
Die Ägyptologin Colleen Darnell lässt die antike Welt mit Glamour und Humor wieder aufleben.
Die Szene wirkt wie aus einem Historienfilm. Nach ein paar ganz und gar zeitgemässen E-Mail-Wechseln wird ein Treffen am Karnak-Tempel im Niltal vereinbart, an einem Winternachmittag. Und schon tauchen wir ein in eine Art Augmented Reality. In die Welt der Pharaonen, in den Kult um Gott Amun, wie es der gigantische Komplex nahelegt, und in die Geschichte der ersten archäologischen Entdeckungen und den Hauch von Transgression und Abenteuer, der sie begleitete. Die Journalistin wartet auf den Star namens Colleen Darnell. Eine renommierte Ägyptologin, aber auch eine schelmische Schauspielerin abseits der Leinwand, die den Glamour der «Goldenen Jahre» der Ägyptomanie wieder zum Leben erweckt.
Da kommt sie auch schon angerast, in einem Land Rover, der so alt ist, dass er direkt aus den Requisitenlagern Hollywoods zu stammen scheint. Eine Staubwolke umgibt ihn. Die Archäologin kümmert es nicht, sie springt elegant aus dem Wagen, gekleidet in Reiterhosen und in eine gestreifte Dandy-Jacke, an ihrer Krawatte steckt eine Brosche in Form einer kleinen Schleife. Nicht zu vergessen – muss man das angesichts der Hitze überhaupt erwähnen? – der mit Blumen geschmückte Hut und der asiatisch anmutende Bambussonnenschirm. Mit ihrem Bubikopf und ihren mohnroten Lippen scheint sie direkt einem Film der 1920er-Jahre entsprungen – man wundert sich fast, dass sie nicht in Schwarz-Weiss erscheint.
Der historische Look fällt unter den Touristen, die in Shorts und verschwitzten T-Shirts umherlaufen, auf. Darnell weiss das, sie spielt mit ihrer Optik. Ganz nebenbei nutzt sie ihre Erscheinung, um Wissenschaft populärer zu machen. Hält sie sie doch für unendlich wertvoll, um die Menschheit zu verstehen. Die Methode ist wirkungsvoll: Die Besucher der antiken Stätte erkennen sie sofort. Sie folgen ihr in den sozialen Netzwerken unter ihrem Profil «Vintage Egyptologist», sprechen sie an, um eine Frage zu stellen – oder um ein Selfie mit ihr zu machen. Die 46-jährige US-Amerikanerin Darnell ist nicht nur sehr schön und sehr verschmitzt, sie ist auch eine der renommiertesten Wissenschaftlerinnen ihres Fachgebiets.
Die Absolventin der Yale University gibt Onlinekurse in Ägyptologie und hat eine Vielzahl von Fachbüchern verfasst, darunter das kürzlich erschienene «Egypt’s Golden Couple: When Akhenaten and Nefertiti Were Gods on Earth», das sie gemeinsam mit ihrem Ehemann John Coleman Darnell, Professor für Ägyptologie an der Yale University, geschrieben hat. Darin entschlüsseln sie, wie das Königspaar Echnaton und Nofretete die religiösen und künstlerischen Praktiken ihrer Zeit revolutionierte. Ihre aufwendigen Outfits (auch ihr Gatte steht auf Vintage) deuten bereits darauf hin: Die beiden Wissenschaftler, egal ob gemeinsam oder getrennt unterwegs, sind alles andere als Stubenhocker.
Die Darnells verbringen einen Grossteil des Jahres damit, den Sand der El-Kab-Wüste, die das Niltal mit dem Roten Meer verbindet, zu durchkämmen, um die Felsinschriften zu entschlüsseln und zu katalogisieren, die die alten Karawanenwege säumen. Für diese Aktivitäten hat Colleen Darnell alte Mechaniker-Outfits mit zahlreichen Taschen gefunden, die sie zusammen mit Lederstiefeln trägt, um sich vor Schlangen- und Skorpionbissen zu schützen. Die Sonne geht über den Ruinen von Karnak unter und taucht die in Stein gemeisselten Inschriften in goldenes Licht. Darnell steckt ihre Kamera in ihre Ledertasche und führt die Journalistin zu einer kleinen Osiris-Kapelle, für ein Gespräch fernab der Menschenmassen.
Wie entwickelt sich Ihrer Meinung nach das Interesse am Alten Ägypten?
Die Faszination für Ägypten ist weltweit ungebrochen. Sie gewinnt bei archäologischen Funden oder Ereignissen wie der Eröffnung des Grand Egypt Museum, des GEM, im vergangenen Herbst an Bedeutung. Aber auch jenseits dieser touristischen Höhepunkte ist das Interesse gross, denn das ägyptische Erbe ist so alt und gleichzeitig so gut erhalten. Es spricht jeden an.
Was ist seine Botschaft für die heutige Welt?
Ich denke, es gibt zwei wichtige Lehren. Die erste betrifft den Umgang mit Gerechtigkeit und Moral. Die alten Ägypter haben ihrem Ideal vielleicht nicht immer gerecht werden können, aber ihr Verständnis von Gut und Böse kommt dem, woran wir uns heute halten, sehr nahe. Es ist eine schöne Lektion in Bescheidenheit, zu erkennen, dass wir die Prinzipien von Menschen teilen, die vor 4000 Jahren gelebt haben! Die andere Lehre betrifft die Beziehung zum Tod. Die Menschen damals hatten die Unausweichlichkeit des Todes tief verinnerlicht, und die Riten rund um diesen Übergang waren sehr präsent.
Womit beschäftigen Sie sich derzeit in Ihrer Forschung?
Ich bin sehr aktiv vor Ort bei Johns archäologischem Projekt in der Wüste von El Kab. Neben meiner akademischen Schreibarbeit widme ich viel Energie meinen Aktivitäten für die breite Öffentlichkeit, insbesondere den Kursen, die Ägyptologie für alle zugänglich machen.
Sie unterrichten auch das Lesen von Hieroglyphen. Wer sind Ihre Studierenden?
Es gibt ebenso viele junge Menschen, die sich auf ein akademisches Studium der Ägyptologie vorbereiten, wie Neugierige, die einfach aus Leidenschaft kommen … sogar Rentner, die das Entziffern von Hieroglyphen als hervorragendes Training für geistige Beweglichkeit betrachten.
Auf Ihrem Instagram-Account inszenieren Sie sich sehr theatralisch, um diesen oder jenen Abschnitt der ägyptischen Geschichte zu erklären.
Ich bekomme unglaublich positives Feedback. Ich finde es toll, dass das Publikum sowohl die Kleidung als auch die Bilder und die Geschichte, die sie erzählen, so sehr schätzt. Ich kann spielend eine Verbindung zu meinem Publikum aufbauen. Wer sein Wissen vertiefen möchte, meldet sich für meine Kurse an. Dabei läuft viel über Assoziation. Eine Glasperlenkette? Schon erzähle ich von der Glasherstellung im Alten Ägypten.

Was kam bei Ihnen zuerst: Ägypten oder die Vintagemode?
Ganz klar Ägypten! Allerdings gefällt mir die perfekte Synergie zwischen den Outfits der 1920er-Jahre und der Ägyptomanie, die damals die Welt erfasste, sehr. Ich liebe die Mode dieser Zeit, und ich liebe Ägypten. Noch dazu habe ich einen Mann geheiratet, den dasselbe interessiert – was für ein glücklicher Zufall!
Wie sieht die akademische Welt Ihren kostümierten Ansatz? Sie ist ja nicht gerade für ihren Sinn für Fantasie bekannt …
Sagen wir einfach, dass es manchmal Mut erfordert, gegen den Strom zu schwimmen. Man muss zu seiner Andersartigkeit stehen.
Manche sehen in den 1920er-Jahren ein Goldenes Zeitalter des Kolonialismus.
Diese Jahre sind interessant, weil es sich um eine wahrhaft globale Bewegung handelte. Es gab Flapper und Garçons sowohl in Kairo als auch in New York oder Japan. Die Art-déco-Bewegung verkörperte einen weltweiten Glauben an Fortschritt und Modernität. Es gab eine gemeinsame Ästhetik. Diese möchte ich feiern – ohne alte Weltanschauungen, die dort nichts zu suchen haben.
Sie müssen einen grossen Kleiderschrank besitzen.
Wir wohnen in Connecticut in einem Haus aus dem Jahr 1844, das mit Antiquitäten eingerichtet ist, aber über eine Vielzahl von Schränken verfügt. Meine empfindlichsten Stücke sind in Seidenpapier eingewi-ckelt und in Kisten verstaut. Also ja: Man braucht Platz.
Um noch einmal auf die Archäologie zurückzukommen, wie läuft es vor Ort ab: Kniet man im Sand, oder sitzt man vor einem Computer?
Man muss sich ein Zeltlager vorstellen mit Vermessungen, dem Sammeln von Töpferwaren, Fotoaufnahmen, der Erstellung von 3D-Modellen und der Erfassung jeder Inschrift auf den Felsen.
Was erfahren Sie durch diese Felskunst?
Die ältesten dieser Routen wurden vor 6000 bis 3000 Jahren genutzt. Die Gravuren sind eine der wertvollsten Informationsquellen über die Reisenden der Antike. Sie zeichneten Tiere und Boote, sie ritzten ihre Namen ein – dort haben wir sehr frühe Hieroglyphen-Inschriften entdeckt, die helfen, den Ursprung der ägyptischen Schrift zu verstehen.
Die Menschen hinterliessen Spuren auf der Strasse, damit künftige Generationen sie sehen konnten. Manchmal dienen diese Inschriften als Grabdenkmal, um den Verstorbenen zu gedenken.
Was ist der anspruchsvollste Teil der Arbeit?
Die Beleuchtung. Wir nutzen eine Spitzentechnologie, die sogenannte Orthofotografie. Die Hieroglyphen sehen im Schatten ganz anders aus als im Sonnenlicht. Genau das Gleiche gilt für die Wüste. Wir verwenden manchmal Blitzlicht, aber vor allem Spiegel, um das Sonnenlicht zu reflektieren. Unsere zweidimensionalen Fotos werden anschliessend in 3D-Modelle umgewandelt und auf das iPad übertragen. Direkt vor Ort zeichnen wir mithilfe eines Vektorzeichnungsprogramms alle Linien nach, um eine perfekte Reproduktion zu erhalten.
Ich nehme an, Sie haben auch ein Haus im Tal der Könige?
Ja, das Ministerium für Altertümer stellt unserem Projektteam ein aussergewöhnliches Haus in Elkab am Nilufer zur Verfügung. Das Haus stammt aus dem Jahr 1906 und ist vollständig aus Lehmziegeln gebaut, nach einer Tradition, die bis heute fortbesteht und die von der Architektur koptischer Klöster mit grossen Kuppeln inspiriert ist. Es ist wahrscheinlich einer der schönsten Orte in ganz Ägypten.
Wie bewerten Sie die Entwicklung des Tourismus in Ägypten – angesichts dieser kolossalen Projekte?
Ich denke, einer der richtigen Schritte des Tourismusministeriums besteht darin, mehr Stätten zu öffnen, um einerseits die Denkmäler zu erhalten, indem die Menschenmassen verteilt werden, und andererseits mehr Regionen vom Tourismusboom profitieren zu lassen.
Das Publikum hat Sie auch in der sehr umstrittenen Dokumentarserie über Kleopatra auf Netflix gesehen …
Als ich im Rahmen der Serie interviewt wurde, wusste ich nicht, dass die Produktion versuchte, moderne Konzepte zu Hautfarbe und ethnischer Identität in den Kontext des Alten Ägyptens zu übertragen.
Ägypten war eine multikulturelle und multiethnische Gesellschaft, und die Ägypter jener Zeit wären überrascht gewesen über unsere Fragen zu etwas, das die meisten von ihnen als rein kosmetisches Thema betrachteten. Ich war schockiert und enttäuscht, als der Trailer herauskam und ich sah, wie man versuchte, die Geschichte umzu-schreiben, um sie in eine moderne Erzählung einzupassen.
Die Dokumentation geht davon aus, dass Kleopatra afrikanischer Abstammung und somit schwarz war. Das ist die These mehrerer Archäologen in der Serie.
Kleopatra aus der Ptolemäer-Dynastie war eine griechische Makedonierin. Es ist möglich, wenn auch ungewiss, dass ihre Mutter Ägypterin war. Wenn wir uns jemanden vorstellen wollten, der ihr ähnelt, teils Mazedonierin, teils Ägypterin, müssten wir uns einfach jemanden visualisieren, der heute in Alexandria lebt. Alexandria war nämlich schon immer eine sehr kosmopolitische Stadt, in der Menschen aus allen Himmelsrichtungen lebten.
Damit kommen wir zur dritten Lehre aus dem Alten Ägypten: die Integration von Unterschieden …
Genau. Es ging nicht darum, woher man stammte, sondern vielmehr um die Gesellschaft, der man angehörte. Als Archäologen müssen wir versuchen, zu verstehen, wie sich die Ägypter selbst wahrnahmen. Völlige Objektivität ist nie möglich, aber wir müssen es zumindest versuchen.
Interview Renata Libal
© Eröffnungsbild: Hassan Mohamed

