In seiner jüngsten Schmuckkollektion für Hermès spielt der Designer Pierre Hardy mit einer radikalen ästhetik, inspiriert von der Pferdewelt.

Mit den Händen in den Taschen betritt Pierre Hardy an diesem sengend heissen Tag die Pariser Büros des Hauses Hermès. Ein Lächeln auf den Lippen, die Augen himmelblau: «Ich liebe den Sommer!», ruft er aus. Auf dem Tisch steht eine elegante (natürlich!) sonnengelbe Schale voller Erdbeeren, eine weitere mit Heidelbeeren und Himbeeren. In diesem traditionsreichen Modehaus weiss man, wie wichtig Details sind, die den Unterschied ausmachen.

Eigentlich war geplant, über die neueste Kollektion der Haute Bijouterie zu sprechen. Doch der Kreativdirektor lässt sich gerne auf Umwege ein, spricht offen, ohne Sicherheitsnetz. Keine Moodboards, die von den Marketingteams bestimmt werden, keine Dialoge, die von einer PR-Agentur gelenkt sind. Stattdessen diese herrliche Freiheit – ein Gut, das in der Luxuswelt eine Rarität geworden ist, die eine kreative Lebendigkeit nährt.

Diesen Sommer hat Pierre Hardy eine prächtige Haute-Bijouterie-Kollektion vorgelegt – die neunte, seit Hermès dieses ultrapreziöse Gebiet erstmals betrat. Der rote Faden ist das Pferd, dargestellt in symbolträchtigen Landschaften, insbesondere den Ebenen des Wilden Westens. Vor der Einführung der Schmucklinie 2010 hatte sich Hardy noch nie mit Edelmetallen und gefassten Edelsteinen auseinandergesetzt. Sein Metier: die Architektur von Objekten. Der ehemalige Tänzer, ein Profi für Körpersprache und was sie ausdrückt, hatte sich bereits mit seinem Gespür für Accessoires, die die Silhouette prägen, einen Namen gemacht.

Seit 1990 entwirft er die Schuhe von Hermès, nachdem er jahrelang Erfahrung bei Dior gesammelt hat. Ganz zu schweigen von seiner eigenen, nach ihm benannten Schuh- und Taschenmarke sowie seiner Zusammenarbeit mit Balenciaga. Seit 2020 entwirft er auch die grafisch gestalteten Schatullen und Verpackungen von Hermès Beauté. Der Schmuck liegt ihm aber besonders am Herzen – ein Feld, in dem Kostbares einen dauerhaften Platz findet … oder vielleicht sogar für die Ewigkeit?

In welche Richtung hat sich Ihre Reise in der Welt des Haute Bijouterie seit der ersten Kollektion entwickelt?

Die allererste war wirklich ein Probelauf. Ich hatte noch nie Schmuck entworfen, Hermès auch nicht. Es entstanden einige symbolträchtige Objekte, fast schon Totems. Die Idee war, zu überraschen: Manchmal wird das Haus als überaus elegant, aber ein wenig kühl und losgelöst von der Realität wahrgenommen. Die erste Kollektion widerlegte diese Vorurteile, indem sie etwas Lebendiges in den Mittelpunkt stellte: das Pferd. Die Stücke waren von der Reitpeitsche und von Hufeisen inspiriert. Die aktuelle Kollektion «Into the Horsescape» – ein Neologismus aus den englischen Wörtern für Pferd und Landschaft – knüpft an die Reitgeschichte an, jedoch auf eine eher romanhafte Weise, in Kapiteln.

Welches Schmuckstück verkörpert den Geist der Kollektion für Sie besonders stark?

Da fallen mir gleich mehrere ein. Ich liebe die Halskette «Centaure» im Torque-Stil aus Roségold mit Fassungen, an deren Enden schwarze Jade-Cabochons in Hufform geschliffen sind. Und auch dieses «Kleidungsschmuckstück» (Seite 36, Anm. d. Red.), eine Art Brustpanzer, der sich hinten kreuzt und an der Taille gebunden wird. Hier bewegen wir uns an der äussersten Grenze des Schmucks. Diese archaische, archetypische Form nimmt einen mit auf eine Zeitreise: Es sieht fast wie ein babylonisches Objekt aus, so puristisch ist es. Ich mag diese ziemlich radikale minimalistische Ästhetik sehr. 

In der Linie Apparat greift dieser voluminöse Ring die Form eines mit Diamanten besetzten Pferdekopfes auf.

Auf den ersten Blick wirkt der Schmuck barock, noch geometrisch.

Nichts ist geometrischer als der Schliff eines Edelsteins: Das ist pure Geometrie, bis zum letzten Nanomillimeter. Der Glanz entspringt dieser Perfektion. Die meisten Schmuckstücke sind symmetrisch, in Anlehnung an den Körper.

Inwiefern hat sich Ihre Beziehung zu Edelsteinen verändert? Schliesslich ist Schmuck nicht Ihr ursprüngliches Betätigungsfeld.

Ich nähere mich dem Stein mit den Mitteln eines bildenden Künstlers: Farbe, Form, Volumen, räumliche Anordnung – nicht wie ein Gemmologe, schliesslich bin ich keiner. 

Gab es !uberraschungen?

Die grösste Überraschung war, dass letztlich nur wenig unmöglich ist. Man könnte meinen, dass die extreme Kostbarkeit, die Präzision und die Raffinesse unüberwindbare Einschränkungen mit sich bringen. Aber nein! Genau darin liegt der Reiz meiner Arbeit: Das Design ermöglicht es, Lösungen zu finden, die mit den Eigenschaften von Metall und Stein spielen, um das Schmuckstück geschmeidig, stabil und nicht zu schwer zu gestalten.

Die Zeichnung ist der Ausgangspunkt Ihrer gesamten Arbeit.

In der Tat. Aber ein grosser Teil der Forschungsarbeit für eine Kollektion hängt von den verfügbaren Edelsteinen ab. Wenn man mir sagt, dass ich kein Blau verwenden darf, weil die Herkunft des Saphirs nicht ermittelt werden kann, dann machen wir eben einen Grünverlauf. Das erinnert ein wenig an den Satz von Picasso: Wenn ich kein Blau mehr habe, nehme ich Rot. Abgesehen von diesen Unwägbarkeiten sind die Entwürfe selbst sehr präzise.

In der aktuellen Kollektion trägt die Frau oft Attribute des Pferdes: den Sattel, das Gebiss, das Geschirr – in gewisser Weise verkörpert sie das Pferd.

In dieser Verschiebung liegt eine grosse Mehrdeutigkeit, ein sinnliches Spiel. Ich würde sagen, dass sich die Frau die Kraft und die Magie des Tieres oder derer, die es zähmen, zu eigen macht. Die Schmuckstücke verschmelzen mit dem Körper, sie verwandeln sich durch die Art und Weise, wie sie auf der Haut platziert werden.

Reiten Sie selbst?

Nein. Ich betrachte Pferde aus der Ferne, finde sie aber wunderschön. Die Proportionen sind sehr beeindruckend: die Augen, das Maul … Der Anthropomorphismus spielt natürlich eine Rolle. Alles, was man an einem Tier erkennt, das menschlich sein könnte, ist beeindruckend.

Armreif aus Weissgold und Diamanten aus der Kollektion Étreintes, bei dem die geschwungenen Linien der Reitzaumteile ineinandergeflochten sind.

Um für Hermès zu arbeiten, muss man also keinen Reitunterricht nehmen.

Die gelebte Erfahrung ist nicht die einzige Art, sich der Realität zu nähern (lacht). Ich glaube fest an die Kraft des Verstandes. Ich habe diesen etwas mythologischen Film im Kopf, eine Reise auf dem Pferderücken durch die Ebenen Argentiniens oder durch Montana. 

Was ist die Verbindung zwischen Schuhen, Make-up und Schmuck?

Im Grunde interessiert mich jedes Mal, mit dem Körper zu kommunizieren. Der Tanz hat mir ein enormes Körperbewusstsein vermittelt. Ich denke beim Zeichnen nicht darüber nach, aber ich verstehe intuitiv, wie ein Objekt mit dem Körper zusammenwirkt. Ein Ring kann mehr oder weniger einschränken. Genau wie ein Schuh: Wie weit muss man die Ferse nach oben schieben, damit er zum Bein passt? Nur wenige Accessoires verändern die Körperhaltung und das Selbstbewusstsein so sehr. Diese Fragen faszinieren mich.

Bei der Herbstmodenschau für Herren sah man eine der Broschen am Revers eines Jacketts. Führt die Brosche hier zu einer veränderten Körperhaltung?

Das Stück war als Hinweis gedacht, als kleiner Vorgeschmack auf die Schmuckkollektion. Es handelte sich um einen Stiefel und ein Lasso – Motive aus dem Rodeo. Ich liebe den Cowboystil in Kombination mit Edelsteinen. Manche Stücke sind sehr feminin. Andere sind freier und fliessender. Aber ich entwerfe keinen Schmuck speziell für Männer. Ich finde es schön, wenn ein Mann sich den Schmuck seiner Partnerin ausleiht: Diese Geste muss eine Bedeutung haben. 

Wie sieht die Zusammenarbeit mit Nadège Vanhée aus, der künstlerischen Leiterin der Damenkonfektion?

Wir arbeiten völlig getrennt voneinander. Die Gründe dafür sind struktureller Natur: Die Präsentationszeitpunkte sind nicht dieselben, ebenso wenig die erzählten Geschichten. Und die Herausforderungen sind unterschiedlich: Konfektionsmode muss im Moment begehrenswert sein, das Angebot wird drei oder sechs Monate später erneuert. Ich weiss nicht, wie lange ein Schmuckstück Bestand haben wird, wie lange es geliebt wird, aber ich hoffe, dass es für die Ewigkeit ist. Nadège wählt für ihre Modenschauen den Schmuck aus, der mit der Geschichte ihrer Kollektion im Einklang steht.

Gleichzeitig müssen sich Ihre Erzählungen miteinander verflechten.

Natürlich bewegen wir uns auf demselben Planeten, der Hermès heisst. Aber jeder erkundet ihn auf seine eigene Weise, ohne vorgegebene Regeln. Das ist ein wunderbares Privileg.

Sie erkunden diesen Planeten seit 36 Jahren! Was bereitet Ihnen jeden Morgen beim Aufstehen Freude?

Ich bin stolz auf die Treue, die mir entgegengebracht wird. Das schönste Kompliment, das man einem Designer machen kann, ist, ihm Vertrauen auszusprechen. Ich habe bei Hermès noch nie einen Marketingleiter getroffen.

Wirklich nie?

Ich bin dafür da, Denkanstösse zu geben und Fantasiewelten zu erschaffen. In einem zweiten Schritt wird das Ganze natürlich rationalisiert. 

Und bei den Make-up-Artikeln?

Ich arbeite mit Gregoris Pyrpylis zusammen, dem Kreativdirektor von Hermès Beauté. Da ich aber kein Visagist bin, entwerfe ich lediglich die Schatullen und Verpackungen. 

Ihnen ist es gelungen, Verpackungen zu entwerfen, die man wie Schmuckstücke aufbewahren möchte.

Das war am Anfang so etwas wie meine Obsession: Wie kann man sich in einer so übersättigten Welt von anderen abheben? Man muss bei null anfangen, alles vergessen, was man zu wissen glaubt, und reduzieren. 

Was uns wieder zum Schmuck bringt…

… und zur Beziehung zum eigenen Körper. Manche Frauen lieben es, das Schmuckstück zu spüren, andere vertragen nur das ganz Federleichte.

Die Brosche aus der Linie Lasso Disco, die im Juni bei der Herrenmodenschau erstmals vorgestellt wurde, zeigt Stiefel, einen Cowboyhut und ein Lasso – der Geist des Wilden Westens in Gold und Diamanten.


 In der Linie Apparat umschlingt dieses mit weissen Diamanten besetzte Körperjuwel aus Roségold die Taille und umgibt das Dekolleté mit einem geschmeidigen Geflecht. Diese Linie der Schmuckkollektion erinnert an die Verzierungen, mit denen manchmal Pferde geschmückt werden.

Gibt es Körperbereiche, die schwieriger zu schmücken sind als andere?

Man kann bei der Erkundung des Körpers natürlich sehr weit gehen, aber in meinem Spektrum, dem eines Luxuslabels, würde ich sagen, dass die Ohren ein kompliziertes Terrain sind, da jede Ohrform anders ist. Auch Körperschmuck stellt eine interessante Grenze dar: eine Kette, die beispielsweise vom Hals bis zur Taille reicht. Zwischen Verführung, Erotisierung und Fetischismus muss man den Mittelweg finden. Und es wagen, ein wenig zu weit zu gehen, damit der Effekt neu und überraschend ist.

Wie wichtig sind die Farben von Edelsteinen?

Ich bin überhaupt nicht esoterisch, aber ich glaube, dass bestimmte optische Schwingungen in meine Netzhaut eindringen und eine rein physiologische Wirkung hervorrufen. Die Lichttherapie ist keine Zauberei: Manche Menschen reagieren empfindlicher als andere auf Lichtwellen, die das Körperliche beeinflussen können.

Tragen Sie Schmuck?

Nichts, ausser ganz persönlichen Dingen wie einem Ehering. Aber ich finde Schmuck an manchen Männern sehr schön, und zwar in den unterschiedlichsten Stilrichtungen – vom aristokratischen Look über den Dandy-Stil bis zum Biker-Look. Aber nicht an mir.


Ebenfalls aus der Apparat-Kollektion stammt dieser voluminöse Ring, der die Form eines Sattels aufgreift und aus Roségold und schwarzer Jade besteht, wobei das Weissgold mit weissen Diamanten sowie zwei braunen Diamanten besetzt ist.

Und Ihre Garderobe?

Ich kleide mich sehr, sehr schlicht. Hemd, Polohemd, Pullover. Einfarbig. Minimalistisch. Niemals Muster, die sind mir zu unruhig. Höchstens ein Streifen – für mich der Gipfel der Exzentrik. 

Zeichnen Sie auch ausserhalb der Kollektionen?

Immer weniger. Eine Zeit lang dachte ich, ich würde eines Tages Maler werden … Aber nein. Man muss sich der Realität stellen.

In der heutigen Welt, die gezeichnet ist von Instabilität, Kriegen und der Klimakrise: Welchen Sinn können Luxus und das Schöne haben?

Wie Musik, Tanz oder Museen ermöglicht uns das Handwerk, lebendig zu bleiben. Schönheit erhebt uns. Wir dürfen auf keinen Fall aufhören, sie zu pflegen. Aber es stimmt, wir balancieren auf einem schmalen Grat. Paradoxerweise blühte der Luxus in dunklen Zeiten oft auf, die Menschen achteten auf ihre Kleidung. Das hängt zweifellos mit unseren inneren Widersprüchen zusammen, mit einem Überlebensreflex, mit einem Bedürfnis nach Menschlichkeit.