
Für fast 80 Prozent der Weltbevölkerung unsichtbar, offenbaren sich die Sterne in bestimmten Regionen von Arizona und Utah dank der Arbeit einer Gruppe von Astronomen wie nie zuvor. Willkommen in den «Dark Sky Communities».
Bei Sonnenuntergang tauchen die ersten suchenden Gesichter im Buffalo Park auf, im Herzen von Flagstaff, einer Stadt im Norden von Arizona. Mit nach oben gerichtetem Blick scannen sie den Himmel nach Farben ab, die sich aus der Dunkelheit schälen. «Seht euch dieses Rot an!», ruft Dr. Danielle Adams, eine lokale Astronomin. «Wenn die Nacht hereinbricht, werden diese Farbsäulen überall um uns herumtanzen.»
Ein paar Stunden später leuchtet der sonst so dunkle Himmel über der Stadt in einem majestätischen Rosa, während sich das intensive Rot der Nordlichter – entstanden durch die Kollision geladener Teilchen des Sonnenwinds mit der Erdatmosphäre – mit dem weissen Schimmer des ersten Mondviertels vermischt. Im Laufe der Nacht, wenn der Mond untergeht, färbt sich der Horizont feuerrot. Der schwarze Himmel ist übersät von Tausenden von Sternen. Sie tauchen die Bäume in ein sanftes, diffuses Licht. «Das ist unglaublich. Für mich gehört das zu den Wundern des Himmels», ist Adams begeistert. «Hier kann man Phänomene beobachten, die man normalerweise anderswo unter einem lichtverschmutzten Himmel nicht sehen würde.»
Flagstaff zog aufgrund des klaren Nachthimmels bereits im späten 19. Jahrhundert eine wachsende Gemeinschaft von Astronomen an. Sie verpassten der Stadt den Spitznamen «Skylight City». Durch die Teleskope im Lowell-Observatorium, das in den bewaldeten Hügeln rund um das Stadtzentrum thront, entdeckten Astronomen 1930 den Planeten Pluto. Und als wäre das nicht schon genug, kartografierten sie den Mond für das Apollo-Programm Anfang der 1960er-Jahre.
Die zahlreichen Entdeckungen haben die lokalen Astronomen für die Gefahr von künstlichem Licht sensibilisiert. Sie haben eine Gemeinschaft ins Leben gerufen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Nachthimmel vor Lichtverschmutzung zu schützen. Mit Erfolg: Ihre Mission zieht immer grössere Kreise. Im Jahr 2001 wurde Flagstaff dank der aussergewöhnlichen Sichtbarkeit der Sterne, wegen seiner gedämpften Aussenbeleuchtung und aufgrund der Aufklärungsbemühungen zur weltweit ersten Stadt, die als «IDA Dark Sky Community» zertifiziert wurde. «Obwohl wir uns mitten in einer so grossen Stadt befinden, kann man unglaublich viele Sterne sehen», erklärt Adams, die auch als Geschäftsführerin der «Flagstaff Dark Skies Coalition» (FDSC) fungiert.

Von Arizona in die ganze Welt
Laut dem «World Atlas of Artificial Night Sky Brightness», der die Lichtverschmutzung misst, leben mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung – und über 99 Prozent der Einwohner westlicher Länder! – unter einem lichtverschmutzten Himmel. Zwischen 2017 und 2018 hat die weltweite Lichtverschmutzung um mindestens 49 Prozent zugenommen. Nebenwirkung: Immer mehr Gemeinden und Naturschutzgebiete sind dem Beispiel von Flagstaff gefolgt. Heute haben sich mehr als 200 Standorte in 22 Ländern und auf 5 Kontinenten (darunter der Naturpark Gantrisch) dieser «Dark Sky»-Gemeinschaft angeschlossen. Ihre Intention: die Dunkelheit für künftige Generationen zurückzugewinnen und zu bewahren.
Seit mehr als 300 000 Jahren ermöglicht die Symbiose mit dem Nachthimmel den Menschen, sich zu Lande und zu Wasser zu orientieren, den Lauf der Jahreszeiten zu verfolgen. Alle Zivilisationen, von den Babyloniern bis zu den Mayas, von den alten Griechen bis zu den Chinesen, über die indigenen Völker Nordamerikas bis hin zu den Aborigines Australiens, haben diesem komplexen Geflecht aus Sternen und Planeten durch die Schaffung von Sternbildern einen Sinn gegeben.
Sie haben sie mit unzähligen Erzählungen bereichert, die Mythos, Geschichte und Wissenschaft miteinander vermischen. Die Beobachtung des Sternenhimmels war der Motor unserer grössten Entdeckungen – von den Planetenbewegungen bis zu den Mondphasen, vom heliozentrischen Weltbild bis zur universellen Gravitation. Sie führte zur Entwicklung von wissenschaftlichen Methoden, inspirierte Philosophen von Aristoteles bis Kant und warf unzählige Fragen über unseren Platz im Universum auf.

Nachts ist der Himmel fast überall grau
Doch seit dem Beginn der industriellen Revolution und der Elektrifizierung hat der Mensch nach und nach den Kontakt zum Firmament verloren. Während uns Sonden und Raketen der Galaxie näherbringen, hat die Technologie die Sterne für unsere Orientierung überflüssig gemacht. Mit dem Siegeszug des künstlichen Lichts hat sich der einst funkelnde Himmel in einen trüben, leblosen grauen Schleier verwandelt – zumindest in der Nähe von Städten.
«Was mit dem Nachthimmel geschieht, ähnelt der Geschichte von Wasser, das man langsam zum Kochen bringt. Je heller der Himmel von Jahr zu Jahr wird, desto weniger wissen wir über ihn, desto unwichtiger wird er für uns, desto weniger schützen wir ihn und desto mehr verschlechtert sich sein Zustand», erklärt Chris Luginbuhl, Vorsitzender der FDSC. «Ohne Nachthimmel werden wir ein kleineres Universum und ein traurigeres Leben haben. Aber die meisten Menschen werden es nicht bemerken, da sie noch nie eine grandiose, sternenreiche Nacht gesehen haben.»
Die Beobachtung des Sternenhimmels war der Motor für unsere grössten Entdeckungen.
Nachts verbreiten die Strassenlaternen von Flagstaff einen sanften bernsteinfarbenen Schein, der die Metropole in eine märchenhafte Atmosphäre hüllt. Während die Milchstrasse sich über die roten Backsteingebäude spannt, verschmelzen die Lichter der Stadt mit dem Schein der Sterne und lassen das Himmelsgewölbe so nah erscheinen, dass man meint, es fast berühren zu können. Der Weltraum und die Erde werden eins und laden die Menschen dazu ein, die Unendlichkeit des Universums zu erkunden, sich wieder mit vergangenen Generationen zu verbinden, die denselben Himmel geteilt haben.
«Das erinnert uns daran, dass wir uns trotz unserer Unterschiede in Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft alle inmitten dieses riesigen Universums befinden und dass wir nur einander haben», erklärt Bettymaya Foott, Mitarbeiterin des Vereins «DarkSky International». «Wir sind alle Besatzungsmitglieder dieses Raumschiffs Erde.»

