
Sie gilt als «Königin der farben»: Die französisch-iranische Designerin India Mahdavi mäandert zwischen den Welten und gestaltet sie dabei bunter.
Durch den Wintergarten fällt Sonnenlicht ins Wohnzimmer. Während das Wetter in Zürich noch kalte Schauer über den Rücken schickt, herrschen in Arles bereits frühlingshafte Temperaturen. India Mahdavi ist gerade in ihrem Haus in Südfrankreich, als sie sich zum Zoom-Gespräch einloggt. Orangefarbener Rollkragenpullover vor cremefarbener Wand. Vor rund fünf Jahren hat sie das zweistöckige Gebäude gekauft, ihr erstes eigenes Zuhause. Eine Tatsache, die angesichts ihrer Vita stutzig macht.
Ist India Mahdavi doch nicht nur eine der gefragtesten Produkt- und Interior-Designerinnen unserer Zeit, sondern auch studierte Architektin, die Häuser für andere einrichtet. Und doch: Zuvor glich das Leben der 64-Jährigen dem einer Nomadin. Aufgewachsen in den USA, Deutschland und Frankreich, mit iranischen und ägyptischen Wurzeln, fühlte sich die Französin nirgendwo so richtig zugehörig. Eine Kosmopolitin ohne Anker in der Welt. Bis sie mithilfe ihrer guten Freundin Maja Hoffmann das Anwesen in Arles fand. Seit 15 Jahren arbeitet sie mit der Schweizer Kunstmäzenin zusammen.
Mahdavi hat eine enge Beziehung zur Schweiz. In Genf hat sie die Ladurée-Boutique gestaltet, auch ihre Schwester lebt mit ihrer Familie hier. Erst Anfang des Jahres stellte die «Königin der Farben» im Mews House in Zürich einen Teil ihrer Kleinobjekte zur Schau: Kissen, Vasen, Hocker, die in ihrem Studio in Paris entstehen. Designs in Erdbeerrot, Lila, Safrangelb – wie das sechs Meter lange Leinensofa, auf dem Mahdavi während unseres Interviews sitzt. Natürlich ebenfalls ein Eigenentwurf. Ihren Möbeln und Wohnaccessoires wohnt eine Fröhlichkeit inne, die sich auch auf die Restaurants, Hotels und Museumsprojekte überträgt, die sie weltweit entwirft. Von Miami über Mexiko-Stadt bis Trondheim.
Sie sind Jury-Vorsitzende für den «Design Doha Prize 2026», der eigentlich in diesen Tagen vergeben werden sollte. Aufgrund des Iran-Krieges wird die Veranstaltung voraussichtlich erst im November stattfinden. Was verbinden Sie mit der MENA-Region, die den Nahen Osten, Nordafrika und Südasien umfasst?
Diese Länder verfügen über fantastisches Handwerk. Obwohl sich die Kulturen voneinander unterscheiden, haben sie eine Art kulturelle Verbindung. Aber alle Designschulen sind sehr europäisch. Warum beeinflusst die westliche Lebensweise diese Länder, und warum sollte es nicht das eigene Land sein? Ich möchte die Designer ermutigen, tatsächlich auf die Probleme in ihrer Region einzugehen und nicht auf die Art und Weise, wie jemand aus einem ganz anderen Kontext vorgehen würde. Ich möchte sie lehren, zu verstehen, wie sie ihre eigenen Ressourcen, ihr eigenes Handwerk, ihre eigene Kultur nutzen können, um etwas zu schaffen. Sich dem Design aus dieser Perspektive zu nähern, finde ich sehr interessant.

Das komplett in Pink getauchte Restaurant Sketch in London ging in den sozialen Medien viral. Inzwischen hat Mahdavi den Raum in ein fröhliches Gelb getaucht.
(©LEANDRO FARINA)
Der Kontext ist also der Beginn von allem?
Ich weiss nicht, ob von allem – Design kann mit einer Emotion beginnen oder ganz einfach mit dem, was uns umgibt. Der Kontext beeinflusst nicht nur Form und Funktion, sondern setzt auch Rahmenbedingungen, die für mich oft Ausgangspunkte sind. Auch das Know-how ist Teil des Kontexts. Als ich 2003 / 2004 mein erstes Hotel in Mexiko entwarf, das «Condesa DF», haben wir nur lokale Materialien genutzt und mit einheimischen Arbeitskräften gearbeitet. Es ist dieser Dialog, der mich interessiert.
Sie haben Architektur studiert, bevor Sie sich dem Interior Design zugewandt haben. Wie ist Ihr Blick auf die Schweizer Architektur?
Die Schweiz hat schon immer grosse Namen der Architektur hervorgebracht, ich denke da an Le Corbusier, der die gesamte moderne Architektur beeinflusst hat. Viele meiner Lieblingsarchitekten sind Schweizer, wie Herzog & de Meuron, Peter Zumthor, Mario Botta oder der Architekturtheoretiker Philippe Rahm, der auch ein Freund von mir ist. Kürzlich habe ich den neuen Flügel des Kunsthauses Zürich entdeckt, der von David Chipperfield entworfen wurde. Ein sehr geradliniges und funktionales Gebäude, es hat mir gut gefallen. Mein Ansatz ist eher emotional, intuitiv.
Einen kleinen Einblick in Ihre Welt konnte man Anfang des Jahres im Mews House in Zürich gewinnen, wo Sie ein Pop-up hatten.
In Paris habe ich ein kleines Ökosystem in der Rue Las Cases, unter anderem zwei Ausstellungsräume, die ich Galerien oder jungen Designern zur Verfügung stelle, aber auch mein Atelier. Hier entstehen meine Editionen, also Möbel und kleinere Objekte. Ich entwerfe streng genommen nie eine Kollektion – es sind Stücke, die nebenei-nander existieren und ein fröhliches, stimmiges Ganzes bilden.

Bishop stool
Der Hocker ist das Signature Piece von India Mahdavi, ursprünglich entwarf sie ihn 1999 als Barhocker für einen New Yorker Nachtclub. Er ist inspiriert von der Figur des Läufers beim Schach und ist in Holz oder Keramik erhältlich.
(©DR)
Wie Ihren berühmten Bishop Stool. Anlässlich seines 24. Geburtstags wurde er in Schokolade gegossen. Sie enthielt Pistazien aus dem Iran. Inwieweit beeinflussen Ihre iranischen Wurzeln Ihr Design?
Aufgrund der Sanktionen habe ich leider keinen Zugang zu iranischem Know-how, seit dem Krieg ist es noch schwieriger geworden, etwas zu exportieren. Aber ich glaube, dass meine Arbeit etwas zutiefst Orientalisches hat. Ich denke, es ist ein Gefühl von Geborgenheit. Nichts Greifbares, was man sehen kann. Es ist das Gefühl, dass man sich in den Räumen umarmt fühlt.
Was genau macht diese Geborgenheit aus?
Ich gestalte für andere, nicht für mich selbst. Im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen die Menschen, die in einem Raum leben oder ihn besuchen. Ich schaffe Momente und diese werden zu Erinnerungen.
Sie haben zwar nie im Iran gelebt, sind aber in Teheran geboren. Was fühlen Sie angesichts des Kriegs?
Ich bin so traurig, traurig und sehr aufgebracht. Dieser Krieg bedeutet für die iranische Bevölkerung noch mehr Leid – und leider glaube ich nicht, dass er dem Iran Demokratie bringen wird. Ich glaube auch nicht, dass er irgendeines der Probleme lösen wird, wegen denen er begonnen wurde …
Also glauben Sie nicht, dass es in naher Zukunft Frieden geben wird?
Ich möchte optimistisch bleiben und hoffe, dass ich eines Tages erleben werde, wie sich der Iran der Demokratie zuwendet – in diesem Fall würde ich gerne mehr Zeit im Land meines Vaters verbringen.

Vergangenes Jahr hat im norwegischen Trondheim das Musem PoMo für moderne und zeitgenössische Kunst eröffnet. Das Treppenhaus hat Mahdavi gemeinsam mit dem Architekten Erik Langdalen gestaltet – das Metall leuchtet in einem kräftigen Orange.
(©VALERIE SADOUN)
Jede Menge positive Emotionen hat hingegen das Londoner Restaurant «Sketch» hervorgerufen, das in den sozialen Medien viral gegangen ist.
Als ich das «Sketch» entwarf, steckte Instagram noch in den Kinderschuhen, ich hatte keine Ahnung, dass es viral gehen würde. Dieser kubische Raum besitzt keine Fenster. Also beschloss ich intuitiv, ihm eine sanfte, feminine Form zu geben und ihn ganz in Rosa zu halten, monochrom. Für mich war es eine neue Art, mit Farbe umzugehen. Ich mischte zu Beginn meiner Karriere Farben ebenso wie Muster und überraschte mich selbst mit dieser Leichtigkeit – das hat eine ganze Generation junger Innenarchitekten inspiriert. Die monochrome Verwendung von Rosa in grösserem Massstab war überraschend und neu, vor allem, da es damals eher eine Zurückhaltung bei der Verwendung von Farben gab. Erst später fiel mir auf, wie schön die Menschen in diesem rosa Raum aussahen. Als hätten sie zwei Tage in der Sonne verbracht.
Warum glauben Sie, haben die Menschen Angst vor Farbe?
Weil es ein gewisses Talent erfordert, um Farben miteinander zu kombinieren. Ich betrachte Farben als Freunde. Ich finde, Farben sollten Gespräche anregen, sie sollten sich streiten, damit sie sich nicht zu sehr ähneln. Wenn sich bei einem Gespräch alle einig sind, entsteht keine besonders interessante Unterhaltung. Wenn man völlig anderer Meinung ist, entwickelt sich auch kein Gespräch. Aber wenn es ein bisschen Reibung gibt, wird der Austausch interessant. Wenn man nur Freunde aus einer Generation, mit einem Hintergrund, aus einem Land hat, wird es ein bisschen langweilig. Wenn man also Menschen aus aller Welt zusammenbringt und viele verschiedene Generationen und Kulturen, dann wird das Leben viel reicher.
Haben Sie eine Lieblingsfarbe?
Nein. Ich habe keine Lieblingsfarbe, aber meine Palette führt mich oft zu warmen Farben wie Gelb oder Orange zurück. Ich habe auch Momente, in denen ich bestimmte Farben anderen vorziehe, aber es geht mehr darum, welche Farben in welchem Haus funktionieren. Nehmen Sie zum Beispiel mein eigenes Zuhause: Hier mag ich Rot, obwohl ich normalerweise kein Fan davon bin. Aber ich glaube, dieses Haus brauchte Liebe und Wärme, und das Rot hat ihm das gegeben.
Ist die Liebe für Farben Ihrer Herkunft geschuldet?
Meine Liebe zu Farben, meine Liebe zu Mustern – das ist unbewusst. Es sind Erinnerungen an das, womit ich immer gelebt habe. Meine Leidenschaft für Farben rührt auch aus der Zeit, als ich in den Vereinigten Staaten gelebt habe. Meine ersten Erinnerungen sind in Technicolor.
Anschliessend zogen Sie nach Deutschland, und ab dann war das Leben auf einmal schwarz-weiss, haben Sie einmal gesagt. Das klingt traurig.
Nun, es war deprimierend. Ich wuchs als junges Mädchen in den Vereinigten Staaten auf, die in meiner Erinnerung so fröhlich und modern waren. Nach Europa zu kommen, war in gewisser Weise sehr dramatisch für mich. Der Himmel hängt tief. Die Gebäude sind grau. Ich musste alle meine Freunde verlassen. Trennung ist in diesem Alter traumatisch. Die Leute kannten Ägypten, aber beim Iran fragten sie: «Wo liegt dieses Land?» Ich war überall das Mädchen, das von woanders herkam. Ich bin als Fremde aufgewachsen – vielleicht habe ich mich deshalb erst mit fast
55 Jahren entschlossen, irgendwo ein Haus zu kaufen.
Hat Ihnen das Gefühl von Heimat gefehlt?
Natürlich. Wahrscheinlich entwerfe ich deshalb Häuser.

2023 hat India Mahdavi die Villa Medici in Rom neu gestaltet. Sie ist Sitz der French Academy. Das Gebäude stammt aus dem 16. Jahr-hundert, Mahdavi hat den historischen Räumlichkeiten mit kräftigen Farben und starken Mustern eine zeitgemässe Note verliehen.
(©FRANÇOIS HALARD)
Sie befinden sich gerade in Ihrem Haus in Arles. War es schwierig, ein Gebäude zu finden, das Ihren Ansprüchen als Designerin gerecht wird?
Das ist so, als würde ich Sie fragen, ob es einfach ist, einen Ehemann zu finden. Ich weiss es nicht. Vielleicht den richtigen. Dieses hier stand zwei, drei Jahre leer. Es war also wirklich baufällig. Wenn man ein Haus kauft, kauft man es wegen seiner Möglichkeiten. Möglichkeiten sind immer spannender als die Realität, weil man etwas plant und nicht weiss, wohin es einen führen wird. Und man muss sich vom Haus selbst leiten lassen.
Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Ich habe alles erhalten, was sich retten liess. Im Iran hat man immer Innen- und Aussenbereiche. In dieser Gegend von Südfrankreich gibt es viele Mücken. Also habe ich ein grosses Fenster geöffnet und eine Veranda mit Moskitonetzen geschaffen, wo ich den grössten Teil meines Sommers verbringe. Es ist im Grunde genommen ein Zwischenraum – ein bisschen wie ich. Das gefällt mir sehr gut.
Im PoMo Museum in Trondheim waren die Zwischenräume für Sie auch elementar.
Dieses Gebäude war ursprünglich als Hauptpostamt der Stadt konzipiert worden, als Ort, an dem man Nachrichten aus aller Welt verschickt und empfängt. Bei diesem Projekt ging es da-rum, die Verbindung zwischen einer lokalen Gemeinschaft und Besuchern aus aller Welt herzustellen – und sie rund um die Werke internationaler Künstler zusammenzubringen. Ich wollte das Thema Gastfreundschaft auf der Ebene eines Museums anzugehen. Dabei habe ich mich auf die Zwischenräume konzentriert, die die Verbindung zwischen allen Ausstellungsräumen herstellen: das Treppenhaus, den Museumsshop, den Lesesaal. Die Ausstellungsräume selbst sind hingegen sehr schlicht gehalten. Es war wichtig, dass sich die lokale Bevölkerung das Museum in diesem symbolträchtigen Gebäude zu eigen macht. Die gesamte Farbpalette stammt aus der, die ich in der Stadt Trondheim gefunden habe.
Ihre Herangehensweise an Design ist die einer Geschichtenerzählerin.
Ich wollte eigentlich nie Architektin werden, sondern lieber Filme machen! Um einen Raum zu verstehen, muss man so etwas wie Filme machen. Sie ermöglichen es einem, einen Traum oder eine Welt zu projizieren, die so nicht unbedingt existiert. Nach dem Abitur bin ich ein Jahr lang jeden Tag dreimal ins Kino gegangen. Das schult dein Auge, wie eine Kamera zu funktionieren. Ich habe nur Architektur studiert, weil Fritz Lang ebenfalls Architekt war und dann zum Film gegangen ist. Aber das Setdesign für Filme, besonders für französische, hat keine grosse visuelle Wirkung. Es geht mehr um die Charaktere, der Hintergrund spielt nur eine untergeordnete Rolle. Irgendwann begann ich, mit Christian Liaigre zu arbeiten, einem französischen Dekorateur. Es war die Zeit, in der Andre Putman das «Morgans Hotel» gestaltete und Philippe Starck das «Royalton». Es war fast, als würden sie diesen Beruf neu erfinden. Mir wurde klar, dass ich mit meiner Arbeit meine eigenen Geschichten erzählen konnte.
Wo würden Sie gerne noch einmal ein Hotel gestalten?
In der Schweiz würden mich viele Orte reizen, nicht unbedingt in den Bergen, denn dort gibt es schon fantastische Häuser. Aber ich denke, Locarno könnte ein grosses Hotel brauchen, oder Basel. Das sind Städte, die ich wirklich liebe. Sogar Zürich wäre eine Option. In der Schweiz gibt es viele luxuriöse Palasthotels oder sehr einfache, aber dazwischen nicht viel.
Sie arbeiten mit ganz unterschiedlichen Marken wie Aigle, Dior oder H&M Home zusammen – nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Kooperationspartner aus?
Wenn ich ein neues Projekt beginne, spielt der Ort für mich eine grosse Rolle. Ich lasse mich von ihm inspirieren. Vor Kurzem wurde mir ein Projekt in Usbekistan angeboten. Es ist spannend für mich, in diesen Teil der Welt zu reisen, weil er mit meiner eigenen Geschichte verbunden ist. Ich habe mein ganzes Leben zwischen dem Orient und dem Okzident verbracht. Ich verstehe beide Welten gut.
Wie sehen Sie den Einfluss der künstlichen Intelligenz auf das Design – Fluch oder Segen?
Ich nutze sie nicht sehr oft, aber ich bin froh, dass ich KI für all die Aufgaben einsetzen kann, die ich wirklich langweilig finde, wie zum Beispiel Administratives. Im Moment betrachte ich sie als Werkzeug. Ich habe sie im kreativen Bereich ausprobiert, aber die Bilder, die dabei herauskommen, sind nicht besonders gut. Dennoch finde ich alles, was sie leisten kann, interessant, vorausgesetzt, die Person, die sie nutzt, beweist Fantasie und Kreativität, denn KI hat keine eigene. Man muss sie füttern, die Nahrung ist die Idee.
Also macht Ihnen die Entwicklung keine Angst?
Natürlich, wenn Arbeit repetitiv ist, können Algorithmen sie ohne einen erledigen. Aber wenn Sie etwas tun, was die Leute nicht von Ihnen erwarten, dann kann die Maschine das nicht erfinden. Dann werden Sie einzigartig sein. Wenn man sich alle Räume ansieht, die ich entworfen habe, gibt es vielleicht einen gemeinsamen Nenner in Bezug auf Freude, Farbe und Details, aber sie ähneln sich überhaupt nicht. Ich finde, das Wesentliche ist, immer wieder zu überraschen.

Purple rain
Anlässlich des 170-Jahr-Jubiläums von Aigle bat das französische Label India Mahdavi, einen Gummistiefel zu entwerfen. Jetzt geht die Kooperation mit einem Regenmantel in die zweite Runde: «Purple Rain ist wie für fröhliche Stunden im Regen gemacht, man sollte ihn tragen und dabei singen», so die Designerin.
(©DR)

