
Von ihren jahrtausendealten Ursprüngen bis hin zu ihrer Übernahme durch die Luxusbranche – Flip-Flops haben alle Epochen durchlaufen, ohne an ihrer Einzigartigkeit einzubüssen.
Alles beginnt mit einem Geräusch. Dieses trockene, sich regelmässig wiederholende Platsch-Platsch – ein akustisches Signal, das die Modewelt verachtet hat (zu vulgär, zu billig). Trotz aller Bemühungen hat sie Flip-Flops nie den Garaus machen können. Also hat sie sich – aus purer Verzweiflung? – erbarmt: Man sieht die Plastiksandale nun auf den Laufstegen der Modenschauen. Während Luxus traditionell nach Stille strebt (weiche Sohlen, gedämpfte Schritte), sind Flip-Flops das Gegenteil. Sie kündigen jeden Schritt an und zwingen eine fast kindliche Präsenz auf.

V. Chr.
Ein Paar Strohsandalen aus dem Alten Ägypten.
© DEA G. DAGLI ORTI De Agostini via Getty Images
Flip-Flops sind ein Paradoxon: Sie sind der demokratischste Schuh der Welt, aber auch jener, der am meisten spaltet. Ein Stück Gummi, ein Y-förmiger Riemen, und plötzlich teilt sich die Welt in zwei Lager. Auf der einen Seite die Anhänger des nackten Fusses, auf der anderen die Hüter des Tempels der Eleganz, die darin eine Nachlässigkeit sehen, ein Vorbote des Endes der Zivilisation. Die Zehensandale ist so etwas wie der Pyjama für den Fuss: Man liebt sie wegen ihrer Freiheit, man verurteilt sie wegen ihres mangelnden Halts.
Bevor sie zum Albtraum von Podologen und Orthopäden wurde (sie überlastet die Zehen und birgt das Risiko von Sehnenentzündungen), war die Zehensandale dem Adel vorbehalten. Blicken wir zurück in die Vergangenheit: Die Ägypter stellten sie bereits aus Papyrus her, in Japan erlangte der direkte Vorläufer, der Zōri, Bekanntheit. Aus Reisstroh gefertigt und mit Socken getragen, die den grossen Zeh isolierten, war sie das Accessoire der vornehmen Gesellschaft.

1870
Cinq élégantes Japonaises en costume traditionnel portant des Zōri avec des chaussettes qui isolent le gros orteil (le fameux combo tabis-zōri).
© Heritage Art via Getty Images
Ihre Ankunft im Westen erfolgte nach 1945. Die amerikanischen Soldaten, die aus dem Pazifik zurückkehrten, brachten diese seltsamen Sandalen in ihrem Gepäck mit, als Kriegsandenken. Gummi, das Wundermaterial der Nachkriegszeit, ersetzte schnell das Stroh. In den 1950er- Jahren übernahm die amerikanische Mittelschicht dieses «Gartenschuhwerk», um den Rasen zu mähen (Vorsicht vor Verletzungen!) oder am Poolrand abzuhängen. Die minimalistische Sandale wurde in «Thongs» (Englisch für Riemen) umbenannt und zum Symbol eines lässigen Amerikas, das keine Angst mehr hatte, es sich bequem zu machen.

1955
Im Jahr 1945 führten Soldaten, die aus Asien zurückkehrten, die Flip-Flops in den USA ein. Hier trägt sie der US-Schwimmer Yoshi Oyakawa.
© Getty Image, Westend61 GmbH
Eine echte Geldmaschine
Aber wenn die Flip-Flops, wie wir sie kennen, eine offizielle Geburtsurkunde hätten, wäre diese brasilianisch und stammte aus dem Jahr 1962. Damals brachte das Unternehmen Alpargatas die Havaianas auf den Markt. Der portugiesische Name ist eine Hommage an die «Hawaianerinnen», ein weibliches Ideal, das den exotischen Traum der 1960er-Jahre verkörpert.
Die ersten Modelle hatten nichts Glamouröses: eine weisse Sohle, blaue Riemen und einen Preis, der so niedrig war, dass das Produkt zur Uniform der brasilianischen Arbeiterklasse wurde. Der Erfolg war so gross, dass die brasilianische Regierung 1980 die Havaianas zur Inflationskontrolle auf die Liste der Grundbedürfnisse setzte, genau wie Reis oder schwarze Bohnen. Mit dem Komfort des Volkes ist nicht zu spassen!

1962
Gründung der Marke Alpargatas, welche die Havaianas lancierte. Die ersten Modelle besassen einen blauen Riemen und eine weisse Sohle.
© Havaianas
Doch schon vor dieser Adelung kommt 1969 ein Zufall dem Marketing zur Hilfe. Aufgrund eines Produktionsfehlers kommt eine Charge mit grünen statt mit blauen Riemen auf den Markt. Anstatt sie wegzuwerfen, beschliesst das Unternehmen, sie in den Verkauf zu bringen. Der Beginn einer vergleichslosen Erfolgsgeschichte. Die Flip-Flops werden zu einem Modeaccessoire.
In den 1990er-Jahren steigt die Marke in das Premiumsegment ein, lanciert die monochrome Toplinie, schmückt sich mit Swarovski-Kristallen, arbeitet mit grossen Namen wie Missoni oder Jean Paul Gaultier zusammen und betritt schliesslich die roten Teppiche Hollywoods. In 50 Jahren ist die «Pantoffel der Armen» zum Stolz eines Landes und zu einer weltweiten Geldmaschine geworden.
Hayley Edwards-Dujardin, Modehistorikerin und Autorin des Buches «Timeless: A Fashion Anthology», analysiert: «In der Luxusindustrie ist es ein insgesamt recht banales Phänomen, Stücke aus der populären und trivialen Garderobe zu übersetzen, zu reproduzieren und sie sich aneignen zu wollen, um sie zu Objekten der Begierde zu machen.»

1990
Flip-Flops sind an allen Stränden zu finden und werden mit Blumen, Strass und Pailletten verziert.
© Westend61 GmbH / Alamy Stock Photo
The Row, der Luxus des Nichts
Wie Mary-Kate und Ashley Olsen. Mit ihrem Label The Row verwandelten sie letztes Jahr das einfachste Objekt der Welt in eines der absoluten Begierde – und entfachten eine Kontroverse. Ihr Modell Dune, erhältlich als schwarze Zehensandale mit einer feuerroten Innensohle, hat die Verkaufs-zahlen (und die sozialen Netzwerke) explodieren lassen. Mit einem Preis von fast 1000 Franken dienen die Zehensandalen nicht mehr dazu, im Sand zu laufen, sondern die Kunstgalerien von Chelsea zu durchstreifen. Es ist der Triumph des diskreten Luxus, der bis ins Absurde getrieben wurde. Ist es die Qualität des Gummis, die diesen Preis rechtfertigt, oder eher die Botschaft, die damit vermittelt wird?
Man nennt das das Phänomen «Rage Bait»: ein Produkt, das darauf ausgelegt ist, ebenso viel Empörung wie Neid zu wecken, eine Reaktionsfalle. Die Flip-Flops von The Row demonstrieren einen sozialen Status.
Laut Edwards-Dujardin haben die wohlhabenden Schichten lockerere Kleidungs-gewohnheiten angenommen, und die Luxusmarken folgen diesem Trend. Ganz zu schweigen von der Techbranche mit ihrer hohen Kaufkraft, deren Mitglieder einen eher zweckmässigen Look bevorzugen. Es geht auch darum, diese für sich zu gewinnen.

2025
Die amerikanische Modemarke The Row bringt Dune auf den Markt, ein Modell, das in den sozialen Netzwerken viral ging – wegen seines vierstelligen Preises.
© The Row
In diesem Sinne wird die Zehensandale zum idealen Experimentierfeld. Beeinflusst durch den Boom von Athleisure und der zunehmenden Wertschätzung eines gesunden Körpers (die sich nach Covid noch verstärkt hat), etabliert sie sich als ein zugleich praktisches wie symbolisches Kleidungsstück. Doch hinter dieser scheinbaren Leichtigkeit verbirgt sich Kalkül. «Es ist eine Art, die Karte der Grenzüberschreitung zu spielen, ohne ein Risiko einzugehen», so die Modehistorikerin. «Historisch gesehen war es eine disruptive Geste, als die wohlhabenden Schichten sich die Kleidung der unteren Schichten zu eigen machten. Heute führen die Marken diese Praxis fort, weil sie es ermöglicht, Innovation und leichte Provokation zu verbinden.»
Schliesslich verbirgt sich hinter dem ästhetischen Diskurs eine wirtschaftliche Realität. Die Herstellung von Flip-Flops ist einfach und kostengünstig. Und sie ermöglicht es, aufstrebende Märkte in warmen Regionen wie Indien zu erschliessen, die die Luxusbranche aktiv zu erobern sucht.
Da Identitätsfragen derzeit im Trend liegen, stellt sich die Frage: Sollte man im Zusammenhang mit dieser Sandale, die den japanischen Traditionen entlehnt ist, von kultureller Aneignung sprechen? Edwards-Dujardin relativiert: «Die Geschichte der Flip-Flops ist vielschichtig. Flache Sandalen finden sich in vielen Zivilisationen. Es handelt sich eher um eine Verbreitung als um eine eindeutige Aneignung.
Dennoch warnt sie vor vereinfachenden Erzählungen: «Die Gefahr liegt in der Art und Weise, wie Marken diese Objekte erzählen: Man darf weder ihre Geschichte ausblenden noch sie durch exotische oder vom Kolonialismus geerbte Vorstellungswelten fetischisieren.»

2026
Das Label Auralee kombiniert Flip-Flops mit einem dreiteiligen Anzug. Bereit, um das Büro zu erobern!
© Luca Zanoni / gorunway.com
Auch wenn Flip-Flops von den Stränden auf die Laufstege und in Clubs gewandert sind, bleibt noch ein letzter Raum zu er-obern: das Büro. Man hört schon förmlich die Sauggeräusche am Morgen… Getragen zu einem Oversize-Anzug wie bei Auralee oder mit einem ultrastrukturierten Midikleid versucht sie diesen letzten Durchbruch in Richtung professioneller Etikette.
Aber Vorsicht! Die Zehensandale verzeiht nichts. Im Gegensatz zum Mokassin, der verbirgt, oder zum Sneaker, der dämpft, entblössen Flip-Flops alles. Der Fuss zeigt sich in der ganzen zerbrechlichen Pracht seiner Nacktheit. Die goldene Regel ist universell: Eine gründliche Pediküre kann sicher nicht schaden.

