Die Rose, für ihre beruhigenden Eigenschaften geschätzt, offenbart einen ungeahnten Reichtum: In ihrem Inneren verbirgt sich ein Schatz an Molekülen.

Granville in der Normandie. Vom Ärmelkanal wehen Windböen, biegen die Stiele der Blumen. Prasselnder Regen beschwert die Blütenblätter. Weit und breit ist kein Gewächshaus mit perfekt kontrolliertem Mikroklima in Sicht. Die Rose von Granville wächst ungeschützt vor den Elementen, in einer anspruchsvollen Umgebung, die sie dazu zwingt, ihre eigenen Überlebensmechanismen zu aktivieren. «Diese klimatischen Bedingungen stellen für die Rose eine Belastung dar, die für uns äusserst vorteilhaft ist. Sie regt die Pflanze dazu an, mehr bioaktive Moleküle zu produzieren», erklärt Lorène Gourguillon, Doktorin der Phytochemie und Pflanzenbiotechnologie. Seit 20 Jahren erforscht Dior diese besondere Blume, die in der Kosmetik so wertvoll geworden ist.

Die bioaktiven Moleküle sind Verbindungen, die von der Pflanze auf natürliche Weise produziert werden. Wind, Regen, Temperaturschwankungen oder Angriffe durch Mikroorganismen lösen eine Reihe biologischer Reaktionen aus, die der Rose Schutz bieten sollen. «Wir betreiben regenerative Landwirtschaft. Die Rose verteidigt sich auf natürliche Weise und produziert dabei genau jene Moleküle, die wir heute wegen ihrer biologischen Eigenschaften erforschen», fasst Gourguillon zusammen. Nach ihrer Extraktion behalten einige dieser Moleküle ihre biologische Aktivität bei und sind in der Lage, mit den Hautzellen zu interagieren. Sie tragen zu deren Schutz, Reparatur und Erneuerung bei.

So soll sich beispielsweise der Fruchtextrakt der Granville-Rose bei der Stimulierung der Produktion von Kollagen I – das für  Festigkeit und Widerstandsfähigkeit der Haut sorgt – als bis zu sechsmal wirksamer erwiesen haben als Vitamin C. Die Extrakte aus den Blütenblättern und dem Stiel ihrerseits sollen Retinol bei mehreren Markern, die mit der Hautqualität in Verbindung stehen, übertroffen haben. «Die Granville-Rose ist weit mehr als nur eine Rose. Und sie hat in der Welt der Kosmetik noch enorm viel zu offenbaren», sagt Marie Videau, Präsidentin von LVMH Recherche. 

Ein dezenter Duft

Fragt man jedoch einen Parfümeur, was er von der Granville-Rose hält, wird er abwinken, dass sie kaum von Interesse sei. Tatsächlich strahlt ihr dezenter Duft weder die Fülle noch die Kraft aus, die für die Komposition eines Parfums gesucht werden. Es ist ihr Inneres, das die Experten fasziniert. Die wissenschaftliche Geschichte der Granville-Rose beginnt Anfang der 2000er-Jahre. Das Ziel: die erste Rosensorte zu züchten, die ausschliesslich für die Kosmetikprodukte von Dior genutzt wird. Nach sieben aufeinanderfolgenden Kreuzungen und mehr als zehn Jahren Selektion ist es so weit: Heute blühen fast fünfzigtausend Rosensträucher auf sieben Hektar, was dem französischen Modehaus die vollständige Kontrolle über die Produktionskette ermöglicht – vom Anbau bis zur Gewinnung der Wirkstoffe.

Lange Zeit konzentrierten sich die Wissenschaftler auf die von der Pflanze produzierten Moleküle und deren potenzielle Vorteile für die Haut. Nun versuchen sie, die Prozesse dahinter zu verstehen, warum die Rose diese Verbindungen bildet und welche biologischen Mechanismen ihnen  zugrunde liegen. «Es ist ein bisschen wie beim Menschen: Wenn man Sport treibt, setzt man seinen Organismus einer Belastung aus, aber genau das ermöglicht es ihm, widerstandsfähiger zu werden», verdeutlicht Vadim Gladyshev, Professor für Medizin und Spezialist für Langlebigkeitsmechanismen. Die Belastung wird zu einem Motor, der den molekularen Reichtum der Pflanze stärken kann.

Bislang wurden in der Granville-Rose 22 Mikronährstoffe nachgewiesen, doch die Forscher gehen davon aus, dass noch wesentlich mehr darauf warten, entdeckt zu werden. «Wir untersuchen die Phytochemie jedes einzelnen Teils der Rose: die Blütenblätter, die Frucht, den Stiel … Jeder von ihnen besitzt bemerkenswerte biologische Eigenschaften», so Videau.

La crème de la crème

Dior Prestige besitzt eine Formel, die den Lauf der Zeit umkehren und neue Jugendlichkeit schenken soll. Im Herzen dieser neuen Pflege stehen das Rosapeptid-3 und die kostbare Granville-Rose.


Über die Blütenblätter hinaus

Zunächst konzentrierte man sich auf die Blütenblätter. Ihr Reichtum an schützenden Molekülen machte sie zu einer bevorzugten Quelle für die ersten Pflegeprodukte der Pflegelinie Prestige von Dior. Doch die Blütenblätter erzählen nur einen Teil der Geschichte. Das Augenmerk richtet sich nun auf die Hagebutte, die Frucht der Rose. Anstatt nach einem universellen Wirkstoff zu suchen, untersuchen die Forscher das Zusammenspiel der verschiedenen Pflanzenteile.

Diese Herangehensweise führt in ein noch exklusiveres Gebiet: die Mikrobiota, die Gesamtheit aller Mikroorganismen. Ja, auch Rosen haben ihre eigene! Auf der Oberfläche jeder Blüte leben von Natur aus Mikroorganismen, die zu ihrem Gleichgewicht beitragen. Im Jahr 2022 führten diese Forschungen zur Entwicklung von Rosabiotics, einem Komplex, der von dem unsichtbaren Ökosystem inspiriert ist. Zum ersten Mal liegt das Interesse nicht mehr ausschliesslich in der Pflanze selbst, sondern auch in den Wechselwirkungen mit ihrer Umgebung.

Nach und nach hat Dior eine Art Bibliothek über die Granville-Rose aufgebaut. Innerhalb eines Jahrzehnts wurden zehn verschiedene Extrakte entwickelt, von denen jeder eine andere Facette offenbart. Die Forschungen konzentrieren sich auf Synergien, die deren Wirkungen verstärken können. «Jedes Organ besitzt einen einzigartigen molekularen Fingerabdruck und unterschiedliche biologische Aktivitäten. Wir analysieren sie einzeln, bevor wir die Vorteile ihrer Kombination untersuchen», erklärt Videau.

Der jüngste wissenschaftliche Durchbruch kam von einem lange vernachlässigten Teil: dem Stiel. Obwohl er simpel wirkt, verbirgt sich in ihm eine komplexe, molekülreiche Architektur. Um an diese heranzukommen, mussten die Forscher eine neue Methode der enzymatischen Extraktion entwickeln. Wir ersparen Ihnen die Details, aber kurz gesagt ermöglicht diese Technik es, die Zellwände des Stiels «aufzubrechen», um bisher unzugängliche Moleküle freizusetzen. So konnten neue Verbindungen identifiziert werden, die reich an Strukturmolekülen sind, die für die Festigkeit und die natürliche Widerstandsfähigkeit der Rose unerlässlich sind.

Eine Entdeckung, die ein neues Kapitel im Bereich der Wirkstoffe aufschlägt. Die Erkenntnisse über Blütenblätter, Frucht, Mikrobiom und nun auch den Stiel hat zur Entwicklung von Dior RosaPeptide III geführt. «Dieser neue Komplex enthält dreimal so viele aus der Rose gewonnene Rohstoffe wie die Vorgängergeneration», sagt Gourguillon.

Die Innovation bildet das Herzstück der neuen Prestige-Creme und markiert einen Meilenstein im Verständnis der Granville-Rose. Die Blume wird nicht mehr als reines Reservoir an Wirkstoffen betrachtet, sondern als ein lebendiges System von bemerkenswerter Komplexität, dessen Geheimnisse die Wissenschaftler auch heute noch zu entschlüsseln versuchen. Als würde die Rose ihnen jedes Mal, wenn sie glauben, das Thema vollständig erschlossen zu haben, neckisch zurufen: «Ihr habt noch gar nichts gesehen!»

Stiel, Blüte und Frucht: In der Granville-Rose stecken wertvolle Moleküle, die erforscht werden.

Jedem seine Rose

Auch wenn Dior Beauté die Erforschung seiner Lieblingsrose leidenschaftlich vorantreibt, ist das Kosmetikhaus nicht das einzige, das die Vorzüge der Königin der Blumen für seine Rezepturen nutzt. Am nächsten kommt ihr in diesem Ansatz Lancôme. Mit ihrer Absolue-Linie konzentriert die Marke seit mehreren Jahren ihre Forschung auf die Rose Perpétuelle Absolu, die auf der Domaine de la Rose in Grasse angebaut wird. Dort erforschen die Wissenschaftler die verschiedenen Blühstadien der Pflanze und entwickeln Extraktionsverfahren, um ihre Wirkstoffe bestmöglich zu bewahren.

Sisley hat die schwarze Rose zum Markenzeichen ihrer Linie Black Rose gemacht. Sie wird mit anderen Sorten kombiniert, um deren aufpolsternde, antioxidative und aufhellende Wirkung zu nutzen. Marken wie Weleda oder Dr. Hauschka heben eher die beruhigenden, ausgleichenden und schützenden Eigenschaften der Blume für empfindliche Haut hervor.