Für ihre vierte Ausgabe lädt die Veranstaltung Homo Faber zu einer Reise durch eine Welt voller Objekte mit dem gewissen Etwas ein. Mit ihrer spektakulären Inszenierung macht die britische Künstlerin Es Devlin Venedig zum Schauplatz eines besonderen Ereignisses.

Ein Krug. Das klingt zunächst nach nichts Besonderem. Als schlichtes Gefäss zum Auffangen von Wasser oder zur Aufbewahrung von Reis könnte die traditionelle Töpferkunst, selbst wenn sie von modernen Händen neu interpretiert wird, als Inbegriff der alltäglichen Banalität gelten. Und doch! Was passiert, wenn die Künstlerin Es Devlin den Krug wie einen Rockstar inszeniert? Seit zehn Jahren orchestriert die Londonerin visuelle Spektakel, etwa für die Konzerte von Beyoncé und Bad Bunny oder für olympische Zeremonien. Dieses Mal überträgt sie ihre Vision von Raumkunst auf handwerkliche Objekte. Und plötzlich versammeln sich Porzellankrüge, Silbergefässe und Terrakottaobjekte in einem Kreis aus diffusem Licht, einem riesigen Mond, der langsam ins Wasser eintaucht. Eine betörende, beinahe mystische Choreografie zwischen dem Element Wasser, den Kreisen des Lebens und den kulturellen Traditionen der Menschheit. Willkommen in Venedig, bei der Ausstellung Homo Faber 2026.

Die Ausstellung Homo Faber findet bereits zum vierten Mal statt, und Liebhaber schöner Dinge würden sie unter keinen Umständen verpassen wollen. Unter der Schirmherrschaft der in Genf ansässigen Michelangelo Foundation und indirekt mit der Luxusgruppe Richemont verbunden (Cartier, Van Cleef & Arpels, Vacheron Constantin … unter anderem!), hat es sich die alle zwei Jahre stattfindende Ausstellung zur Aufgabe gemacht, das Kunsthandwerk aus aller Welt zu würdigen und jene Objekte ins Rampenlicht zu rücken, die eine Seele besitzen – Dinge, die die menschliche Hand immer besser hervorbringt als die Maschine.

Nach sorgfältiger kuratorischer Arbeit und intensiver Recherche versammelt die Veranstaltung die luftigsten Glasskulpturen, die filigransten Stickereien, die fantasievollsten Flechtkörbe und die feinsten Diamantschliffe: 700 Objekte, geschaffen von 500 Kunsthandwerkern (darunter zwei Schweizer, siehe unten).

Das Werk der Künstlerin Es Devlin, „A full moon rising“. credit Sophia Bennett©Michelangelo Foundation

Dieses Jahr ist es also Es Devlin (bitte nennen Sie sie nicht Esmeralda …), die den Auftrag hat, dieses zeitgenössische Kuriositätenkabinett zum Leben zu erwecken. Die 55-jährige Es Devlin ist eine der grossen Namen der Kunstszene, auch wenn das Publikum eher die grandiosen Effekte kennt, die sie erschafft, als ihren persönlichen Werdegang. Ihre eigene Suche gilt dem immersiven Erlebnis.

Dieses beginnt mit einer Stimme, ihrer eigenen, sanft und umhüllend wie ein Seidenschal. Vor einem Publikum, als Aufnahme oder im persönlichen Gespräch: Die dunkelhaarige Frau mit den funkelnden Augen flüstert, als würde sie ein Geheimnis anvertrauen. So führt sie die Besucher von einem Objekt zum nächsten. Eine beinahe sichtbare Stimme, ein Faden, an dem man sich festhalten kann.

Sie lacht, als man sie fragt, woher diese Klangfarbe ihrer Stimme kommt: «Lange Zeit mochte ich meine Stimme nicht. Ich hasste es, dass ich mich damals auf dem Anrufbeantworter meines Telefons nicht wiedererkannte. Dann, als meine Kinder geboren wurden, las ich ihnen Geschichten vor und – das muss die Wirkung von Oxytocin sein – begann ich, meiner eigenen Stimme gerne zuzuhören. Aber erst als ein Produzent mich dazu ermutigte, für meine Installationen nicht mehr mit Schauspielerinnen zu arbeiten, gewann ich genügend Vertrauen in mich selbst, um mit dem Training zu beginnen.»

Über die Stimme – und die liturgischen Klänge – hinaus gibt es das Licht: Die Installation trägt übrigens den Namen An Island of Light, eine Insel aus Licht. Und da sind die körperlichen Empfindungen: In einem Raum schliesst man die Augen, um Flechte, Stroh und Zedernholz besser wahrzunehmen, jene Düfte, die die Arbeit mit Holz erfüllen. Anderswo gerät der Besucher angesichts eines Vogelschwarms, der sich in unzähligen Spiegeln vervielfacht, in ein Gefühl des Schwindels – eine Symphonie aus Federn, Juwelen oder Papier. «Das menschliche Bewusstsein und die menschliche Intelligenz sind aus Empfindungen gemacht», betont Es Devlin. «Wir denken mit unseren Fingerspitzen, wir begreifen mit unseren Fusssohlen.»

Das Werk «Moonflower» von Ann Carrington. credit: Alexandre Vazquez©Michelangelo Foundation

Die ganze Herausforderung einer Ausstellung für Kunsthandwerk, und sei es noch so kunstvoll, besteht darin, den Menschen hinter dem Objekt spürbar zu machen. «Die Gefahr, wenn man solch hervorragend gefertigte Stücke zeigt, besteht darin, dass das Publikum die Veranstaltung mit einem riesigen Laden verwechselt», stellt die Künstlerin fest. «Deshalb wollte ich ein wenig Chaos hineinbringen. Denn diese Objekte verlangen kein Geld! Sie verlangen etwas anderes: Ihre Aufmerksamkeit, Ihre Unterstützung, Ihren Glauben.»

Glauben. Das Wort ist gefallen. Auch Alberto Cavalli, der Geschäftsführer von Homo Faber, verwendet es: «Wir sind mehr als eine Veranstaltung, wir sind eine Bewegung, ein Widerstand», verkündet er. «Die Schönheit, die Sie hier sehen, hat einen Sinn: Sie soll an die aussergewöhnliche menschliche Kreativität erinnern und an die unzähligen Möglichkeiten, wie sich Talent ausdrücken kann. Der Mensch besitzt nach wie vor die Kraft, die Welt um sich herum zu gestalten und Freude zu schaffen.»

Die Besucherin taucht aus diesem Bad des Staunens auf – mit einer neu entfachten Lust, … zu stricken? Papier zu schneiden? Ton zu formen? Ganz gleich! Sich im Kleinen an dieser grossen, zutiefst menschlichen Bewegung des Schaffens zu beteiligen.

Homo Faber 2026, An Island of Light, auf der Insel San Giorgio Maggiore, Venedig, bis zum 30. September. Reservierung erforderlich unter homofaber.com

Schweizer Handwerker an der Lagune

Wenn die Ausstellung Homo Faber den Kunsthandwerken aus aller Welt viel Raum gibt – was für ein Mysterium diese heiligen Vasen aus dem Senegal; was für eine Kraft diese koreanische Drachenmaske! –, werden auch zahlreiche Schweizer Hände gewürdigt. Natürlich sind da die anerkannten und bewährten Kunsthandwerke der Uhrmacherkunst, mit unglaublichen Miniaturmalereien für Jaeger-LeCoultre oder diesem faszinierenden Zifferblatt mit einem aufgestickten Tiger bei Vacheron Constantin.

Mais place aussi aux artisans indépendants, qui travaillent en solo dans leur atelier. Dans une salle ténébreuse qui évoque les couleurs brunes, rouges et ocres de la terre, la sculptrice genevoise Marta Blanc présente une vasque en fil de cuivre crocheté, baptisée Everything is connected. L’œuvre puise dans des souvenirs d’enfance à Sokolov, ville industrielle de l’ancienne Tchécoslovaquie, avec cette atmosphère brute de métal corrodé… Or c’est justement de ces matériaux que ne demande qu’à émerger une délicatesse onirique.

©France Bellmas

Der zweite vertretene Kunsthandwerker ist der Berner Keramiker Laurin Schaub. Er hat zwei Mondkrüge aus Porzellan geschaffen, inspiriert von einer traditionellen japanischen Technik des Übereinanderschichtens. So viel zum überlieferten Erbe! Für die futuristische Note sorgen die Gefässe, die mit einer leuchtenden Glasur überzogen sind, deren photolumineszierende Pigmente sie im Dunkeln zum Strahlen bringen. Diese Technologie stammt natürlich aus der Uhrmacherkunst, einem weiteren äusserst kreativen Schweizer Handwerk – genauer gesagt von der Schaffhauser Marke IWC, die die leuchtende Keramik Ceralume zu ihrem Markenzeichen gemacht hat.

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Bildnachweis Eröffnungsbild: Sophia Bennett©Michelangelo Foundation