Als Chefparfümeur von Dior verleiht Francis Kurkdjian dem Maison seine ganz eigene Note.

Die Filmfestspiele von Cannes waren die gut gewählte Kulisse für den internationalen Presselaunch des neuen Parfums. Das alljährliche Schaulaufen der Kinoelite: Pailletten, Prachtroben und Geschmeide. Im Mai erblühen aber nicht nur Glamour und Glitzer an der Côte d’Azur, sondern auch die Rosen auf den Feldern im nahen Grasse, wo Kurkdjian kurz zuvor die Zulieferer besuchte, die die Rohmaterialien für «L’Or de J’adore» anbauen. Ein perfekter Time-Match also für einen Mann mit engem Zeitkorsett.

Mitten auf der Croisette von Cannes und ganz oben, in der Penthouse-Suite Christian Dior des Hotels Le Majestic, steht Francis Kurkdjian den Journalisten Rede und Antwort zu seiner jüngsten Duftkreation: einem Remake von «J’adore L’Or», ein Bestseller, den sein Vorgänger François Demachy 2010 komponierte. 2021 übernahm Francis Kurkdjian das Zepter als Chefparfümeur von Dior. Duftmarken in der Parfumgeschichte hat der 54-jährige Franzose mit armenischen Wurzeln schon diverse gesetzt. Mit Mitte 20 kreierte er seinen ersten Bestseller, «Le Mâle», für Jean Paul Gaultier.


Viele andere folgten. Mit 30 Jahren wurde ihm bereits für sein Gesamtwerk der François-Coty-Preis verliehen und 2008 folgte der Ritterschlag zum Chevalier des Arts et des Lettres. Nebenbei lotet Kurkdjian die Grenzen zwischen Parfümerie und Kunst aus. Er tauchte eine Ausstellung von Sophie Calle in den Duft des Geldes und eine Installation des Syrers Hratch Arbach in den Duft von Blut und bespielte mit eigenen Duftperformances sogar das Schloss von Versailles. 2009 gründete er mit Marc Chaya sein eigenes Parfumhaus, das Maison Francis Kurkdjian, mit dem er als Erster auch Duftunikate nach Mass anbot, ganz wie ein Schneider der Haute Couture. In der 420-qm2-Suite in vornehmen Grau- und Greige-Tönen, wo sich traditionell die Schauspieler:innen vom Dior-Beauty-Team für den grossen Auftritt stylen lassen, sprudeln die Worte wie Champagnerperlen aus dem ganz in Schwarz gekleideten Tausendsassa heraus.

Um in der Filmsprache zu bleiben: Was reizt Sie als preisgekrönten Autorenfilmer daran, quasi ein Remake eines Klassikers zu drehen?

Es ist für mich wie eine ausgefeilte Stilübung: «J’adore» gehört seit 1999 zu einer der wichtigsten und bekanntesten Duftlinien von Dior. Ich sehe darin so etwas wie den legendären Bar Suit von 1947, dem jeder Designer von Dior seither seine Reverenz erweist. Einer Ikone nun meine persönliche Signatur zu geben, ist so etwas wie eine respektvolle Einleitung eines neuen Kapitels in der langen Geschichte des Hauses. Christian Dior sagte selbst: Respektiere die Tradition, aber sei verwegen.

Was ist das kühne Neue an „L’Or de J’adore“?

Die Idee, eine Reedition von «J’adore L’Or» zu lancieren, bestand bereits, als ich zu Dior kam. Was ich dabei vom Team lernte: dass pures Gold erst erhitzt werden muss, damit alle Unreinheiten im Metall verdampfen. So kam ich auf die Idee, die sehr lange Formel quasi zu erhitzen, um alles Überflüssige zu entfernen und nur das Florale in höchster Konzentration stehen zu lassen. Um in der Filmsprache zu bleiben: Ich habe vorgespult und in die Blumen hineingezoomt und sie maximiert. Besonders die Anteile von Jasmin und Rose, aber auch die Maiglöckchen und Veilchen. Ich wollte einen radikaleren Ansatz und einen unmittelbaren Wow-Effekt. Ich liebe kühne, expressive Düfte!

Wie beschreiben Sie Ihre persönliche Signatur darin?

In meiner Interpretation ist das Originalparfum wie ein impressionistisches Meisterwerk, das aus unzähligen, übereinander geschichteten blumigen Noten besteht. Ich habe ihm rundere und sattere Farben gegeben und mehr Sonnenlicht hinzugefügt. Die winzigen Punkte wurden zu grösseren Pixeln, modern und radikal, sexy und strahlend.

François Demachy war mehr 15 Jahre lang die Chefnase von Dior. Was ist sein Vermächtnis?

Ich verneige mich vor ihm. Nicht nur hat er etliche globale Bestseller geschaffen, er hat vor allem exzellente Lieferketten mit den Herstellern unserer Rohmaterialien aufgebaut, die es vorher nicht gab. Er knüpfte unermüdlich Verbindungen zu den kleinen Anbaubetrieben, insbesondere in der Region Grasse, um lokale Fertigkeiten wiederzubeleben, die zu verschwinden drohten. Er hat der ganzen Region zu einem wirtschaftlichen Aufschwung verholfen.

Was ist das Geheimnis eines erfolgreichen Parfums?

Es ist seine Kunst, Emotionen zu wecken und zu transportieren. Pure Emotion gepaart mit einer ausgefeilten Technik, mit der es auf der Haut hält und wie es seinen Duft verteilt. Nur ein Parfum, das hält und das sich auch bemerkbar macht, wird ein Hit. Zuerst gibt es seinem Träger ein gutes Gefühl, wenn er es aufträgt und auch viele Stunden spürt. Das beste Kompliment ist jedoch, wenn die Taxifahrerin oder der Kassierer im Supermarkt dich plötzlich fragt, was für ein Parfum du trägst. Nichts ist schmeichelnder als das! Ich möchte, dass die Person, die «L’Or de J’adore» oder ein anderes von mir kreiertes Parfüm kauft, auf der Strasse angehalten wird: «Du riechst gut!» ist eine wunderbar indirekte Art, jemandem zu sagen, dass man ihn schön findet, oder sogar, dass man ihn liebt.

Die Rose steht in der legendären Dior-Parfums im Mittelpunkt.

Testen Sie Ihre Düfte mit der Wirkung auf andere?

Gestern hatten wir hier in Cannes ein grosses, offizielles Dior-Dinner. Ich hatte ein neues Parfum aufgetragen. Hunderte von Gästen – und die ganze Nacht gab es keinen einzigen Kommentar. Selbst meine direkten Tischnachbarn verloren kein Wort darüber. Ein Parfum benutzt man nicht nur für sich selbst, sondern auch, um bemerkt zu werden. Ich war richtig gekränkt. Doch so wusste ich: Der Duft ist noch lange nicht fertig.

Welches Parfum tragen Sie sonst?

Keines, nur die, die ich entwickle. Einerseits muss meine Haut für meine täglichen Tests so neutral wie möglich bleiben, andererseits konnotiert mein Gehirn Parfums sofort mit Arbeit. Besonders in den Ferien bedeutet das: Wenn ich nicht dufte, habe ich frei.

Was war Ihr erster Kauf aus Leidenschaft?

Da mein ausgefallener Berufswunsch natürlich die Runde machte, bekam ich immer Parfums geschenkt: Mit 14 trug ich oft «Eau Sauvage» von Dior, mit 15 «Van Cleef & Arpels Pour Homme». Auch mal unmögliche Düfte wie «Obsession for Men» von Calvin Klein. Dann hatte ich eine lange orientalische Phase. Im Grunde mag ich als Privatperson noch heute diese würzigen, schweren Düfte lieber als die frischen. Sie haben so etwas Tröstendes.

Was ist die grösste Herausforderung als Parfümeur?

Heute muss alles so schnell sein – und die Parfümerie ist ein langsames, weiches Handwerk, das man nicht mit logischen Algorithmen programmieren kann. Ein Parfum zu entwickeln, braucht Zeit – 18 Monate im Schnitt. Du musst Schritt für Schritt vorgehen und den Dingen Zeit lassen. Und dann ist da noch die unkalkulierbare Natur! Heute Morgen stand ich um sieben Uhr auf den Rosenfeldern in Grasse, um die Ernte dieses Jahr zu begutachten. Doch sie blühen einfach noch nicht, die verdammten Rosen! (Lacht)

Ihre ganzes Leben lang waren Sie unabhängig von den grossen Unternehmen. Was hat Sie davon überzeugt, bei Dior anzuheuern, mit Deadlines etc.?

Ich habe mir gesagt: Warum nicht ich? Auf geheimnisvolle Weise finde ich es heute fast logisch, dass ich nun hier bin. Im Grunde hatte ich immer im Hinterkopf, einmal für ein Couturehaus zu arbeiten. Mein Grosi war Schneiderin, meine Mutter eine sehr stilbewusste Frau. Ihre beste Freundin arbeitete sogar im Atelier von Dior. Mode war ein grosses Thema bei uns zu Hause. Meine Mutter nähte sich sogar die Kleider nach, die in den 70er-Jahren bei Dior auf den Laufstegen gezeigt wurden. Und wenn wir sonntags aus der armenischen Kirche kamen, die in der Nähe der Avenue Montaigne liegt, bewunderten wir immer die Schaufenster der Maison Dior. Was mich an der Mode immer fasziniert hat, ist die Transformation der Materialien: diese Intelligenz der menschlichen Hand!

Im Grunde hatte ich immer im Hinterkopf, für ein Couturehaus zu arbeiten

Sie sind aber kein Couturier geworden, sondern Parfümeur…

Als Teenager träumte ich auch davon, Tänzer zu werden, Erster Tänzer an der Oper von Paris natürlich, und ich trainierte hart dafür. Dann liess unsere Französischlehrerin uns den Satz von Victor Hugo interpretieren: Chateaubriand sein – oder nichts. Es ging darum, dass man die Messlatte hoch anlegen muss, um überhaupt in die Nähe seines Ziels zu kommen. Mir schwante, dass die Ballettwelt für Männer seinerzeit wenig Perspektiven bot, ausser tanzendes Dekor. Und fürs Modedesign reichten meine Zeichenkünste nicht.

Was also ist passiert?

Ich sah den Film «Die schönen Wilden» mit Catherine Deneuve und Yves Montand. Montand spielte darin einen Parfümeur. Kurz darauf las ich einen Artikel, in dem vier grosse Parfümeure porträtiert wurden. Wie sie von ihrem Metier sprachen, fand ich total faszinierend. Eines Abends hatten meine Eltern Gäste – und wie immer fragten sie mich, was ich denn mal werden wollte. Und ich sagte spontan: Parfümeur! Alle waren baff, selbst meine Eltern. Nicht Feuerwehrmann oder Fussballspieler. Ein paar Wochen später kam ein Freund meiner Eltern mit der Visitenkarte des Direktors der ISIPCA, der renommierten Parfumschule in Versailles, zurück. An einem Freitagnachmittag bin ich dann mit meinen Eltern zu ihm gefahren. Ich kann mich noch heute an meine Krawatte und das kratzige Flanellkostüm erinnern! Er meinte, ich sei viel zu jung und solle mich wieder melden, wenn ich mit der Schule fertig sei. Was ich tat. So begann ich meine Ausbildung an der ISIPCA und fand meine Berufung.

Mit Ihrem eigenen Parfumhaus waren Sie einer der Ersten, die Duftunikate nach Mass herstellten. Haben Sie bei Dior, einem Haute-Couture-Haus, ähnliche Pläne?

Wir haben so viele Ideen und Pläne! Meine Ambition für Dior jedenfalls ist: die absolute Exzellenz in der Parfümerie anzustreben, neue Dienstleistungen und Produkte anzubieten, die die Menschen zum Träumen bringen so wie Dior seinerzeit.

Sie sind weiterhin kreativer Leiter Ihres eigenen Hauses und machen auch noch olfaktorische Kunstprojekte. Keine Angst, sich an all den Aufgaben zu verheben?

Karl Lagerfeld hat auch für mehrere Häuser gearbeitet. Er sagte: Wenn du nicht bereit bist, solltest du den Job nicht machen. Wie er habe auch ich nie das Gefühl, wirklich zu arbeiten. Angesichts meiner vielen Arbeitsstunden wäre es übrigens auch masochistisch, wenn es mir keinen Spass machte. Alle fühlen sich immer gestresst heutzutage. Ich nicht. Meine Aufgabe sehe ich darin, etwas Leichtigkeit zu schenken: Ich bin ein Schöpfer von Glück.

Design-Ikone

„J’adore L’Or“ wurde ursprünglich 2010 von François Demachy, dem Vorgänger von Francis Kurkdjian, kreiert. Der inzwischen ikonische Flakon ist den Halsketten der afrikanischen Volksgruppe Massai nachempfunden.