
Angetrieben vom Revival der 1980er-Jahre setzt sich die Kombination aus Gold und Stahl, aus Edlem und Funktionalem, erneut durch.
Im vergangenen April verweilt eine Gruppe junger Frauen vor dem eleganten Bvlgari-Stand auf der Genfer Uhrenmesse Watches & Wonders. Neugierig blicken sie in die filigrane Vitrine mit der neuen Kollektion Serpenti Tubogas Studs Capsule: ein flexibles Armband, Nietenmuster, mit Diamanten besetzte Perlmuttzifferblätter. «Oh, das ist genau die Uhr, die ich brauche. Ein echtes Revival-Modell.» Revival. Das Wort ist gefallen. Und es sagt vielleicht alles über die Rückkehr eines grossen Trends aus: die Zweifarbigkeit.
Lange Zeit mit den 1980er-Jahren und protzigem Luxus assoziiert, kehrt sie heute ins Rampenlicht zurück. Dabei geht es nicht darum, frühere Modelle eins zu eins nachzuahmen. «Seit einigen Jahren gibt es ein echtes Interesse an der Kultur von gestern», stellt Gislain Aucremanne, Direktor und Kurator der Abteilung Heritage bei Bvlgari, fest. «Die Vergangenheit schenkt Sicherheit. Man greift die Schlüsselelemente von gestern oder ihre Ikonen auf und interpretiert sie neu.» Das Phänomen ist auch generationsbedingt. «Die Jüngeren entdecken eine Epoche, die sie selbst nicht erlebt haben; die Älteren blicken zurück auf eine Zeit, die man geliebt hat.» Die 1980er-Jahre sind ein gutes Beispiel dafür: Lange Zeit verpönt, sind sie heute wieder zu einer Inspirationsquelle geworden.
Das Prinzip der Zweifarbigkeit ist simpel: zwei Materialien mit gegensätzlichen Eigenschaften in einen Dialog zu bringen. Gold ist kostbar, warm und leuchtend, Stahl ist kalt, grafisch und funktional. Nebenbei ermöglicht der – wenn auch nur punktuelle – Einsatz eines günstigeren Materials, die Kosten für Luxusschmuckstücke im Rahmen zu halten.
Bei Bvlgari hat die Kombination eine lange Tradition. Das Haus vereinte bereits in den 1930er-Jahren unterschiedliche Metalle, sowohl in der Schmuckherstellung als auch in der Uhrmacherei. In Kriegs- und Rationierungszeiten resultierte die Praxis aus der Frage: Wie kann man weiterhin kreativ sein, wenn bestimmte Ressourcen, insbesondere Farbedelsteine, schwer zu beschaffen sind? «In herausfordernden Zeiten bedeutet ein Mangel an Ressourcen nicht gleich ein Mangel an Kreativität. Im Gegenteil: Man erfindet Neues, gleicht Defizite aus und findet andere Wege», erklärt Aucremanne.
In den 1970er-Jahren war Stahl zudem eine ästhetische Wahl. «Man wählte Stahl wegen seines Glanzes, aber auch, um avant- gardistisch zu sein», fährt er fort. Seine Farbe ermöglicht es, einen deutlicheren Kontrast zum Gold zu schaffen. «Wenn man Weissgold mit Roségold mischt, ist der Farbunterschied nicht besonders auffällig. Das ist der Grund, warum wir uns für Stahl entscheiden, der nicht weiss ist.» Dieser Ansatz findet heute Ausdruck in der Linie Gold & Steel, in den Kreationen B.zero1 und Bvlgari Tubogas, aber auch in der Uhrenkollektion Serpenti Tubogas Studs Capsule. Das Duo wird zu einem echten ästhetischen Vokabular.
Auch andere renommierte Häuser pflegen diese Kombination: Rolex hat sie seit 1933 unter dem Namen Rolesor zu einem seiner Markenzeichen gemacht. Die neue Oyster Perpetual 41 zeigt eine zurückhaltende Interpretation davon: Gelbgold kommt nur an der Lünette und in der Krone zum Einsatz, während Gehäuse und Armband aus Oystersteel bestehen. Bei Chopard kombiniert die Alpine Eagle 33 den Lucent Steel, eine exklusive Legierung des Hauses, mit ethisch gewonnenem Gelbgold. Gehäuse und Armband bestehen aus Stahl, während Gold bestimmte Details hervorhebt. Piaget seinerseits interpretiert die Swinging Sautoirs von 1969 mit der Uhr Sixtie neu – in einer Version, die Stahl und Roségold vereint und die Grenze zwischen Uhrmacherkunst und Schmuckdesign aufhebt.
Mehr ist mehr
Bei jeder Marke sieht die Kombination anders aus: sportlich bei Chopard, traditionsbewusst bei Rolex, festlich bei Piaget, experimentell bei Bvlgari. Dieselbe Idee, aber unterschiedliche Auslegungen.
Das Phänomen geht übrigens weit über die Uhrenindustrie hinaus: In der Schmuckbranche ist die Kombination verschiedener Metalle mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Gelb-, Rosé- oder Weissgold, Silber und Edelstahl werden gemeinsam getragen, wo früher der gute Geschmack vorschrieb, nichts zu vermischen. Ringe werden gestapelt, Armbänder übereinandergelegt, Ketten kreuzen sich. Schmuck wird weniger aus Gründen der Harmonie ausgewählt als vielmehr als Ausdruck der Persönlichkeit.
Keines der Materialien versucht mehr, das andere zu dominieren. Der Reiz liegt gerade in ihrer Gegensätzlichkeit. Die Retro-Ästhetik wird durch das Prisma der Gegenwart betrachtet. Darin liegt auch die Modernität der Zweifarbigkeit: Sie reproduziert nicht, was schon einmal war, sondern weiss, was erhaltenswert ist, und interpretiert es neu.

Glamourös
Die Stahlgeflechte des berühmten Cable-Armbands enden in zwei Teilen aus Gelbgold.
David Yurman Classic Cable Armband, Edelstahl und Gelbgold, ab ca. 900 Fr.

Chic
Sie lässt die 1970er-Jahre durch ihre Form wieder aufleben, die zwischen Trapez, Quadrat und Kissenform schwankt.
Piaget Sixtie, Quarzuhrwerk, Edelstahl und Roségold, 12 500 Fr.

Zeitlos
Zwei Materialien, eine legendäre Uhr: Wie gemacht für ein 100-Jahr-Jubiläum.
Rolex Oyster Perpetual 41, Automatikuhrwerk, Oystersteel-Edelstahl und Gelbgold, 9350 Fr.

Kühn
Hier verschmelzen juwelierisches Know-how und stilistische Kühnheit zu einer Einheit.
Bvlgari Tubogas, Edelstahl und Gold, 12 500 Fr.

Kostbar
Das Design ist von der Pracht der Alpen und des Adlers inspiriert.
Chopard Alpine Eagle 33, Automatikuhrwerk, ethisch gewonnenes Gelbgold und Lucent Steel, 22 100 Fr.

