Ehemalige Spitäler, Kirchen und fabriken strahlen in neuem Glanz.

1. Essen, DE

Industriedenkmal Zollverein

Der Ort Die Region ist zwar weder die idyllischste noch die touristischste Deutschlands, aber wenn es einen Grund gibt, das Ruhrgebiet zu besuchen, dann ist es dieser: der Zollverein, ein riesiges ehemaliges Kohlebergwerk. Die Superlative überschlagen sich: «Schönste Zeche des Ruhrgebiets», «Kathedrale der Industriekultur» – zumindest bis 1986. Das Gelände wurde unmittelbar nach seiner Schliessung unter Denkmalschutz gestellt und später zum Weltkulturerbe erklärt. Nach und nach entstanden Einrichtungen zwischen der ehemaligen Giesserei und den gigantischen Hallen: mehrere Restaurants – darunter das beliebte «Casino» –, ein Museum über die Geschichte und die Kultur des Ortes, ein Schwimmbad, eine Eislaufbahn, ein Hotel und mehrere Geschäfte.

Und sonst noch? Liebhaber schöner Objekte mit einer besonderen Seele kommen hier voll auf ihre Kosten: Das Red Dot Design Museum – im ehemaligen monumentalen Heizhaus – bietet die grösste Ausstellung für zeitgenössisches Design.

www.zollverein.de

2. Burgund, FR

Les Sources de Vougeot

Der Ort Am Anfang stand die Vinotherapie, also die Verwendung von Trauben in der Kosmetik, und die von Mathilde Thomas gegründete Marke Caudalie. 1999 kamem die «Sources de Caudalie» hinzu. Ein Ort des Wohlbefindens im Herzen der Region Bordeaux, auf dem fruchtbaren Land des Weinguts Château Smith Haut Lafitte. Im Jahr 2020 folgte «Les Sources de Cheverny», mitten im Loiretal. Sechs Jahre später gehen nun die «Sources de Vougeot» an den Start, diesmal im Burgund. In diesem majestätischen ehemaligen Priorat, das im 14. Jahrhundert gegründet und unter Denkmalschutz gestellt wurde, entfaltet sich fortan der ganze Zauber von Caudalie: ein Fünfsternehaus, ein Gourmetrestaurant und – natürlich – ein Caudalie-Spa. 

Und sonst noch? Nicht verpassen: einen Ausflug in die nahegelegene Kleinstadt Beaune. Die Hauptstadt der Burgunderweine bezaubert mit unglaublichem Charme. Und sei es nur, um die berühmten Hospices zu bewundern, deren bunte Dachziegel eines der Wahrzeichen der Region sind.

www.sources-hotels.com/bourgogne

3. Basel, CH

Ehemaliges Spital Felix Platter

Der Ort Ein Hauch von «Cité radieuse»: Das ehemalige Felix-Platter-Spital sollte abgerissen werden, bevor die Behörden – unterstützt vom Schweizer Heimatschutz – sein Potenzial erkannten. Das Zürcher Architekturbüro Müller Sigrist wandelte es in ein preisgekröntes Wohnhaus um. Als «vertikales Dorf» ist das Gebäude eine Ode an Corbusier. Neben 134 Wohnungen – einige im Luxussegment, andere erschwinglicher – verfügt das Gebäude über eine für alle zugängliche Dachterrasse, aber auch über eine Kindertagesstätte, einen Sportclub, ein Restaurant und einen Lebensmittelladen. Mit seiner Akkordeon-fassade aus Beton ist das Gebäude (1962 - 1967 erbaut) ein Leuchtturm des Stadtteils Westfeld.

Und sonst noch? Das Westufer des Rheins hält einige schöne Überraschungen bereit, etwa den Novartis-Pavillon, der wie ein glänzendes Ufo wirkt. Er ist für die Öffentlichkeit zugänglich und beherbergt ein Café sowie ein Museum, das den Wundern der Medizin gewidmet ist.

www.campus.novartis.com

4. London, UK

Hotel L’oscar London

Der Ort Eine verspiegelte Theke, tiefblauer Samt und mit Schmetterlingsflügeln verzierte Wasserhähne –  in diesem Boutiquehotel in unmittelbarer Nähe von Covent Garden wird geklotzt und nicht gekleckert. Nicht verwunderlich, hat doch der Stardesigner Jacques Garcia für das Interieur verantwortlich gezeichnet. Einst war hier der Londoner Sitz der Baptistenkirche untergebracht. Allerdings deutet nichts mehr darauf hin, ausser den Terrakottatafeln mit biblischen Motiven, Relikte einer anderen Zeit. Das Weihwasser wurde durch den Scarlett Whisper ersetzt (ein Hauscocktail auf Bourbon-Basis). Lebemann Oscar Wilde hätte es geliebt!

Und sonst noch? Wenn man schon den Ärmelkanal überquert, sollte man auf alle Fälle dem Afternoon Tea im «L’oscar» frönen. Er wird jeden Tag von 14.30 bis 17 Uhr offeriert. Konservative Gäste greifen zu Gurkensandwiches und den Tees der Marke Newby, die weltweit am häufigsten ausgezeichnet wurden. Abenteuerlustigere gönnen sich ein Glas Champagner und einen Croque-Monsieur mit Trüffel.  

www.loscarlondon.com/fr

5. Berlin, DE

Hamburger Bahnhof

Der Ort Wie der Name schon sagt, war der Hamburger Bahnhof im Berliner Stadtteil Mitte einst ein Bahnhof und Endstation der Strecke zwischen Hamburg und der deutschen Hauptstadt. Heute ist er der letzte Sackbahnhof Berlins und beherbergt seit 1996 das Museum für moderne Kunst. Das weitläufige neoklassizistische Gebäude, das 1846 eingeweiht wurde, sah nicht lange Reisende vorbeiziehen. Der Personenverkehr wurde bereits 1884 eingestellt. Eine Zeit lang war es ein bescheidenes Verkehrsmuseum, das etwas vernachlässigt und im Zweiten Weltkrieg beschädigt wurde. 1996 beherbergte das Gebäude eine erste Sammlung zeitgenössischer Kunst und wurde 2004 unter der Leitung der deutschen Architekten Wilfried Kuehn und Simona Malvezzi erweitert und renoviert.

Und sonst noch? Die Einrichtung feiert dieses Jahr ihr 30-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass finden acht Wechselausstellungen statt, von Giulia Andreani (bis zum 13. September) bis hin zu Sophie Calle (vom 13. November 2026 bis zum 2. Mai 2027).

www.smb.museum

6. Saint-Ursanne, CH

Hôtel de la Cigogne

Der Ort Ein kleines Juwel unter den Hotels, eingebettet im Herzen der mittelalterlichen Kleinstadt Saint-Ursanne. Vor zwei Jahren in einem ehemaligen Wohnhaus der bürgerlichen Notabeln eröffnet, füllt das «la Cigogne» mit seinen zwölf dezent luxuriösen Zimmern – die Eigentümer bevorzugen den Begriff «intim» – eine Lücke im Bereich der gehobenen Unterkünfte in der Region. Das Gebäude liegt gegenüber der imposanten Stiftskirche und nur wenige Schritte vom Doubs entfernt und verfügt neu über einen skandinavisch inspirierten Wellnessbereich, der auch für Nicht-Gäste des Hotels zugänglich ist.

Und sonst noch? Die Kleinstadt Saint-Ursanne ist zwar für ihre gut erhaltene Architektur bekannt – ach, dieser Postkartenblick von der Saint-Jean-Brücke über den Doubs! –, die gesamte Region birgt aber auch eine Fülle gastronomischer Köstlichkeiten, von der Ajoie-Wurst bis zur Damassine. Nur einen Katzensprung entfernt liegt Belelay, die Hochburg des legendären Käses Tête de Moine. Dort findet vom 1. bis zum 3. Mai das grosse Fest ihm zu Ehren statt.

www.hoteldelacigogne.com

7. Solothurn, CH

Das Areal Attisholz

Der Ort Das Gelände war lange Zeit die grösste leer stehende Industriebrache der Schweiz. Hier, am Ufer der Aare in der kleinen Gemeinde Riedholz, produzierte eine Fabrik fast 130 Jahre lang Zellulose, bevor die Maschinen 2008 zum Stillstand kamen. Bis 2045 sollen dort 140 Wohnungen und mehr als 1000 Arbeitsplätze entstehen. Bis dahin belebt ein ganz neues Ökosystem den Ort: unter anderem das Restaurant «1881 Kantine», das Hotel «Château Attisholz» und ein (ziemlich spektakulärer!) Spielplatz. An schönen Tagen laden die weitläufigen Boulevards zwischen den Industriegebäuden, die mit bunten Graffitis verschönert sind, mit gemütlichen Terrassen und kulturellen Veranstaltungen zum Verweilen ein und ziehen die Menschenmassen an.

Und sonst noch Ein kleines Fondue auf dem Wasser? Oder lieber ein Entrecôte à la parisienne? Die in Solothurn ansässigen Flussfähren von Oüfi bieten das ganze Jahr über verschiedene Pauschalangebote und Veranstaltungen an.

www.solothurn-city.ch

8. Mailand, IT

Base Milano

Der Ort Das Unternehmen Ansaldo, einst das Aushängeschild der italienischen Industrie, stellte früher Eisenbahnmaterial her. Heute hat das Klirren von Gläsern das Geräusch der Lötkolben abgelöst. Als kultureller Hotspot beherbergt Base Milano einen Gastronomiebereich, das «BistroBase», der vor allem bei lokalen Persönlichkeiten beliebt ist, eine Künstlerresidenz sowie verschiedene Ausstellungs- und Veranstaltungsorte.

Und sonst noch? Weit entfernt vom hippen Stadtteil Brera, vom Dom oder vom Modeviertel, in dem sich alle Luxusmarken tummeln, offenbart sich zwischen der Porta Genova und der Porta Ticinese ein etwas zwielichtiges, aber nicht minder spannendes Mailand. Das Kanalviertel – Navigli genannt – ist der ideale Ort, um einen Aperitif zu geniessen, ein Mailänder Schnitzel zu probieren (zum Beispiel im «Maison Borella») oder in den Markthallen der Darsena die besten gastronomischen Spezialitäten der Region zu entdecken.

www.base.milano.it

9. Basel, CH

Das Quartier Dreispitz

Der Ort Im ehemaligen Freihafengebiet Dreispitz ist ordentlich was los: Die Lagerhallen werden aufgestockt oder komplett umgestaltet. Derzeit werden im Norden des Areals drei monumentale Türme vom Büro Herzog & de Meuron hochgezogen, im Sommer 2027 eröffnet das längste Naturschwimmbad der Schweiz (170 Meter lang, siehe Bild oben). Bereits jetzt beherbergt das Areal das Haus der Elektronischen Künste und das Kabinett, ein Gebäude aus Beton und Holz, das ebenfalls von den Basler Stararchitekten entworfen wurde. In den oberen Etagen befinden sich Wohnungen, aber auch das gesamte Archiv der berühmten Architekten.

Und sonst noch? Ein Abstecher zum neuen Kunsthaus Baselland in Münchenstein, das sich ebenfalls auf dem Dreispitz-Areal befindet? Die 2024 in einem sanierten ehemaligen Champagnerlager eröffnete Institution für moderne Kunst ist im Rennen um den Europäischen Museumspreis 2026. Wir drücken die Daumen!

www.basel.com, www.kunsthausbaselland.ch

10. Zurich

B2 Hotel Hürlimann-Areal

Der Ort Selbst das feinste Näschen nimmt keinen Hauch von Hopfen wahr – und doch: Hier, nur einen Steinwurf vom Bahnhof Zürich Enge entfernt, floss fast 130 Jahre lang Bier in Strömen. Die Brauerei Hürlimann hat den Ort schon vor langer Zeit verlassen, doch die riesigen leer stehenden Flächen ermöglichten nicht nur die Einrichtung des stilvollen Boutique-hotels «B2» (entworfen von der Architektin Ushi Tamborriello), sondern auch des Hürlimannbads, eines Thermalzentrums. Auf dem Dach der ehemaligen Fabrik ist der Blick auf die Stadt und auf den See spektakulär, während die Becken und die Gewölbekeller eine fast mystische Atmosphäre bieten.

Und sonst noch? Nach einer kleinen Joggingrunde entlang der Uferpromenade – die Sihl fliesst am Hürlimann-Quartier entlang, bevor sie in Richtung Hauptbahnhof plätschert und der Limmat Platz macht – warum nicht einmal den ehemaligen Maschinenraum besuchen? Jeden Montag- und Mittwochvormittag findet in dem imposanten Raum eine Yogastunde statt.

www.b2hotel.ch

Neues Programm in alten Kinosälen

Kurz gesagt: Netflix ist schuld. Die Fakten und Zahlen sprechen für sich. Aufgrund eines massiven Rückgangs der Besucherzahlen, der grösstenteils auf den Vormarsch von Streamingdiensten zurückzuführen ist, leeren sich die Kinosäle nach und nach. So fielen die Kinobesucherzahlen im Jahr 2025 landesweit unter die Zehnmllionenmarke.

Ein trauriger historischer Tiefstand (minus acht Prozent gegenüber 2024), abgesehen von der Pandemiezeit. In der Westschweiz belief sich der Rückgang sogar auf 15,6 Prozent. Die Folge dieser wachsenden Unbeliebtheit: Auf beiden Seiten der Saane schrumpfen die Kinos wie ein Schwamm, und nur wenige widerstandsfähige Multiplexe (die ihrerseits zum Rückgang der kleinen, unabhängigen Kinos beigetragen haben) schaffen es, sich über Wasser zu halten.

Ungewöhnliche Räumlichkeiten, oft geräumig und mit einem gewissen architektonischen Charme, meist im Herzen der Städte gelegen, stehen plötzlich leer. Ein Glücksfall für Immobiliensuchende. Viele Orte wurden aufgrund ihrer Beschaffenheit in Kulturstätten oder Veranstaltungsräume umgewandelt, wie das Alhambra in Genf. Manchmal jedoch, was noch überraschender ist, in Hörsäle.

Das Kino Alhambra in Bern wurde zur Uni Alhambra, die Platz für 364 Medizinstudenten bietet. Oder in Einkaufszentren – das ehemalige Cine Qua Non in Lausanne beherbergt nun ein Fooby. Viele alte Lichtspielhäuser stehen jedoch leer oder werden nur sporadisch genutzt, während sie auf eine Umnutzung warten. Die Kinosäle erleiden das gleiche Schicksal wie viele Kultstätten vor ihnen, die sich angesichts sinkender Besucherzahlen neu erfinden mussten.

Während sich ehemalige Klöster oder Klosteranlagen in Luxushotelkomplexe verwandelt haben (wie «Les Sources de Vougeot» auf Seite 39), haben andere in bescheidenerer Weise ihren Betrieb reduziert und bieten nun Gastronomie und Zimmer für Durchreisende, Meditationsretreats oder Musikveranstaltungen an. So wie das Kloster St. Johann in Müstair, das zum Weltkulturerbe gehört, oder die ehemalige Abtei von Kappel.