Mieten statt kaufen... Bei Klamotten zum Ausleihen gehen wir gerne fremd - und das mit gutem Gewissen.

Die Samstagnacht in einem wassergrünen, über und über mit Pailletten bestickten Meerjungfrauenkleid im Club durchtanzen? Warum nicht? Das Ganze hat etwas von den 1930er-Jahren, mit Spitzenbesatz, freien Schultern und einem herzförmigen Bustier. Fast wähnt man sich im Film «Babylon» – fehlt leider nur Brad Pitt, den man mit Zigarettenspitze an den Lippen anschmachtet. Für diese Extravaganz aber wirklich das Portemonnaie strapazieren? Denn, mal ehrlich: Wer zieht das Teil noch an, wenn der Überraschungseffekt vorbei ist? Hartgesottene Partygänger setzen zunehmend auf Leihen statt Kaufen, etwa in der Zürcher Boutique Rent-à-porter. Der Mietsektor ist dabei, sich einen festen Platz auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten zu sichern – als Alternative zum Konsumwahn der vergangenen Jahrzehnte. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Freude am Neuen bleibt erhalten, aber ohne gebeuteltes Bankkonto und die mentale Belastung durch überquellende Kleiderschränke.

Unser Verhältnis zum Eigentum ist dabei, sich zu ändern, selbst bei so intimen Dingen wie Textilien. Influencerinnen haben das Tragen von Kleidern, die man nicht besitzt, übrigens salonfähig gemacht. Eine in den sozialen Netzwerken bekannte Genfer Influencerin erzählte neulich von all den Paketen, die vor jedem Shooting bei ihr eintreffen: «Ich leihe mir alles aus», erzählt sie, «und schicke es so schnell wie möglich wieder zurück. Ich hätte mit all den Kleidern in meinem Schrank das Gefühl, zu ersticken!» Wenn es darum geht, die Treue zu halten, hat eine bonbonfarbene Jacke eben meistens das Nachsehen.

Kein Hauch von Secondhand-Muff

Waren es zu Beginn kleine Onlineshops oder Freundinnennetzwerke, springen immer mehr grosse Unternehmen auf den Modezug auf. Dadurch kommen neu Kleidungsstücke aus der aktuellen Saison und Designerstücke auf den Markt, die nichts mit dem früheren Secondhand-Muff gemein haben. Im November hat Bongénie Grieder an der Bahnhofstrasse in Zürich einen ersten Mietcorner errichtet. Das Kaufhaus verfügt nicht nur über landesweit 15 Filialen, sondern auch über 132 Jahre Erfahrung mit Luxusmode. Co-Geschäftsführer Paolo Pitton, der das Unternehmen seit letztem Sommer zusammen mit Familienmitglied Loïc Brunschwig (die fünfte Generation) repräsentiert, betont: «Wir sprechen von 40 Quadratmetern unserer 12 000 Quadratmeter grossen Verkaufsfläche.»

Diese stehen jedoch für Innovation: mit einer Kreislaufwirtschaft zu experimentieren und neue Konsumgewohnheiten zu antizipieren. Pitton verspricht sich auch eine erweiterte Kundschaft – angelockt von der Aussicht, eine Markenbluse ab 75 Franken für fünf Tage sein Eigen zu nennen. «Wir überlegen, wie wir unsere Kunden zu einem verantwortungsvollen Konsum anregen können, ohne dabei ein wichtiges Prinzip aus den Augen zu verlieren: das Vergnügen! Unsere Secondhand-Ecken mit Watchfinder in Genf und Zürich waren ein erster Schritt in diese Richtung. Der Mietbereich ist ein zweiter, und ich kann Ihnen weitere Überraschungen im Laufe des Jahres versprechen.» Die Familie Brunschwig hat auch in ein Start-up mit Sitz in Hamburg investiert, das den vielsagenden Namen Unown (enteignet) trägt. Dieses basiert auf zwei Leasing-Modellen: Die Kunden können sich einzelne Stücke für ein oder zwei Wochen ausleihen oder ein Monatsabo abschliessen, bei dem jeweils sechs Kleidungsstücke inkludiert sind. Man darf gespannt sein, wie das Konzept in der Schweiz aussehen wird.

Die Grossen mischen mit

Trotz der Turbulenzen auf dem Modemarkt sieht die Mietbranche mit einem erwarteten Umsatz von zwei Milliarden US-Dollar bis 2025 positiv in die Zukunft. Die angelsächsischen Länder sind dabei – natürlich! – am wagemutigsten. Das Kaufhaus Selfridges in London gab bekannt, dass es seit dem Start seiner Mietabteilung im Mai 2021 rund 2000 Stücke vermietet hat, die von Stylisten ausgewählt wurden. Auch einige grosse Marken sind dabei. Schliesslich will man vermeiden, dass die Gewinnmarge – wie lange Zeit in der Uhrenindustrie – an findige Zwischenhändler verloren geht. So bietet Ralph Lauren in den USA den Aboservice The Lauren Look an, bei dem jeden Monat einige Stücke zur Verfügung gestellt werden, die man auch kaufen kann, wenn man sich in sie verliebt hat. Diane von Furstenberg, die einen ähnlichen Service anbot, musste ihn nach einigen Monaten jedoch wieder einstellen.


Andrea Baldo, CEO der dänischen Kultmarke Ganni, sprach vergangenen Sommer an der auf Nachhaltigkeit fokussierten Kopenhagener Fashion Week auf einer Podiumsdiskussion von seinen Erfahrungen. Er sei überrascht, wie gut die kleineren physische Läden für Verleihmode funktionieren würden, vor allem in abgelegeneren Ortschaften. «Die Kunden kommen herein, um ein Kleidungsstück, das sie nicht mehr tragen, weiterzuverkaufen, und stellen fest, dass sie unter sich sind, Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft. Sie trinken einen Kaffee und gehen mit einem gemieteten Stück nach Hause … Eventuell bestellen sie sogar noch das fehlende Paar Schuhe aus dem Katalog dazu.» Baldo hofft, dass der Service, der auf Beratung und Austausch beruht, bald überall angeboten wird: «Ich bin sicher, dass jedes Geschäft seine eigene, unverwechselbare Atmosphäre schaffen würde.»


Die Revolution im Kleiderschrank läuft gerade erst an. Und bietet vor allem Unentschlossenen die Möglichkeit der totalen Metamorphose – einer Typveränderung. Warum statt des strengen, klassichen Business-Outfits nicht mal ein romantisches Rüschenkleid ausprobieren? Wer weiss: Vielleicht spiegelt man sich in den Augen seiner Freunde auf einmal als völlig neue Person? Oder greift mit grösserer Gewissheit als zuvor auf seine Lieblingskombi aus Anzug und Bluse zurück.  

Der Markt für Ausleihmode soll bis 2025 auf 2 Milliarden US-Dollar anwaschen

Unsere Adressen in der Schweiz

BG UNOWN bei Bongénie Grieder  

Egal ob Abendkleid, Jacke oder Designertasche: Bongénie Grieder verleiht Kleidung und Accessoires auf Zeit, so lange wie gewünscht.

www.bongenie-grieder.ch/ 

Kleihd.ch

Hier ist der Name Programm: Kleihd führt Ball-, Hochzeits- und Partykleider zum Mieten. Die Leihgebühr für eine Woche liegt zwischen 60 und 120 Franken.

www.kleihd.ch

Share a look

Hier kann man nicht nur Kleidung – vor allem Kleider – ausleihen, sondern auch seine eigenen zum Verleih zur Verfügung stellen. Es gibt auch Monats- und Jahresabos.

sharealook.com


Ragfair

Designerkleidung, Schmuck und Markentaschen: Ab 20 Franken pro Teil kann man das gewünschte Stück für die gewünschte Leihperiode mieten. Zur Wahl steht auch eine Flatrate. Das Unternehmen kooperiert mit Jelmoli.

www.ragfair.ch