.
Uhren in der Schwerelosigkeit

Es gibt zahlreiche Marken, die das Weltraumabenteuer begleiten. Am 20. Juli 1969 trug Buzz Aldrin als erster Mensch eine Uhr auf dem Mond, einen Speedmaster-Chronographen von Omega . Die Marke aus Biel machte die technische Meisterleistung zu einem wirkungsvollen Marketinginstrument. Jenseits des Eisernen Vorhangs stattete die Marke Raketa – inzwischen von einem englischen Investor aufgekauft und neu lanciert – die sowjetischen Kosmonauten aus.
Viele ihrer Modelle setzen weiterhin auf das Weltraumthema. Fortis begleitete ihrerseits in den 1990er-Jahren die russischen Missionen Mir und Sojus, während Bulova bei Apollo 15 auf dem Mond zu Gast war – sie gehört heute zur japanischen Citizen-Gruppe. Die Uhren sind Adaptionen bestehender Modelle, im Gegensatz zur Seiko, die für eine private Mission zur ISS entwickelt wurde. Seit den 1930er-Jahren sind IWC-Uhren untrennbar mit der Luftfahrt verbunden. Der Bezug zum Weltraum stellt eine natürliche Erweiterung ihrer DNA dar, die in ihrer poetischen Dimension durch die Figur des Kleinen Prinzen untermauert wird. Die gemeinsam mit Vast Space entworfene Uhr ist jedoch die erste, die für den Einsatz im Weltraum konzipiert wurde.

