
Je digitaler die Welt wird, umso öfter setzen Spas wieder auf altes Wissen und die Kraft der Natur. Wie das neue ŪRJĀ im «Four Seasons Kuda Huraa» auf den Malediven. es ist inspiriert vom Emma Kunz Zentrum in der Schweiz.
Die anreise dauert nur wenige Minuten. Sie erfolgt nicht mit der S-Bahn, nicht mit dem Bus und auch nicht mit dem Auto. Der Weg ins Spa führt übers Wasser. Das so türkisfarben ist, als hätte Tiffany & Co. seine Markenfarbe «1837 Blue» über den Indischen Ozean ausgeschüttet. Das kleine Dhoni gleitet über Yellowback Fusilier und Blue Striped Snapper hinweg, bis es am Holzsteg gegenüber der Hauptinsel anlegt. Das «Four Seasons Resort Maldives at Kuda Huraa» besitzt kein gewöhnliches Spa, sondern gleich eine ganze Wellnessinsel. Hier, auf Sand, der so weiss ist, dass er die Augen blendet, hat zwischen Palmen und Mangroven vor wenigen Tagen die ŪRJĀ Naturopathy Island eröffnet. Die kleine Insel, auf der Spa-Treatments und Sonnenaufgangsyoga durchgeführt werden, gibt es schon länger, das Konzept aber ist neu.

Das Luxusresort Four Seasons Kuda Huraa liegt im Nord-Malé-Atoll. Von den Beach Pavilions mit eigenem Pool geht es direkt in den Indischen Ozean.

Darf es ein bisschen Meer sein? Der Infinity Pool im „Landa Estate“ im Four Seasons Resort Landaa Giravaaru. Auch die regulären Overwater-Villen kommen mit einem Pool und einer atemberaubenden Aussicht daher.
ŪRJĀ bedeutet in Sanskrit «Lebenskraft». Das Wort verweist auf das, worum es in dem Wellnesszentrum geht: mit naturverbundenen Ritualen zur inneren Balance wiederfinden, Körper, Geist und Seele wieder in Harmonie bringen – ganz ohne Hightech. «Unsere Energie richtet sich durch unseren Alltag oft nach aussen. Wir wollen die Lebensenergie wieder ausbalancieren», sagt Dr. Anand Prayaga, Naturheilpraktiker und Leiter des Spas. Dies geschieht nicht etwa mit Elektromuskelstimulation oder Nährstoffinfusionen, die seit einigen Jahren wie Kaffee durch die Adern von Gesundheitsjüngern fliessen – sondern mit einer Gesteinserde, die aus dem Schweizer Dorf Würenlos stammt.
Gesteinserde aus der Schweiz
Aber warum, fragt man sich unweigerlich, setzt ein Luxusspa im Indischen Ozean auf ein Gesundheitsritual, das vor rund
100 Jahren von einer Schweizer Heil-praktikerin und Naturforscherin proklamiert wurde? Rund 7500 Kilometer von den Malediven entfernt? «Gesundheit ist immer ganzheitlich. Wir waren auf der Suche nach Kunstwerken, die eine heilende Wirkung haben. In London sind wir dann auf die Bilder von Emma Kunz gestossen», berichtet Dr. Prayaga. Die Schweizerin Kunz, die sich selbst nie als Künstlerin bezeichnete, fertigte mittels eines Pendels Bilder mit geometrischen Figuren an, deren Rhythmus und Formen Antworten auf die drängendsten Fragen des 21. Jahrhunderts geben sollen. Die Werke wurden in namhaften Häusern wie dem New Museum in New York, den Serpentine Galleries in London oder dem Seoul Museum of Art ausgestellt, mehrere Zeichnungen hängen auch im neu eröffneten Engadiner Hotel «Chesa Marchetta» des Galeristenpaars Manuela und Iwan Wirth.
Nicht so präsent, aber nicht minder verblüffend ist eine Entdeckung, die Emma Kunz in einer Römergrotte im Limmattal mit einer Wünschelrute machte: ein Gestein, das sie auf den Namen Aion A taufte und dem sie heilende Kräfte zusprach. Als der Sohn des Steinbruchbesitzers an Kinderlähmung erkrankte und kein Arzt Rat wusste, bat der Vater Kunz um Hilfe. Sie legte dem Sechsjährigen über Monate Verbände mit der Heilerde an, bis er wieder laufen konnte. Der genesene Anton C. Meier war Kunz so dankbar, dass er daraufhin das Emma Kunz Zentrum in Würenlos errichtete. Noch heute wird ihre Kunst dort ausgestellt, wird das Aion A von hier aus in die ganze Welt verschickt.

Heilerde
Rheumatische Erkrankungen, Gelenk- und Muskelschmerzen, Nervenschmerzen, Zerrungen oder Hautentzündungen: Die von Emma Kunz entdeckte und Aion A benannte Heilerde soll gegen eine Vielzahl von Leiden helfen. Sie wird im Römersteinbruch bei Würenlos abgebaut und enthält Kalzium-karbonat, Kieselsäure sowie tonartige Mineralien. Kunz schrieb ihr auch bio-dynamische Energie zu.
Im «Four Seasons Resort Maldives at Kuda Huraa» wurde eigens ein Ritual mit Produkten entwickelt, welche die Heilerde enthalten. Es erfolgt in einem der Overwater-Pavillons, durch die eine warme Brise vom Meer hereinweht. Nach einem kurzen Fuss-Scrub mit Himalayasalz geht es auf die Massageliege. Mit einer Trockenbürste wird die Durchblutung angeregt, anschliessend erfolgt ein Wrap mit Aion-A-Schlamm. Während der mineralreiche Schlamm einwirkt, werden die Triggerpunkte auf dem Kopf mittels Akupressur bearbeitet, um Verspannungen zu lösen. Nach rund 20 Minuten wird die mineralreiche «Maske» abgewaschen. Die ŪRJĀ-Massage mit Limonenbalm und Thymian sorgt dafür, dass sich auch der Rest des Körpers entspannt. Zum Abschluss wird das Gesicht mit einem Cleanser, einer Peelingmaske und einer Creme zum Strahlen gebracht, die neben Aion A etwa Olivenöl, Mandeln, Sonnenblumenöl und Sesamöl enthalten.

Das moderne Interieur greift die Farben des Meeres und des Sandes auf.

Im Restaurant Fuego Grill im Landaa Giravaaru wird Surf & Turf serviert – eine gehörige Portion Romantik gibt es gratis dazu.
«Aion A ist griechisch und bedeutet grenzenlos», erklärt Dr. Eva Thiel. In der Schweiz leitet die Ärztin eine Praxis für ganzheitliche Medizin, zwölf Jahre lang führte sie Seminare am Emma Kunz Zentrum durch. Auch im ŪRJĀ gibt Thiel ihr Wissen weiter. «Das Aion A wirkt auf unseren Lichtkörper, auf unseren Emotionalkörper und auf unseren Mentalkörper. Es ist ein Mittel, um unsere eigenen Ressourcen, unsere Selbstheilungskräfte wieder zu aktivieren. Man kann es trocken oder als Schlamm anwenden, es hilft bei allen erdenklichen Beschwerden», so die Expertin. «Kunz war hellfühlig und konnte die Biorhythmen der Menschen und die Zyklen der Pflanzen gut lesen. Sie verbrachte viel Zeit in der Natur. Damals war sie ihrer Zeit weit voraus.»
Alte Rituale und Praktiken
Heute trifft Kunz’ Ansatz den Zeitgeist. Denn während immer mehr Medical Spas mit technischen Geräten zur viel gepriesenen Longevity beitragen, hat still und leise eine Gegenbewegung eingesetzt – befeuert durch die immer schneller fortschreitende Digitalisierung und die Ermüdungserscheinungen, die sie mit sich bringt. Anstatt auf Biohacking mit hochmodernen Geräten zu setzen, berufen sich eine Reihe von Luxushotels auf altes Wissen und naturnahe Praktiken. So hat sich das neue Seijaku-Spa im Basler Fünfsternehotel «Les Trois Rois» der japanischen Achtsamkeitskultur verschrieben. Das puristische Interieur mit Zedernholz und Washi-Papier stammt von den Stararchitekten Herzog & de Meuron.
Das Südtiroler Mountain-Hideway «Forestis» wiederum ehrt die Traditionen der Vorfahren: Im Wyda-Room werden jahrtausendealte Energieübungen der Kelten durchgeführt. Und im Spa des jüngst eröffneten «Grand Hotel Belvedere» in Wengen wird mit den Naturprodukten der Österreicherin Susanne Kaufmann gearbeitet. Die Pflanzen, die in den Ölen und Cremes landen, stammen aus dem Bregenzerwald.

Das neue Seijaku-Spa im Les Trois Rois setzt auf die japanische Achtsamkeitskultur. Es ist mit viel Zedern- und Nussbaumholz gestaltet.
© Olivia Pulver
Nun könnte man argumentieren: Warum sollte man um die halbe Welt reisen, wenn das Gute doch so nah liegt? Ein berechtigter Einwand. Aber gerade in den Ferien nehmen wir uns für Dinge Zeit, für die im Alltag keine bleibt. Sich um seine Gesundheit zu kümmern etwa. Und führt eine räumliche Entfernung nicht manchmal auch zu einer emotionalen? So wird in zweifacher Hinsicht Distanz geschaffen zu den Sorgen, die uns bei der Arbeit oder im täglichen Miteinander umtreiben. Kommt hinzu: Selbst die Umgebung kann zum Wohlbefinden beitragen.
Eine Studie der University of London hat belegt, dass das Glückshormon Dopamin auch ausgeschüttet wird, wenn man Kunst betrachtet oder architektonisch ansprechende Räume. Wie die Overwater-Villen im «Four Seasons Resort Maldives at Landaa Giraavaru», dem Schwesterhotel des «Kuda Huraa». Schon morgens im Bad durch ein Fenster im Fussboden die Fische beim Hin- und Herflitzen beobachten? Oder von der Pool-Terrasse dem Sonnenaufgang langsam beim Erröten zuschauen, während das leise Plätschern des Wassers wie ein meditatives Om wirkt? Fast unbezahlbar.

Das Moutain-Hideaway Forestis liegt auf 1800 Metern Höhe in einem bewaldeten Gebiet mit Blick auf die Dolomiten. Im Spa werden die Traditionen der Kelten zelebriert.
© Forestis
Das «Landaa Giraavaru» ist spezialisiert auf Ayurveda-Anwendungen – eine der ältesten Heilkunden der Menschheit. Ursprünglich aus dem Himalaya stammend, hat sie sich über Nepal bis in den Süden Indiens ausgebreitet. Ab etwa 800 v. Chr. entwickelte sich dann das medizinische System des Ayurveda. Anhand der Iris, der Zunge und des Pulses wird die Gesundheit abgelesen, ganz ohne Labor.
Im «Landaa Giraavaru» finden die meisten Treatments unter freiem Himmel statt, Gebetsfahnen weisen den Weg zu den Behandlungsräumen, begleitet von leisen Om-Klängen, die die Mitarbeiter eingesungen haben. «Wir haben in unserem Spa 2020 das Konzept AyurMa eingeführt, Mutter des Lebens», erzählt Direktor Dr. Arun K. Tomson. «Wir zelebrieren die Fähigkeit der Erde, uns zu heilen, und unsere Möglichkeiten, sie im Gegenzug zu heilen.» Und das klingt mehr als 2000 Jahre später zeitgemässer denn je.

Bilder fürs 21. Jahrhundert
Die Schweizer Heilpraktikerin und Forscherin Emma Kunz lebte von 1892 bis 1963. Ihr künstlerischer Nachlass umfasst mehr als 400 Bilder. Sie beschäftigte sich mit Prophetie, Telepathie und Heilkunde, lehnte den Begriff Wunder aber strikt ab. Für ihre Arbeit würde sie schlicht jene Kräfte aktivieren, die in jedem Menschen schlummern würden. Ab 1938 begann sie, grossformatige Bilder mittels eines Pendels auf Millimeterpapier anzufertigen. Mit den grafischen Werken wollte sie die Prinzipien des Universums erforschen. Jedem Bild liegt eine Frage zugrunde, die Kunz an das Pendel richtete. Sie beschriftete oder erklärte sie jedoch nicht, sondern meinte, dass die kodierten Werke «für das 21. Jahrhundert bestimmt» seien und Antworten auf viele Fragen geben würden. Kunz’ Bilder werden weltweit in renommierten Museen und Galerien ausgestellt.

