Als Anhänger zeitloser Eleganz pflegt der französische Designer seine Liebe zu historischen Anspielungen und edlen Materialien.

Am Anfang stand ein Stuhl. Im Jahr 2000 entwarf der junge Designer Patrick Norguet ein Modell aus mehrfarbigem Kunstharz, das schon bald im Schaufenster von «Colette», dem berühmten Pariser Concept Store, ausgestellt wurde. Cappellini, ein grosser Name der Mailänder Designszene, entdeckte und produzierte ihn umgehend.

Der Ritterschlag: Das MoMa in New York nahm ihn in seine Sammlung auf. Puh! Keine Zeit zum Verschnaufen – die Karriere war ins Rollen gekommen. Seitdem hat der 57-Jährige zahlreiche weitere Stühle entworfen, aber auch Ausstellungsinszenierungen für Luxusmarken, filigrane Objekte und andere Möbel – wie das Modell «Ozzy» (grosses Foto) für Flexform, eine italienische Referenz für exzellentes Handwerk.

In seinem Atelier im Herzen von Paris arbeitet der vielseitige Kreative in einem kleinen Team von vier Personen mit einer einzigen Obsession: das Überflüssige loszuwerden, um das Wesentliche zur Geltung zu bringen.


Wie sieht Ihr Arbeitsablauf aus?

Wenn ich morgens im Atelier ankomme, öffne ich das Tor zur Strasse und halte meine Ideen in einem grossen schwarzen Moleskine-Notizbuch (Foto) fest. Ich denke mit einem Bleistift in der Hand: Das Zeichnen, die Skizze, ist immer der erste Schritt.



In Ihren beiden Möbelkollektionen für Flexform kommt viel Leder vor.

Es ist ein Material, das mir sehr am Herzen liegt, da es Eleganz und Tradition verkörpert. In der Kollektion Louise (Foto)  wird es im Sattlerstil verarbeitet, um die Struktur zu veredeln. Mir gefällt, dass Leder eine Patina entwickelt und Pflege erfordert.




Der Kragen des Sessels Ozzy erinnert an die Mode. War sie eine Inspiration?

Als ich ihn entwarf, las ich «L’Histoire des modes et du vêtement» (Foto) von Denis Bruna und Chloé Demey. Es ist faszinierend, zu sehen, inwieweit Kragen – ob aus Spitze oder nicht – eine soziologische Funktion hatten. Ein Zeichen der Zugehörigkeit.


Und was tragen Sie persönlich? 

Ich habe immer weniger Lust auf Konsum, kaufe wenig Neues. Aber ich verfolge aufmerksam die Nischenmarke Husbands (Foto), ihre Anzüge erinnern an die Pariser Eleganz der 1970er-Jahre. Ein bisschen wie Alain Delon damals.



Was verschenken Sie?

Ein Objekt, das aus kulturellem Know-how entsteht, mit einer Geschichte und dem Streben nach Perfektion. Das ist wahrer Luxus. Die Tank-Uhr von Cartier (Foto) ist zum Beispiel ein Geschenk für die Ewigkeit.


Was bedeutet Luxus für Sie?

Luxus bedeutet für mich Kostbarkeit, Zeit und handwerkliches Können. Selbst ein Tomme-Käse aus Hochsavoyen (Foto) kann Luxus sein: Entscheidend sind die richtige Milch, die Reifung und das Gespür für den Geschmack. All das erfordert Zeit und echtes Know-how.


Und Uhren? Hätten Sie Lust, selbst welche zu entwerfen?

Ja, ich war schon mehrmals im Vallée de Joux und bin von der dortigen Kunsthandwerkskunst sehr beeindruckt. Mit Hermès habe ich bereits eine Uhr entworfen: In the Pocket (Foto), eine limitierte Neuinterpretation eines historischen Modells aus dem Archiv des Hauses. Eine Taschenuhr im Zwiebelformat, die wie bei den Soldaten des Ersten Weltkriegs am Handgelenk getragen wird.


Welche Blume verschenken Sie am liebsten?

Die Pfingstrose (Foto), weil sie so vergänglich ist und man bis zur nächsten Saison warten muss. Sie ist magisch: duftend, zart und üppig.



Wo tanken Sie neue Energie?

In den Bergen, in Arolla. Und ich kehre im Hotel Hold (Foto) ein: garantiert ohne Design und ohne Instagram, nur die Pistenwärter, die auf einen Drink vorbeikommen. Das ist es, was ich liebe: das echte Leben. 


Und Paris? Welche Orte begeistern Sie besonders?

Es gibt so viele! Paris ist reich an Denkmälern und Geschichte. Besonders liebe ich jedoch den Place du Palais-Royal (Foto) mit seinen Arkaden, die über die Jahrhunderte nahezu unverändert geblieben sind und noch immer nur wenige Touristen anziehen. Auch dem Musée des Invalides mit seinen beeindruckenden Sammlungen zur Geschichte der französischen Armeen fühle ich mich sehr verbunden. Die Exponate zeugen von unglaublicher Erfindungsgabe und technischer Raffinesse. Welche Handwerkskunst in Uniformen, Medaillen und Ausrüstung steckt! Besonders die Lederverarbeitung ist aussergewöhnlich.